Das 'Grazer Manifest', 1900

 

Das 'Grazer Manifest' wurde von Schad-Rossa im Katalog zur Schad-Ausstellung 1900, Steiermärkischer Kunstverein Graz, veröffentlicht:

 

Ein Wort zuvor!

 

Früher, als man sich in der bildenden Kunst bemüssigt fand, Historien und Novellen auszustellen, war ein Katalog nothwendig, höchst nothwendig. Was hätte man in solch einer Ausstellung angefangen, hätte einem der Katalog nicht aufgeklärt über all' die Geschichts- und Tages-Comödien. - Heute, in der modernen Kunst-Ausstellung, ist im Grunde genommen der Katalog überflüssig, umsomehr, wenn es sich um eine Separat-Ausstellung handelt. Sind nicht die ausgestellten Werke schon selbst der beste Katalog? Und vermögen diese dem Beschauer nichts zu sagen (sei nun die Schuld auf der einen oder anderen Seite)  - der Katalog wird dann erst recht nicht imstande sein, diese Lücke auszufüllen. - Wenn ich nun, weil es nun einmal Sitte, einen Katalog zusammenstellte, so geschah es unter dem Gesichtspunkte, dass der Katalog eben ein künstlerischer Führer durch die Ausstellung sein soll, dass er dazu beitragen soll, den Künstler und sein Werk, seine Person und sein Handwerk dem Besucher verständlicher zu machen und dadurch näher zu bringen, dass er dazu beitragen soll Kunstfreunde zu werben!

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In diesem Sinne den Katalog seinen Grazer Freunden gewidmet.

P.Sch.

 

Georg Paul Schad-Rossa

 

München - Graz

 

Nur was man grenzenlos liebt, kann man verstehen lernen.

 

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Unter Modern verstehe ich etwas, sich auf idealer Höhe Befindliches, ob es nun tausende Jahre vor oder nach unserer Zeit dorthin gebracht wurde, ist gleich.

 

Der moderne Mensch hat mir das voraus, dass er s e i n e n idealen Empfindungen lebt, dass er bricht mit der Tradition und der conventionellen Lüge.

 

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Gibt es denn ein Alt- oder Neumodisch in der wahren Kunst? Diese Kunst ist und war immer modern, sofern sie sich nur i h r e r Zeit entsprechend entwickelt. Beim Weiterentwickeln aber werden immer Punkte bis zu den ältesten Kunst-Perioden berührt werden müssen – denn kein Atom des Geistes geht verloren. –

 

Es ist, wie der reifste Mensch immer von seiner Jugend wird abhängig sein und im höchsten Alter noch in Berührung mit ihr stehen wird.

 

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Kunst! – was ist Kunst? Kunst ist der Gegensatz zu Natur. Ich wüsste das Wesen beider Begriffe nicht besser zu erklären, als dass ich sie gegensätzlich zueinander stelle. Das Wesen der Kunst ist sich immer gleich geblieben, und das Kunst-Streben der alten Inder (meinetwegen vor sechstausend Jahren) ganz das gleiche wie das unsrige heute.

 

Wir leben in der Natur, sind selbst Natur und unsere Seele sucht nach einem Gegensatz. – Wir wollen unser Empfinden mittheilen und wir suchen nach einer Sprache, nach einem Ausdrucksmittel, und wir können doch kein anderes finden, als eben die Natur. Die Natur also benützen wir, um uns zu verständigen, unsere Gemüthsstimmung mitzuteilen. Die Natur haben wir gemeinsam – die Kunst ist individuell. Die Kunstidee ist sich immer gleich geblieben, aber die Natur steht nicht still, sie verändert sich unaufhörlich; unser Ausdrucksmittel also kann ein anderes geworden sein, vor allem unsere Nerven sind heute ganz andere, wir sind nervöser, viel empfindsamer, so empfindsam, dass wir glauben, die Lichtwellen auf einen Gegenstand aufprallen zu sehen, bald wie Regentropfen, bald wie der reissende Strom; so empfindsam, dass wir meinen, die Gemüthsverfassung eines anderen, schon, ich möchte sagen, in seiner Rockfalten zu erkennen. Und so komme ich dazu: Im Kunstwerk ist die Wiedergabe der Form durchaus nicht so wichtig wie die Psyche; statt Form aber setze ich Bewegung; die Form ist mir nur Folie, denn nicht die Form ist schön oder unschön, vielmehr der Ausdruck der Seele.

 

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Eindrücke, die wir erleben, sind unser Alles. Unser ganzes Dasein wächst aus Eindrücken heraus. – Alles, was wir ausdrücken, ist die Summe unserer Eindrücke. -

 

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Es war ein sonniges Griechenland, wo sich sonnige Götter sonnten, und unter dieser Sonne gedieh ein Volk, wuchsen Säulen aus Boden und hoben hehre Dächer in die Höhe und trugen sie. – Und die göttliche Säulenordnung der Griechen ward zum Ereignis.

 

- - Und heute lächeln wir über die damaligen Götter, aber die Kunst, die diesem Geiste entsprungen ist, und die Tempel, die diesem Geiste gebaut, stehen heute noch vor uns! Zum ewigen Exempel!

 

Und dann war eine mittelalterliche Zeit voll des katholischen Mysticismus, und er zwang die Geister zur Gothik, man suchte nach einem Ausdruck und so entstand der steinerne Wald – der Dom.

 

- - Wir lachen heute über das Mittelalterliche, aber sein gothischer Dom gibt uns heute noch die Stimmung wieder des mystischen Katholicismus – und so wurde er zum ewigen Kunstwerk.

 

Und dann war das Heute. –

 

-         - - - - Wir glauben an das Mysterium des freien Menschenthums, und wir schaffen ihm unter dem Banne der tollsten Begeisterung eine Heimstätte im n e u e n Stil!