Zeitgenössische Presseartikel

 

Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 14.11.1899

 

Aus dem Kunstleben der deutschen Reichshauptstadt

 

Keller und Reiners großer Oberlichtsaal läßt jetzt acht, in ihren Individualitäten durchaus verschiedene Künstler zu Worte kommen. [...]

 

Hingegen P. Schad, der Münchener, welcher Jahre lang den Spuren Uhdes und Israels' gefolgt ist, läßt jetzt deutlich erkennen, daß die Schotten ihn beeinflussen; seine ganze Malweise ist eine andere geworden, und besonders sein "Sommertag" mit dem wogenden Kornfeld zeigt feines intimes Empfinden des Naturschönen. [...]

 

 

Grazer Tagblatt, 17.9.1900

 

Herbstausstellung des Kunstvereines.


 

Für die Freunde der bildenden Kunst verspricht die heurige Saison in Graz so reich an Anregungen und hoffentlich auch an Genüssen zu werden, wie keine zuvor. Am 16. d. hat der Steiermärkische Kunstverein den Reigen der Ausstellungen mit dem Wiener Künstlerbund „Hagen“ eröffnet. Diese Ausstellung bildet nur die erste Abtheilung der außerordentlichen Herbstausstellung, welche der Verein dem Publicum und seinen Mitgliedern in diesem Jahre gewissermaßen als unerwartete Zugabe darbringt. Die zweite Abtheilung der Herbstausstellung wird die Sonderausstellung eines einzigen Künstlers bringen und unsere Kunstfreunde mit einer überraschenden künstlerischen Persönlichkeit bekannt machen, dem Münchener Paul Schad-Rossa, der, ursprünglich aus der Schule Defreggers hervorgegangen, sich zu kräftiger Eigenart ausgewachsen hat. Ungefähr mit dem Schluß dieser Ausstellung dürfte die Eröffnung der Steiermärkischen Kunstausstellung zusammenfallen, welche, wie verlautet, der Verein bildender Künstler, dessen Begründung wir vor etwa Jahresfrist an dieser Stelle freudig begrüßen durften, im Spätherbste zu veranstalten gedenkt. Sie wird zum erstenmale zusammenfassen, was auf dem Boden Steiermarks in der zeitgenössischen bildenden Kunst geleistet wird, und dadurch von vornherein unser regstes Interesse, unsere wärmsten Sympathien für sich in Anspruch nehmen. Unmittelbar an diese wird sich die übliche Weihnachtsausstellung des Steiermärkischen Kunstvereines anschließen, so daß tatsächlich vom halben September bis halben Jänner ununterbrochen eine Kunstausstellung in Graz zugänglich sein dürfte. [...]

 

Dr. Emil Ertl

 


Grazer Tagblatt, 10.10.1900

 

(Der Steiermärkische Kunstverein) ersucht uns, darauf aufmerksam zu machen, daß die Gemäldeausstellung des Künstlerbundes "Hagen", eine der namhaftesten Künstlervereinigungen Oesterreichs, nur noch während der laufenden Woche geöffnet bleibt. Im Anschlusse an diesen ersten Theil der außerordentlichen Herbstausstellung folgt dann die Sonderausstellung des kürzlich von München nach Graz übergesiedelten Malers und Kunstgewerblers Paul Schad-Rossa, die Sonntag den 21. d. eröffnet wird. Die gesammte Anordnung und Ausgestaltung dieser Ausstellung wurde vom Kunstvereine dem Künstler selbst übertragen. Mitglieder-Coupons des Steiermärkischen Kunstvereines gewähren ebenso wie für die "Hagen"-Ausstellung auch für die "Schad"-Ausstellung freien Zutritt.

 

 

Grazer Tagblatt, 18.10.1900

 

Die „Hagenbund“ – Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereines (Neuthorgasse Nr. 45), die Sonntag den 16. d. eröffnet wurde, dürfte höchstens drei Wochen lang zugänglich sein. Unmittelbar an sie wird sich der zweite Theil der außerordentlichen Herbstausstellung reihen. Diese zweite Abtheilung wird eine beachtenswerte Sonderausstellung von größtentheils ziemlich umfangreichen Werken des Münchner Malers und Bildhauers Paul Schad-Rossa bringen.



Grazer Tagblatt, 19.10.1900

 

(Schad-Ausstellung)

 

Die Gemälde Paul Schads, die vom nächsten Sonntag ab im Landesmuseum ausgestellt sind, zeigen den Künstler in verschiedenen Zeitpunkten seiner Entwicklung. Das große Genrebild "Es will Abend werden" kann den besten Arbeiten Defreggers an die Seite gestellt werden. Ein prachtvolles weibliches Porträt bildet den Übergang zur Farbensymphonie, die in decorativer Behandlung heute Schads Vorliebe und stärkste Seite zu sein scheint. Die Rahmen sind durchwegs von dem Künstler selbst entworfen und ausgeführt.


Grazer Tagblatt, 20.10.1900

 

(Der Steiermärkische Kunstverein) ersucht uns bekannt zu geben, daß seine Mitglieder-Coupons auch für die Schad-Ausstellung, die morgen den 21. eröffnet wird und welche durch eine Fülle interessanter Bilder allgemein überraschen dürfte, freien Eintritt gewähren.

 

 

Grazer Tagblatt, 21.10.1900

 

Theater und Kunst

 

(Schad-Ausstellung). Eine kleine Vorschau, zu der die Kunstreferenten der Grazer Presse gestern nachmittags in die Ausstellungsräume des Landesmuseums geladen worden waren, setzt uns in die Lage, über die in Kunstkreisen schon mit Spannung erwartete Gemäldeausstellung des Münchner, oder, wie es heißt, nunmehr Grazer Malers Paul Schad-Rossa einiges aus der Schule zu schwatzen. Herr Schad, der mit unglaublicher Leichtigkeit zu schaffen scheint und ungefähr 70 Nummern, größtentheils aus der l e t z t e n Zeit, darunter eine ganze Reihe ziemlich umfangreicher Gemälde, von sich vorführt, gehört heute, wenn man ihn einreihen will, wie es die Knaben mit einem gefangenen Schmetterling machen, zu jenen Neu-Idealisten, die uns mit Vorliebe in ein Eden, in die Welt ihrer Phantasie führen. In durchsonnten Paradiesgärten, wo prachtvolle Wunderblüten wachsen, wandeln zarte Mädchengestalten in keuscher Nacktheit, still und sinnend blühen sie hin wie die Blumen, deren Duft sie trinken; oder sie breiten sich elfenhaft unter dem silbern niederfließenden Mondlicht ins weiche Moos oder tauchen ihre zarten Glieder ahnungslos in den klaren Waldquell, während der freche Faun sie belauscht. Ein anderes Lieblingsmotiv ist das, seit es eine abendländische Kunst gibt, unzähligemale abgewandte und doch niemals erschöpfte Thema von Adam und Eva. Eine farbige Stilisierung, die mit den hinreißenden Schönheiten Ludwig von Hofmann's wetteifert, erklärt all diese Stoffe und rückt den Wald, die Wiese, den berg, den Bach in eine märchenhafte Beleuchtung, die nur prachtvoll und erlesen, manchmal vielleicht auch unwirklich, aber ebensowenig jemals unwahr ist als die Wunder und Zauber eines echten Märchens unwahr sind. Wie etwa die Franzosen zu Anfang des Jahrhunderts aus ihrer classizistischen Welt durch das Porträt stets wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt wurden und sich dann als Gegenstandskünstler und Realisten erwiesen, so zwingt das Porträt und die Landschaftsstudie auch Herrn Schad-Rossa aus seiner Phantasiewelt. Einige seiner Bildnisse sind wunderbar sprechend und harmonisch in der Farbe. In der Landschaft bleibt er gerne seiner symphonischen Richtung treu, wirkt mit wenigen sehr kräftigen Flecken wie die Schotten, weiß durch breit hingestrichene Gegensätze mit derselben Leichtigkeit, mit der der echte Lyriker eine Stimmung aufs Papier wirft, das Gefühl des Abends oder des Mittags, der Ruhe oder der Sehnsucht, der Himmelsklarheit oder der Erdenschwere im Beschauer zu entzünden. Kurz, er ist einer von Gottes Gnaden - und ein verblüffender Techniker dazu. Er kann alles, er radiert, er zeichnet auf den Stein, er handhabt die Rohrfeder, den Pastellstift, die Farbe, alles durcheinander, oft auf ein und demselben Blatte, wie es ihm für seine Wirkungen paßt, mit einer Sicherheit und Kenntnis des Handwerklichen, wie sie die Alten besaßen. Er macht sich seine Rahmen selbst, nicht nur die Entwürfe dazu, auch alles Schnitzwerk u.s.w. Er hat, wie es scheint, in der Welt draußen, wo er sich umhertrieb, ordentlich anpacken gelernt und vieles durchgeprobt, wie er auch seinen künstlerischen Stil erst selbst erringen mußte. Denn sein großes Genrebild aus der Zeit, da er noch Schüler Defreggers war, zeigt seine Anfänge: schon merkt man übrigens auch hier, wie Licht- und Stimmungs-Poesie ihn gefangen zu nehmen beginnen. Als Anhang zu seiner Ausstellung bringt er eine Ausstellung von Arbeiten seiner Schüler und Schülerinnen, des Frl. Margarete Supprian, deren Gemälde, Zeichnungen ec. eigentlich nichts Schülerhaftes mehr an sich haben, und anderer. Der geschmackvolle Katalogumschlag, der in Verkleinerung denselben weiblichen kopf zeigt wie der Mauerschlag, ist von Herrn Schad selbst entworfen. Der Aufzählung seiner Werke, welcher dankenswerterweise die Jahreszahlen der Entstehung beigefügt sind, hat Herr Schad ein Vorwort und mehrere Aphorismen über Kunst vorausgeschickt.



Grazer Morgenpost, 21.10.1900

 

Die Schad-Ausstellung

 

Ein origineller Künstler hat eine Reihe eigenartiger Gemälde vollendet. Im Landesmuseum sind sie unter der Aegide des seit einiger Zeit so ungemein rührigen Steiermärkischen Kunstvereines ausgestellt. Gemälde von Georg Paul Schad-Rossa, wie der volle Name des Künstlers lautet, und seiner Schule.

Paul Schad ist ein Moderner, oder wie man in Oesterreich zu sagen pflegt, ein "Secessionist". Er ist aber keiner von der schlimmen Sorte, etwa wie Herr Rothaug, der uns den fürchterlichen Theatervorhang hinterlassen hat, über den wir uns die Augen roth weinen möchten. Nein, Herr Paul Schad ist ein gediegener Künstler, der, obwohl aus der Schule Franz Defreggers hervorgegangen, mit eigenen Augen sieht und mit eigener Seele empfindet.

Herr Paul Schad ist vor einigen Tagen in Graz angekommen und hat die Absicht, sich bei uns niederzulassen. Er ist der Ansicht, daß der Boden der grünen Steiermark ein jungfräulicher ist in Bezug auf bildende Kunst und daß das Samenkorn, das hier gesäet wird, auf gesunde, fruchtbare Muttererde fällt. In vieler Hinsicht mag der Maler, den wir gestern bei einer Vorbesichtigung seiner Bilder kennen gelernt hatten, recht haben. In den letzten Jahren, Decennien war hier das Kunstleben - wir sprechen hier lediglich von bildender Kunst - ein sehr stilles. An den Ausstellungen des Kunstvereines war viel - auszustellen. Sie waren in der Regel ein Abglanz der Ausstellungen des Wiener Kunstvereines im alten Schönbrunnerhause unter den Tuchlauben, das nun demoliert ist, demoliert wie der Wiener Kunstverein. Wie in Wien so ist nun auch in Graz neues Leben in das Ausstellungswesen gekommen. Ein Fehler und Irrthum war es nur, daß mancher Vorkämpfer der neuen Richtung in seinem Radicalismus im Zeichen der Secession Heil und Sieg zu erblicken vermeinte. Das Publicum wurde stutzig, hielt sich zuerst für verständnisloser als es thatsächlich ist und konnte den Gedankenflügen nicht folgen. Dann machte es kehrt und wendete sich von der neuen Heilslehre der Secession ab. Beides war ein Irrthum, ein Unrecht. Die Secession, um bei diesem bequemen Begriffsworte, das natürlich die Sache nicht deckt, zu bleiben, - die Secession hat ihre guten Seiten, so lange sie gesunde Seiten sind. Man darf aber nicht in den Fehler verfallen, alles, was "modern" ist, gut und allein gut zu finden, und alles andere zu verdammen.

Man muß auch den Muth der Ueberzeugung haben. Man muß offen sagen, das gefällt mir, das gefällt mir nicht. Freilich gehört dazu Bildung und Erfahrung. Für denjenigen, der sich nicht umgethan in der Welt, war sie nicht überall zu gewinnen. Diese Bildung und Erfahrung zu sammeln, trägt nun der Steiermärkische Kunstverein ein gut Theil bei. Die letzte Frühjahrs-Ausstellung war in gewissem Sinne eine That, die bisher nicht übertroffen wurde. Denn die Hagen-Bund-Ausstellung konnte nicht an die Bedeutung der ersteren heranreichen. Da kommt nun die Schad-Ausstellung und zeigt uns ein neues Talent, ein wirkliches Talent, in voller, gesunder Entwicklung.

Herr Paul Schad war ursprünglich Architekt, dann wurde er Bildhauer und jetzt ist er Maler, d.h. er ist eigentlich im Begriffe, wieder Architekt zu werden. Diese Vielseitigkeit kommt ihm zustatten. Sie hat ihn vor allem und in erster Linie sehen gelernt, scharf sehen und tief sehen. Als Maler wuchs er aus dem Tone seines Lehrers bald heraus. Sein erstes Bild: "Es will Abend werden" - 1888 gemalt - ist in der Stimmung nicht nur des Inhalts, auch des malerischen Tons, viel kräftiger und voller, reicher, packender als manches Gemälde des Lehrers. Es zeigt uns einen Priester, der auf einsamer Landstraße  zu einer stillen Hütte gelangt, um einem Sterbenden den letzten Trost zu bringen. Weib und Kind stehen in banger Sorge an der Thür, dem Segenspender entgegenblickend. Im Hause drinnen ringt ein Mann mit dem Tode.

Damals, als Schad dies Bild malte, stand er noch unter dem Einflusse der alten Richtung, von der er im Vorworte zu seinem Kataloge selbst sagt, daß man "Historien und Novellen ausstellte". In seinen späteren Bildern geht er von dieser Richtung in das "Mysterium des freien Menschenthums" über, dem er einen "neuen Stil" schafft. Und hier wird er erst selbständig und eigenartig, ob er nun ein durchgeistigtes Frauenbildnis malt oder eine Phantasie auf die Leinwand träumt, wie in dem stimmungsvollen Bilde: "Heilige Blumen". In den Landschaften liegt ein guth Teil seiner Stärke. Mit breitem Pinsel und in wenigen Strichen kennzeichnet er ein Stück Land, eine Dorfstraße, eine Hügelgegend.

Seine Schülerinnen und Schüler sind in seine Art, die Dinge zu sehen, eingedrungen. Paul Schad macht Schule, und zwar gute Schule. Auf seine Werke und auf seine Jünger kommen wir noch zurück. Gestern nachmittags konnten wir nur einen flüchtigen Rundgang durch die mit Geschick und Geschmack zusammengestellte Sammlung machen. Das Wetter war trüb und nach drei Uhr war es in den ungenügenden Räumen dunkel geworden. Wir brauchen ein Künstlerhaus in Graz; darüber herrscht kein Zwiefel. Die neuen Regungen in unserem Kunstleben bieten die Gewähr, daß das Künstlerhaus eine würdige Verwendung finden wird.

Kl.

 

Grazer Tagblatt, 23.10.1900

 

(Schad-Ausstellung). Über Paul Schad, dessen Ausstellung nächsten Sonntag d. 21. d. im Landesmuseum eröffnet wird, theilt H. B. Singers großes Künstlerlexikon mit, daß er erst Bildhauer, dann Schüler von Löfftz und Defregger in München gewesen sei. Später habe er viele alte Meister copiert, so Holbeins Madonna in Darmstadt. Als seine Hauptwerke werden genannt "Es will Abend werden", "Asyl" und "Frohnleichnam".

 

Grazer Volksblatt, 23.10.1900

 

(Kunstankäufe.) In der im Landesmuseum gegenwärtig geöffneten Kunstausstellung des Malers Paul Schad-Rossa wurde am Eröffnungstage das große stimmlich decorative Tempera-Reliefgemälde "Eden" (Nr.9) sammt Originalrahmen verkauft. Das Aquarell-Pastell "Adagio" (Nr.10), sowie die farbigen Landschaftszeichnungen Nr.49, 60, 61 und 62 sind schon vor Eröffnung der Ausstellung in Grazer Privatbesitz übergegangen.

 

 

Grazer Tagblatt, 24.10.1900

 

(Schad-Ausstellung). Die Schad-Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereines (Neuthorgasse 45) war am Sonntag, dem Eröffnungstage, nicht gerade sehr zahlreich besucht, doch standen die Erschienenen sichtlich unter dem großen Eindrucke der vorgeführten Meisterwerke, die, gehoben durch die schwarze und dunkelblaue Drapierung der Säle, auf manche Gemüther eine geradezu weihevolle Wirkung auszuübern schienen. Im Nachhange zur gestrigen Notiz sei erwähnt, daß außer dem genannten großen Bilde „Eden“ noch am Vormittage des Eröffnungstages auch die Oelbilder „Abendsonne“ (Nr. 6), „Im Zwielicht“ (Nr. 16) und „Kühler Morgen“ (Nr. 21), sämmtliche mit Originalrahmen des Künstlers Paul Schad-Rossa, verkauft wurden und in Grazer Besitz sind. 

 

Grazer Volksblatt, 24.10.1900

 

(Schad-Ausstellung.) Die Schad-Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereins (Neuthorgasse 45) war am Sonntag, dem Eröffnungstage, nicht gerade sehr zahlreich besucht, doch standen die Erschienenen sichtlich unter dem großen Eindrucke der vorgeführten Meisterwerke, die, gehoben durch die schwarze und dunkelblaue Drapierung der Säle, auf manche Gemüther eine geradezu weihevolle Wirkung auszuüben schienen. Im Nachhange zu der gestrigen Notiz sei erwähnt, daß außer dem genannten großen Bilde "Eden" noch am Vormittage des Eröffnungstages auch die Ölbilder "Abendsonne" (Nr.6), "Im Zwielicht" (Nr.16), und "Kühler Morgen" (Nr.21), sämmtliche mit Originalrahmen des Künstlers Paul Schad-Rossa, verkauft wurden und in Grazer Besitz übergiengen.

 

Grazer Tagblatt, 25.10.1900

 

In der Schad-Ausstellung wurden außer den schon vor ihrer Eröffnung und am Eröffnungstage selbst in Grazer Privatbesitz übergegangenen neun Werken am zweiten Tage (Montag) die folgenden Ankäufe gemacht: "Feierabend" (Oelbild Nr. 19), "Warmer Abend" (Petroleumfarbenbild Nr. 22), "Weiblicher Act" (Nr. 68), "Aus dem Paradies am Inn" (Mineralfarbenzeichnung Nr. 58), sämmtlich von Herrn Paul Schad-Rossa. An demselben Tage wurde auch das große Ölbild "Verglimmendes Licht" von Fräulein Margarete Supprian, einer begabten, bereits zu voller Selbständigkeit gereiften Schülerin Schads verkauft. Am Dienstag sind in derselben Ausstellung die folgenden Werke Paul Schads von hiesigen Kunstfreunden angekauft worden: "Margarethenried" (aquarellierte Kreidezeichnung Nr. 42); "Aus dem Paradies am Inn" (Mineralfarbenzeichnung Nr. 53 und 57); Weiblicher Act" (Pastellstudie Nr.64).



Grazer Morgenpost, 25.10.1900

 

In der Schad-Ausstellung wurden außer den schon vor ihrer Eröffnung und am Eröffnungstage selbst in Grazer Privatbesitz übergegangenen neun Werken am zweiten Tage (Montag) die folgenden Ankäufe gemacht: "Feierabend" (Oelbild Nr. 19), "Warmer Abend" (Petroleumfarbenbild Nr. 22), "Weiblicher Act" (Nr. 68), "Aus dem Paradies am Inn" (Mineralfarbenzeichnung Nr. 58), sämmtlich von Herrn Paul Schad-Rossa. An demselben Tage wurde auch das große Ölbild "Verglimmendes Licht" von Fräulein Margarete Supprian, einer begabten, bereits zu voller Selbständigkeit gereiften Schülerin Schads verkauft. Am Dienstag sind in derselben Ausstellung die folgenden Werke Paul Schads von hiesigen Kunstfreunden angekauft worden: "Margarethenried" (aquarellierte Kreidezeichnung Nr. 42); "Aus dem Paradies am Inn" (Mineralfarbenzeichnung Nr. 53 und 57); Weiblicher Act" (Pastellstudie Nr.64).

 

Grazer Volksblatt, 25.10.1900

 

(Schad-Ausstellung.) Der Katalog zu dieser Ausstellung, die sich lebhaften Zuspruches erfreut, enthält unter anderen Aphorismen des Künstlers Herrn Paul Schad-Rossa, auch ein schönes Wort über Kunst, das gewiß ist, allgemeiner Zustimmung zu begegnen. "Gibt es denn ein Alt- und Neumodisch in der wahren Kunst? Diese Kunst ist und war immer modern, sofern sie sich nur ihrer Zeit entsprechend entwickelt. Beim Weiterentwickeln aber werden immer Punkte bis zu den ältesten Kunstperioden berührt werden müssen - denn kein Atom des Geistes geht verloren. Es ist, wie der reifste Mensch immer von seiner Jugend wird abhängig sein, und im höchsten Alter noch in Berührung mit ihr stehen wird.

 

(Kunstankäufe.) In der Schad-Ausstellung wurden außer den schon vor ihrer Eröffnung und am Eröffnungstage selbst in Grazer Privatbesitz übergegangenen neun Werken am zweiten Tage (Montag) die folgenden Ankäufe gemacht: "Feierabend" (Oelbild Nr.19). "Warmer Abend" (Petroleumfarbenbild Nr.22). "Weiblicher Akt" (Nr.68). "Aus dem Paradies am Inn" (Mineralfarbenzeichnung Nr.58). Sämmtlich von Herrn Paul Schad-Rossa. An demselben Tage wurde auch das Oelbild "Verglimmendes Licht" von Fräulein Margarete Supprian, einer begabten, bereits zur vollen Selbständigkeit gereiften Schülerin Schads verkauft. Am Dienstag sind in derselben Ausstellung die folgenden Werke Paul Schads von hiesigen Kunstfreunden angekauft worden: "Margarethenried" (aquarellierte Kreidezeichnung Nr.42). "Aus dem Paradies am Inn" (Mineralfarbenzeichnung Nr. 53 und 57). "Weiblicher Act" (Pastellstudie Nr.64).

 

 

Grazer Tagblatt, 26.10.1900

 

(Schad-Ausstellung). Der Katalog zu dieser Ausstellung, die sich lebhaften Zuspruches erfreut, enthält unter anderen Aphorismen des Künstlers Herrn Paul Schad-Rossa, auch ein schönes Wort über Kunst, das gewiß ist, allgemeiner Zustimmung zu begegnen. Gibt es denn ein Alt – oder Neumodisch in der wahren Kunst? Diese Kunst ist und war immer modern, sofern sie sich nur ihrer Zeit entsprechend entwickelt. Beim Weiterentwickeln aber werden immer Punkte bis zu den ältesten Kunstperioden berührt werden müssen – denn kein Atom des Geistes geht verloren. Es ist, wie der reifste Mensch immer von seiner Jugend wird abhängig sein und im höchsten Alter noch in Berührung mit ihr stehen wird. 

 

Grazer Tagblatt, 26.10.1900

 

(Schad-Ausstellung). Um auch Vielbeschäftigten, die von 9 Uhr ab durch ihren Beruf gebunden sind, Gelegenheit zu geben, die Schad-Ausstellung zu besuchen, wird sie von Sonntag ab schon um 8 Uhr früh geöffnet sein, wo in der Regel schon recht gutes Licht herrscht. Der Casseschluß ist um 4 Uhr. –

In Beantwortung mehrerer Anfragen, ob Herr Schadder Münchner Secession angehöre, ersucht uns der Steiermärkische Kunstverein, mitzutheilen, daß Herr Schad seit Gründung der Secessionen überhaupt keiner Künstlervereinigung mehr angehört hat.



Grazer Tagblatt, 27.10.1900

 

Steiermärkischer Kunstverein: Außerordentliche Herbstausstellung bis Mitte November im Landesmuseum, Neuthorgasse Nr. 45, 2. Abtheilung: Werke des Münchner Künstlers Paul Schad-Rossa. Täglich von 9 bis 5 Uhr geöffnet.



Grazer Tagblatt, 27.10.1900

 

Schad-Ausstellung I.

 

Wenn mich nicht alles trügt, so steht Paul Schad im Begriffe, in unserer Stadt einen echten künstlerischen Sieg zu erringen, wie er nicht alltäglich ist. Fast scheint es, dass er uns im Sturme erobert. Nicht nur die, die ihm sicher waren, sondern, wenn ich nicht irre, auch die meisten Zweifelnden, die mit einer stillen Gegnerschaft im Herzen hineingingen, weil sie erwarteten, einen Unverständlichen und Übertriebenen zu finden. Noch haben wir immer hier in Graz Parteiungen und feindliche Lager in Kunstsachen. Sollen wir uns diesen Luxus länger gestatten? Malt ein richtiger Künstler Parteischablone? Malt er nicht sich selbst und sein Innerstes? In welchem Lager steht Alfred von Schrötter? In welchem Lager Paul Schad? Sie stehen im Lager des Könnens. Lassen wir endlich missverständliche Schlagworte und stellen wir uns auf diesen Boden!

Ein vorzüglicher alter Herr, warmherzig, Kunstfreund, aber, wie leicht begreiflich, dem Neuen gegenüber etwas zurückhaltend, hat mir in der Schad-Ausstellung gesagt: "Ja, wenn es so gemeint ist...! Wer sollte denn an solchen Werken sich nicht freuen?" – Natürlich ist es so gemeint! Er sah aus, wie einer, der einer Symphonie zuhört. Und so habe ich manchen gesehen. Freuen wir uns, dies bezweckt ja die Kunst, und begraben wir endlich die Streitaxt.

 

Wir haben in Graz jetzt viel Können beisammen. Wir haben Alfred von Schrötter, den vielfach Bewährten. Wir haben den jungen aufstrebenden O'Lynch. Wir haben diesen und jenen, der sich bewähren wird, und manche jüngere Kraft, die noch sucht und tastet. Wir haben nun auch Paul Schad. Schrötters Kunst sucht das besonders Erlesene in Linie und Farbe, die abgeklärten Töne mit weich ineinander klingendem Dominantaccord. Paul Schad setzt die komplementären Gegensätze in mächtig hinwogender Klangfülle nebeneinander. In gewissem Sinne sind sie künstlerische Pole, Schrötter und Schad. Künstlerisch werden sie sich vielleicht gegenseitig nicht ganz verstehen. Gerade deshalb ergänzen sie sich so trefflich. [...]

 

Man hört manchesmal sagen, ein Kunstwerk habe Seele. Was ist damit gemeint? Es kann nur gemeint sein, dass der Künstler es mit jener Hingabe an den Gedanken, mit jenem Aufgehen in seiner Aufgabe geschaffen hat, deren nur ein naiver und rechter Mensch fähig ist. Dann spricht eben die Seele des Menschen aus dem scheinbar Unbelebten, freilich wieder nur zu einer Seele. Woran man sie erkennt im Kunstwerke? Das lässt sich gar nicht sagen. Woran erkennt man, dass Blumen duften? Eben nur daran, dass man es empfindet. Woran erkennt man, dass Narcissen so und wilde Rosen anders duften? Man hat eben gelernt, die Empfindungen zu unterscheiden.Da lässt sich nichts beweisen und herausschälen. Nur exemplifizieren kann man, an Beispielen vergleichen und erproben. Erinnern wir uns an Schrötters "Hirtin", hat dieses Werk nicht Seele? Nicht auf der nächstbesten Ausstellung treten einem die Möglichkeiten von Gewalt und Milde, Schwärmerei und Kraft, die in einer Künstlerseele liegen können, so feurig entgegen wie aus Paul Schads Werken.

Im ersten Saale hängt ein größeres Gemälde "Kain" nach Byron. Das Werk des Dichters habe ich nicht im Kopfe gehabt, doch nahm ich mir die Mühe nachzuschlagen. Der Zank wegen des Opfers hat stattgefunden. Im Jähzorne, während sie am Altare ringen, erschlägt Kain seinen Bruder. Zillah, Abels Weib, wirft sich ängstlich über die Leiche. Was ist das? Warum sprichst Du nicht? Weshalb regst Du Dich nicht? Kain, was ist mit ihm? Hat ein Ungemach ihn überfallen? Du hättest ihn schützen sollen, Kain, da Du der Stärkere bist!" – Da schreit sie auf: "Tod ist in der Welt!" Und entsetzt stürzt sie hinweg, nach Eltern und Geschwistern schreiend. "Tod ist in der Welt!" – "Und wer brachte ihn?" spricht Kain zu sich selbst; "Ich, der schon seinen Namen so tief fürchtete, dass der Gedanke daran mein ganzes Leben vergiftete, noch bevor ich seinen Anblick kannte."

Das Gemälde stellt den Augenblick dar, wo sich Abels Schwester und Gattin über die Leiche wirft. Kain steht zur Seite mit einer gewissen Tierischen Scheu vor dem Tode, den er zum ersten Mal vor Augen hat. Die Welt, die noch in einem frühen Entwicklungszustande zu stecken scheint, sieht kalt und unheimlich dem fürchterlichen Ereignisse zu. Wie ein ausgeronnenes Auge steht die blutrote Sonne über dem Felsen, auf Zillahs Rücken glühende Reflexe weckend. Es ist eine schwere, böse Stimmung. "Tod ist in der Welt!"

 

Schad liebt das "Stimmlich-Decorative". Gegenständlich wie im "Kain" ist er selten. Und eigentlich ist er es auch im "Kain" nur insofern, als er nicht den Tod malen wollte, sondern den e r s t e n Tod. Die Stimmung ist auch ohne Titel in dem Bilde, man braucht bloß zu sehen, dass ein Mord geschehen ist und ein Weib um den Ermordeten jammert. Aber verstärkt wird diese Stimmung allerdings, wenn man weiß, dass hier einer der ersten Menschen zum ersten male einen Toten erblickt. In einer Ästhetik der bildenden Kunst, die wir heute nicht mehr und noch nicht besitzen, wird vielleicht die Wertschätzung gegenständlicher Bildwirkung, die wir Fortschrittlichen eine Zeit lang wohl allzu heftig bekämpft haben, auf solche Fälle, wie er hier vorliegt, eingeschränkt erscheinen. Aber dies nur nebenbei.

Auf der bekannten Campo-Sant-Freske in Pisa ist ein Pferd zu sehen, das mit geblähten Nüstern nach einem Cadaver hinüberschnuppert und dabei unwillkürlich zurückprallt. Ein ähnlicher Ausdruck halbtierisch-instinktiven Entsetzens ist in der Gestalt des Kain.

Überhaupt zur Frage Ausdruck: Seelenleben einer Gestalt durch Haltung, Stellung, Bewegung ausdrücken, das hat Schad weg wie ein guter Plastiker. Die "Heva" (wohl gleichbedeutend mit "Eva"), eine in prachtvoll altmeisterlichem Tone gesehene Riesendarstellung des ersten Menschenpaares nach dem Sündenfalle, ist eine überzeugende Schilderung des Schuldbewusstseins oder besser der aus der Erkenntnis stammenden Ergriffenheit, gemischt mit tiefer Beschämung. Wenn man sich in diese herrliche Gestalt der Eva hineindenkt, so geht ein frommer und philosophisch tiefer Inhalt in unser Gefühl über, der etwas von der unsterblichen Poesie jenes alten Sagenkreises hat, welcher im alten Testament zusammengefasst ist. Nur dass diese Poesie Anschauung geworden ist und in Licht und Farbe eindringlicher als in gedruckten Lettern vor uns steht. Dieses Bild, mehr vielleicht als jedes andere, weist hin auf die große Begabung fürs Monumentale, die zweifellos in Schad steckt. Denn durch die Form und das Helldunkel allein, ohne ins Kleine gehende Detaillierung des Gesichtsausdruckes eine bestimmte Seelenstimmung so unverkennbar deutlich ausdrücken – das ist eben das Wesen der gegenständlichen Monumentalmalerei. Auf große Entfernung würde man in jeder Kirche in diesen beiden schamerfüllten Gestalten eine sprechende und ergreifende Darstellung des Sündenfalles erkennen, wenn man heute gerade dieses Capitel für Kirchen nicht vermiede.

 

Wie der physische Ausdruck der gestalten im "Kain" und in der "Eva" durch die entsprechende Stimmung der natur zusammenklingend gesteigert wird, so erhält das große Ölgemälde "Es will Abend werden" gerade die stärkste Note durch die Naturstimmung. Ein Priester nähert sich mit dem Sacramente einem Bauernhause, in welchem ein Sterbender liegt. Das Weib und das Töchterchen des Kranken treten weinend aus der Tür, den Priester zu empfangen. Über die weite stürmische Landschaft, auf die man hinaussieht, sinkt eben der Abend nieder. Das silbrige Licht, das vom Horizont ausgeht übergießt die flache Gegend und fällt auf die edle und schlichte Gestalt des Priesters. Ein stiller trauriger Ton klingt über die ganze Fläche, wie ein paar sinnnende Accordfolgen in Moll.

Dieses Bild ist das älteste, das Schad hier gebracht hat. Es ist aus 1888. Manches Bild aus 1888, wenn man es heute ansieht, wirkt ganz merkwürdig veraltet. Dieses gar nicht. Es geht , wie in einer hiesigen Kritik nicht mit Unrecht gesagt war, über Defregger hinaus. Nicht dass er die unerreichte Charakterisierung der Gestalten, die dem Altmeister eignet, überbieten könnte. Aber insofern, als er in stärkeren Betonung der Landschaftsstimmung, in einem instinctiven Suchen nach dem Lichtproblem, der Genremalerei der Siebziger- und Achtziger Jahre Errungenschaften einfügt, welche (für die deutsche Kunst wenigstens) erst einer späteren Zeit angehören.

Paul Schad, der inzwischen freilich eine ganz andere Entwicklung genommen hat, als man damals hätte prophezeien können, bracht sein Werk aus 1888 keineswegs zu verleugnen. Es ist ersten Ranges.

 

"Es will Abend werden" ist in Öl gemalt; "Kain" und "Eva" in Petroleumfarben. In der letzteren Technik auch "Wonne". "Eden" mag so viel bedeuten wie "Wonne", oder umgekehrt.

Es soll eben auch eine paradiesische Stimmung gegeben werden. Es ist ein glühender Ton in dem Bilde, alles blüht, die Lianen und Wunderkelche, Rosen und Rhododendren, die arcadischen Früchte im Gezweige der Bäume und die nackten Menschenleiber. Es ist wieder ein Mann und ein Weib oder, wenn man will, Adam und Eva. Hier kennen sie sich noch in voller Paradiesespracht. Nackte Leiber mit voller Sicherheit zu malen, gehört zum schwierigsten in der Kunst. Hier ist Schad wie in manchem anderen Meister.

 

Im Porträt ist er es zweifellos. Diese "Miss Howe" ist bestrickend. Nicht nur als Charakterbild eines fesselnden Exemplars von Homo sapiens generis femini, auch als flüssig ineinander gemalte Symphonie brauner, rotbrauner, chocoladefarbener Töne und ihrer Varianten. So sprechend ist dieser energische und vergeistigte Kopf, so durchdringend der Blick der seelenvollen Augen, dass man schwören möchte, die Ähnlichkeit müsse unübertreffbar sein. Die Geste ist so natürlich, dass man hofft, im nächsten Augenblicke eine Tasse Tee serviert zu bekommen; und dabei so anmutig individuell, dass man meint, die Dame schon hieran erkennen zu müssen, wenn man ihr im Leben begegnete. [...]

 

Wunderbar sicher, nur in drei Farben gemalt und darum ungewöhnlich milde in der Tonwirkung, ist auch das Doppelbildnis "Bettina und Felix"; äußerst vornehm in seiner schlichten, treuen Behandlung das Kreideporträt Nr. 29. Ein Tiefblick äußert sich in diesen drei Bildnissen, der das Technische vergessen lässt, weil das Menschliche zu sehr gefangen nimmt.

 

Wenn ein tüchtiger Tischler mit aufgeschürzten Hemdärmeln an seiner Hobelbank steht und mit wahnsinniger Passion seine Arbeit fördert, so fliegen die Hobelspäne rechts und links und häufen sich rings um ihn zu einem kleinen Berg. Wie Berge von Hobelspänen, die um den fertigen Riesenschrank herumliegen, so hängen in der Schad-Ausstellung neben den hier berührten und neben den später noch zu erwähnenden mehr decorativen Temperagemälden zahlreiche kleinere Ölbilder, Kreide-, Röthel-, Aquarell-Zeichnungen, Reiseskizzen, Pastelle, Rohrfederarbeiten u.s.w. Alles mit einer souveränen Beherrschung des Techniknischen gemacht, wie man sie weit und breit suche kann.

Schon die Arbeitskraft muss man anstaunen. Aber die aufgewendete Kraft hat auch echte und saftige Früchte getragen. Es gibt Apfelbäume, die man lange schütteln kann, ehe ein Apfel herunterfällt. Andere wieder braucht man gar nicht zu schütteln, die Äpfel hageln nur so herunter. Das ist Gottes-Segen. Beinahe etwas wie Scheu überkommt einen, wenn man die Naturkraft in solchem Reichtum aus einem Menschen wirken sieht. Und ein also Begabter muss wohl auch eine tiefinnerliche Frommheit der Natur gegenüber haben und das Gefühl einer Aufgabe, die auf ihm liegt.

 

Auch auf diese "Hobelspäne" später noch ausführlicher zurückzukommen, sei mir gestattet. Dr. E. [Emil Ertl]





Grazer Morgenpost, 31.10.1900

 

(Schad-Ausstellung.) In dieser Ausstellung wurden bisher 21 Oelgemälde, Zeichnungen u.s.w. verkauft, darunter eine Lithographie von Hedwig Klemm-Jäger, ein Oelgemälde, eine farbige Zeichnung und eine Radierung von Maragrete Supprian, und 17 Arbeiten von Paul Schad-Rossa. Auch das große Oelgemälde "Kain" ist kürzlich in Grazer Privateigenthum übergegangen.

 

Grazer Tagblatt, 31.10.1900

 

(Schad-Ausstellung.) In dieser Ausstellung wurden bisher 21 Oelgemälde, Zeichnungen u.s.w. verkauft, darunter eine Lithographie von Hedwig Klemm-Jäger, ein Oelgemälde, eine farbige Zeichnung und eine Radierung von Maragrete Supprian, und 17 Arbeiten von Paul Schad-Rossa. Auch das große Oelgemälde "Kain" ist kürzlich in Grazer Privateigenthum übergegangen.

 


Grazer Tagblatt, 31.10.1900

Grazer Tagblatt, 31.10.1900

 

(Die Kunsthistorische Gesellschaft) eröffnet ihre diesjährige Thätigkeit mit einem gemeinschaftlichen Besuche der Schad-Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereines am Freitag den 9. November, 2 1/2 Uhr nachmittags. Herr Paul Schad-Rossa hat sich in freundlicher Weise bereit erklärt, selbst die Führung zu übernehmen und an der Hand seiner eigenen Schöpfungen seine Anschauungen über Kunst und Malerei insbesonders zu entwickeln. Dank dem Entgegenkommen der Leitung des Steiermärkischen Kunstvereines ist den Mitgliedern der Kunsthistorischen Gesellschaft an diesem Tage der Eintritt gegen Karten zum ermäßigten Preise von 30 H. gestattet, die gegen Vorweisung der Mitgliedskarte von Montag den 5. November an in der Universitätsbuchhandlung Leuschner und Ludensky erhältlich sind. - Für die nächste Zeit ist ein Vortrag des Herrn Dr. Hermann Ubell über Benvenuto Cellini und eine Tagesausstellung der selten zugänglichen Originallithographien des großen Stackelberg'schen Werkes "La Grèce", Landschaftsbilder aus Griechenland darstellend, in Aussicht genommen; weitere Mittheilungen über das Programm dieses Vereinsjahres werden in wenigen Tagen folgen.

 

Grazer Volksblatt, 4.11.1900

 

Zwei Kunstausstellungen in Graz

 

Es ist eine höchst erfreuliche Erscheinung, daß in der Hauptstadt der grünen Steiermark gegenwärtig ganz entschiedene Anstrengungen gemacht werden, auch den schönen Künsten der Malerei und Bildhauerei die ihnen gebürende Bedeutung und Würdigung zu verschaffen. Schon seit einiger Zeit zeigt sich rühriges Leben im steiermärkischen Kunstverein, indem derselbe bemüht ist, das Publicum mit den neuesten Kunstschöpfungen, gegenwärtig mit den Werken Paul Schad-Rossas und seiner Schule bekannt zu machen, und der neu entstandene Verein der bildenden Künstler Steiermarks bringt in seiner ersten Ausstellung von Werken steirischer Künstler ein ziemlich vollständig ausgestaltetes Bild des Kunstschaffens derselben.

[...]

Ein ganz anderes Gepräge als die sehr mannigfaltige und das verschiedenartigste Ringen und Streben nach Vollendung bezeugende Ausstellung des Vereines steirischer Künstler hat die "Schad-Ausstellung" im Landesmuseum. Ein seltsames Placat mit einem ziemlich unverständlichen, widderähnlichen Frauenkopfe, aus dessen rosafarbigem Hintergrunde man gar nicht klar werden kann, ladet zum Besuch derselben ein. Hier steht man vor den eigenartigen Schöpfungen eines Künstlers, der eine strenge Schule sowohl in Bezug auf Technik wie auf Auffassung und Empfindung durchgemacht hat. Nur diese Schulung führte ihn auf den heutigen Standpunkt seines Könnens, seines tief gefühlten Sehens. Wenn der Meister nun mit gleichgiltiger Hinwegsetzung über diese strenge Zucht im Fühlen und Sehen, die er selbst durchmachen mußte, seinen Schülern die sie umgebenden flüchtigen Eindrücke nur als solche fühlen lernen will, so ist dies an sich einerseits deshalb ein Unding, weil man Gefühle keinem Menschen aufzwingen kann, andererseits aber auch aus dem Grunde, weil strenge und richtige Formengebung und nicht unvermögendes Festhalten einer flüchtigen Erscheinung der Anfang jeder Kunstthätigkeit sein muß, damit diese Form dann die richtige Fassung für die Seele des Werkes wird, denn:

"Des Körpers Form ist seines Wesens Spiegel,

Durchdringst du sie - löst sich des Räthsels Siegel."

Die beste Illustration zu dem soeben gesagten sind die vorzüglichen Zeichnungen, Skizzen und Acte des Meisters im Gegensatze zu einigen Arbeiten seiner Schüler und ganz besonders jener "Aus dem Schulatelier". Dort tiefes Verständnis des Geschauten und seiner Wiedergabe, - hier ziemlich unverstandene Nachahmung - Manier! -

Der Künstler spricht die Aufgabe, die er sich gestellt hat, selbst mit den Worten aus: "Wir glauben an das Mysterium des freien Menschenthums, und wir schaffen ihm unter dem Banne der tollsten Begeisterung eine Heimstätte im neuen Stil!" - Ohne näher darauf einzugehen, ob die Wahl dieser Aufgabe gut ist, kann festgestellt werden, daß sie vom Meister selbst gut gelöst wurde, denn er geht, nach den ausgestellten Arbeiten zu urtheilen, von dem richtigen Grundsatze aus, daß das Studium und die Darstellung der menschlichen und ihrer charakteristischen Form der Anfang und das Ende jeden Stils war, also auch eines neuen Stils sein muß. Der Kern und Mittelpunkt aller Kunst, an den sich alle Beziehungen knüpfen, von dem sich die Künste in der weitesten Entwicklung loslösen, bleibt der Mensch. Und zu was sinkt der Mensch in den Actzeichnungen von Schads Schülern herab? Zu einem Zerrbilde von Licht und Schatten, zu einem Nebel ohne sichere Form, ohne Proportion. In solcher Weise herangebildete Kunstjünger müssen erst gewaltige Anläufe zur Ueberwindung ihrer Bequemlichkeit und Unaufrichtigkeit machen, wollen sie dereinst zu der Darstellung einer wahrhaft seelenvollen Form gelangen. Doch der Beifall der blöden Menge, der den gekünstelten Absonderlichkeiten so gerne zutheil wird, kitzelt und man vergißt zu leicht, daß das Durchbilden der Form im Geiste der Wahrheit und Keuschheit gleichsam ein Gottesdienst ist, der seinen Lohn auch dann in sich trägt, wenn ihn die gaffende Menge nicht heult. - Leider zeigt auch Meister Schad selbst neben der richtigsten und tief gefühlten Darstellung der menschlichen Gestalt beispielsweise in seinem "Menschenpaar" so arge Vernachlässigungen und Verzeichnungen der Formen, daß man sich unwillentlich fragen muß, wie ein Künstler sein "Adagio" oder "Eden" oder "Lauschen" und anderes schaffen konnte und daneben dieses "Menschenpaar" mit den verzeichneten Armen und Beinen. Ein weiterer Ausdruck eines eindringlichen, tiefen Sehens und Fühlens sind Schads Landschaften. Es sind festgehaltene flüchtige Eindrücke, welche durch eine bestimmte Stimmung im Maler hervorgerufen dieselbe im Beschauer hervorzubringen können; sie illustrieren vortrefflich Schads Worte: "Eindrücke, die wir erleben, sind unser alles. Unser ganzes Dasein wächst aus Eindrücken heraus, - alles, was wir ausdrücken, ist die Summe unserer Eindrücke". - In diesen Darstellungen kommt dem Meister seine Schülerin Margarethe Supprian mit ihren gefühlsvoll gestimmten Landschaften am nächsten; doch möchte man beim Meister und bei den Schülern gerne mehr in diesen Bildern finden können, - dauert ja die Betrachtung eines Bildes, das uns lieb und wert werden soll, doch auch länger als einen flüchtigen Augenblick. Jedenfalls aber sind Schads Werke aus einem echten Gefühle entsprungen, denn er liebt seine Kunst und hat das redliche Bestreben, dieselbe dem Beschauer verständlich zu machen. Das Grazer Publicum hat auch durch verschiedene in den Tagesblättern bekannt gemachte Ankäufe bewiesen, daß sich der Künstler Freunde erworben hat. Wenn dies nicht allein durch die große Lust des Publicums am Neuen, Ungewohnten, Absurden hervorgerufen wurde, so ist ihm dazu vom Herzen Glück zu wünschen.

So sehen wir nun in Graz vielerlei Kunststreben, das alles mehr oder weniger der Ausdruck unserer Zeit ist. Es bedarf eines solchen Strebens, wenn in der nächsten Generation jene sittliche Kraft und Lebensfreudigkeit gedeihen soll, die der stärkste Wogenbrecher gegen den Anprall des Materialismus ist, dieses ärgsten Feindes der Menschheit und der Menschlichkeit. Das Wesen der Kunst its immer gleich geblieben, aber die Zeit wird von anderen Problemen bewegt, in ihr leben andere Menschen. Verursacht das Kunstschaffen nun Unzufriedenheit, so muß man die Zeit und ihre Verhältnisse schelten, in der die Kunst ihre höchste Mission erfüllen will. - sie selbst aber soll man mitzufühlen trachten in ihrem Werden und Blühen, sie soll nach Kräften gehoben und gefördert werden zur Ehre und Wohlfahrt des Heimatlandes und der Menschheit, zum Lobe und Preise Gottes, der die edelste Himmelsgabe, das Talent, dem Menschen verleiht, damit er es leuchten lasse allerorts und zu allen Zeiten.

Graz, im October 1900

Ludwig Ritter von Kurz, k.k. Professor

 

 

Deutsche Zeitung, 7.11.1900

 

Grazer Kunsteindrücke

 

Der steiermärkische Kunstverein gibt im Joanneum Raum einer Vorführung der Gemälde von Paul Schad sowie seines Schulanhanges. O weh, ein falscher Prophet! Was er im Vorwort zum Katalog ausspricht und danach malt, mag ja seine ehrliche Ueberzeugung sein – aber die Art des Ausdrucks kann scharfem Zusehen nicht stichhalten, und schon gar nicht darf derlei als vorbildlich gepriesen werden. Etliche große landschaftliche Stimmungen seien ausgenommen, bei denen einem weiter ums Herz wird, das vorher bedrängt worden von zeichnerisch mißrathenen Gestalten, in ihrer göttlichen Nacktheit Ludwig v. Hofmann entlehnt und anderen Herrlichen, und was sonst in den "Originalrahmen" spukt. Jedem aufrichtigen Anhänger der Moderne muß da bange werden um die gute Sache, zumal wenn zugleich die gegnerische Partei in geschickter Rüstung aufzieht.

Der Verein der bildenden Künstler Steieremarks veranstaltet seine erste Ausstellung im Bibliothekssaale der alten Universität [...]

 


Neue Freie Presse, 8.11.1900

 

Kunstleben in Graz

 

[...]

Bedeutsamer noch erweist sich die Ausstellung, die gleichzeitig der ebenfalls unter die steierischen Künstler zu zählende Paul Schad-Rossa im "Kunstverein" veranstaltet hat. In etwa achtzig Bildern, Lithographien, Radirungen und Zeichnungen zeigt sich Paul Schad als bemerkenswerther Techniker, nicht minder aber auch als ein malerischer Poet, als "Farben-Symphoniker" in der Art eines Ludwig v. Hofmann. Nackte paradiesische Gestalten bewegen sich zwischen prachtvollen Riesenblumen im Garten Eden; still und sinnend wie die Blumen selbst scheinen sie dem Weben der Natur zu lauschen. Auch die deutsche Gebirgslandschaft sieht Schad in herrlichen Farben, die jedes Stück Natur, das er malt, zu einem kleinen Paradiese machen. Mit großer Sicherheit und Einfachheit setzt er die Töne hin, die den Beschauer zwingen, sich dem Künstler gefangen zu geben. Hervorragendes leistet er auch im Porträt. Durch prachtvolle Drapirung der Säle, großentheils in Schwarz, wurden diese Werke effektvoll zur Geltung gebracht, und auch der materielle Erfolg lässt sich bedeutend an, indem gleich zu Beginn der Ausstellung drei Oelbilder und ein riesiges Tempera-Gemälde von hiesigen Kunstfreunden erworben wurden.

 

Grazer Volksblatt, 8.11.1900

 

(Schad-Ausstellung.) In der "Wiener Abendpost", die kürzlich ihren Kulturreferenten nach Graz entstandte, um die hiesigen Ausstellungen kennen zu lernen, lesen wir über die Schad-Ausstellung: "Hier ist kein kleines Talent, das sich in anmaßender Verstiegenheit ergeht, nur um aufzufallen; hier ist ein großes und echtes. Herr Schad kann etwas, ist jemand. Allerdings muthet er bisweilen zuviel zu, und wagt Dinge, an deren Größe er erliegt. Im Landschaftlichen zeigt er seine beste Kraft und Kunst, Eigenart und Einfachheit. Der Landschafter Schad ist ein feiner Tonsucher, dabei ein Pinselgewaltiger, der ohne lang zuzuwarten, kühn hinwegfegt".

 

Wiener Abendpost (Beilage zur Wiener Zeitung), 3. 11. 1900

 

Grazer Kunstbericht

 

Den beiden Bilder-Ausstellungen, die jetzt in Graz eröffnet wurden, ging der gute Ruf voraus, sie wären interessant und man solle sie gesehen haben. Im Johanneum: Schad! Der Mann heißt nämlich so; genauer: Georg Paul Schad-Rossa aus München. Der Maler schreibt zu seinem Katalog ein Vorwort, das anhebt: "Nur was man grenzenlos liebt, kann man verstehen lernen". Wir lieben hochtönenden Schwulst nicht und werden ihn daher nie verstehen lernen. Weiter wird gesagt, daß ein Katalog das Ueberflüssigste sei, daß das echte, sich selbst erklärende Kunstwerk seiner nicht bedürfe. Doch wird das keineswegs so einfach und grad heraus gesagt, sondern in verzückten Zarathustra-Arpeggien. Das Gewöhnliche klingt wie abgrundtiefe, urewige Wahrheit, von der soeben die Schleier gehoben wurden. Sollten Herrn Schads Bilder am Ende keine echten Kunstwerke sein? Erklären sie sich denn nicht von selbst? Bedürfen sie wirklich eines Katalogs? Eines Vorwortes sicher nicht, in dem es heißt: "Es war ein sonniges Griechenland, wo sich die Götter sonnten, und unter dieser Sonne gedieh ein Volk, wuchsen Säulen aus dem Boden und hoben hehre Dächer in die Höhe und trugen sie - und die göttliche Säulenordnung der Griechen ward zum Ereigniß... Wir glauben an das Mysterium des freien Menschenthums, und wir schaffen ihm unter dem Banner der tollsten Begeisterung eine Heimstätte im neuen Stil!" - Aber, aber! Dazu gehört das Placat. Ein häßliches Frauenzimmer, eine Mulatten-Venus, die das Haar in Form eines Ammonhornes um die Ohren gedreht trägt, hebt sich im Profil von einem lichten Fleck ab, der eine Rosenwolke oder ein Stück aufgezupfte Watte oder das Meer auf einer Landkarte oder eine verrückt gewordenen Blume darstellt. Es könnte aber vielleicht auch der Querschnitt durch ein anatomisches Präparat sein. Ja, die tolle Begeisterung! Nach dem Genusse der Vorrede und nach Betrachtung des Anschlag-Zettels betritt man die Ausstellung mit Erwartungen, die mehr Befürchtungen sind. Es geht aber ganz gut aus. Hier ist kein kleines Talent, das sich in anmaßenden Verstiegenheiten ergeht, nur um aufzufallen, hier ist ein großes und echtes. Herr Schad kann etwas, ist jemand. Allerdings muthet er sich bisweilen zu viel zu und wagt Dinge, an deren Größe er erliegt. Im Landschaftlichen zeigt er seine beste Kraft und Kunst, Eigenart, Einfachheit. Der Landschafter Schad ist ein feiner Tonsucher, dabei ein Pinselgewaltiger, der ohne lang zuzuwarten kühn hinfegt. Sein Strich hat Wucht, rafft Formen zusammen. Das ist Alles aus dem Nassen herausgewühlt. Münchner Anklänge an Dill, nur farbiger. Die Dachauer Nebelgrau und Schlammbraun sind ins Dunkelgrüne transponirt und rothgoldene Lichter hineingetragen. Von den großen Schotten hat er gelernt, Slevogt hat ihm Muth gemacht.

Wir sahen auf der vorletzten Dresdner Ausstellung eine paradiesische Landschaft von Riemerschmid in München. Sie ist jetzt im Dresdner Museum. Der Baum der Erkenntnis hatte einen - kreisrunden Heiligenschein und war vom Abendschimmer röthlich bestrahlt. Aehnliche Töne hat auch Schad und das Heimweh nach dem Paradiese, nach unschuldsvollem Ur-Menschenthum bildet das Hauptmotiv. Friede, Unschuld - rothe Abendlichter ins Grüne. Die kleinen Landschaften namentlich sind von feinstem Tonreiz, bei wilden Wuthanfällen des Pinsels. Das ist immer kleckig-massiv. Leider mißräth das Figuralische häufig. Böcklin wird angestrebt, Dieffenbach erreicht. Die Gestalten sind nicht immer genügend durchgearbeitet, oft rein placatmäßig, auf die Silhouette hin studirt. Mutter Eva wirft sich über ihren erschlagenen Sohn Abel in ihrem Schmerz. Blutroth versinkt die Sonne. Vater Adam, es kann auch Kain sein, steht daneben wie - man verzeihe! - ein Hausknecht, der soeben einen  Gast zur Tür hinaus... begleitet hat. Die Köpfe sind häufig seelenlose, ausdrucksleere Modellköpfe. Das Gemälde "Lauschen". Ein Nichts von Kopf. Die unbekleidete Dame scheint in der Eile den Kopf einer Freundin aufgesetzt zu haben. Die Hände schwach und flüchtig. Die "Reliefbilder" mit den eingekratzten Umrissen, die mit einem Zündhölzchen oder dem Pinselstil hergestellt wurden, verstimmen.

Schad, ein Defregger-Schüler, begann im alten Münchener Genre mit fleißigen, gefühlsvollen Familienblatt-Stücken. Dann kamen die Modernen über ihn. 1896 porträtirt er eine Engländerin, die am Theetische steht, mit viel Talent. Nur der Hintergrund ist klebrig, nicht vaporös genug, will nicht zurückweichen. "Bettina und Felix", Profile von Mutter und Sohn, 1896, weisen die besten englischen Einflüsse auf: Sargent, John Lavery. Die guten Landschaften sind fast alle um 1900, auch die schönen Zeichnungen mit der Rohrfeder, aus Punkten und Strichen fest und breit hergestellt. Die Schad-Schule, eine gefährliche Lehre, bildet ihre Zöglinge zu Nachahmern des Lehrers heran. Hedwig Klemm-Jaeger malt genau so wie Margarethe Supprian, und Beide malen wie Herr Schad selber. Die Lithographien der Klemm-Jaeger verdienen Anerkennung. Da ist doch auch Eigenes dabei.

Herr Schad sollte bei der Landschaft verbleiben. Hier blühen ihm Ruhm und Erfolg. Lieber ein ganzer echter Schad als ein Viertel-Böcklin. Doch wird der hochstrebende Künstler kaum sich aus dem genügen lassen, was ihm erreichbar ist, was er nur zu pflücken braucht. Er ist Bildhauer und Architekt gewesen. Technisch probirt und experimentirt er viel, malt in Petroleum-Farben, in Seifen-, Ei- und Harz-Tempera. Auch im Pastell versucht er neue und pikante Effecte zu erreichen. Man darf auf seine weitere Entwicklung gespannt sein und wünschen, er möge sich festigen und concentriren. Es wäre wirklich schad um Herrn Schad, wenn er sich an Phrasen berauschte "unter dem Banner der tollsten Begeisterung".

Ruhiger, altmodischer, behäbiger und behaglicher geht es in der anderen Ausstellung her, der ersten der steierischen Künstler. [...]

 

Graz, Ende October

F.

 

Emil Ertl, Grazer Tagblatt, 9.11.1900

 

Schad-Ausstellung II.


Ein längst verschollener deutscher Aesthetiker - Ludwig Wienbarg wa es - hat das Schöne definiert als das, "was den nationalen Formen der jedesmal herausgetretenen Weltanschauung einer Zeit und eines Volkes gemäß und harmonisch ist". Der Reiz dieser Begriffsbestimmung liegt für mich darin, daß sie nicht knöchern ist, sondern offenkundig auf der Vorstellung von dem festen Fluß der Dinge fußt. Die Schönheit Giottos, ist sie nicht gemäß dem Geiste des heiligen Franz von Assisi? Die Schönheit Bramantes, ist sie nicht die steingewordene Weltanschauung der heiter in sich ruhenden Frührenaissance? Und weht uns aus der Schönheit des römischen barock nicht der gewaltig-düstere und entschlossene Geist der tridentinischen Kirchenepoche entgegen?

Die Weltanschauung der Besten unserer Zeit ist der Glaube an die freie, ideale Persönlichkeit. Die Form, in der dieser Glaube in der zeitgemäßen Kunst der gesammten civilisierten Welt zum Ausdruck kommt, ist die Loslösung von der bewußten Nachahmung historischer Muster, das Vorschreiten zu künstlerischer Selbstständigkeit. Die n a t i o n a l e Form aber, in der dieser Glaube in der zeitgemäßen Kunst gerade u n s e r e s Volkes, so recht deutsch, zum Ausdrucke kommt, ist das schwärmerische Emporheben der Linie und Farbe aus der alltäglichen Wirklichkeit ins Märchen-Königreich einer individuellen Wahrheit. Läßt sich etwas Deutscheres und zugleich Zeitgemäßeres denken als die Kunst Arnold Böcklins und Max Klingers, Hans Thomas und Ludwig v. Hofmanns?


In diesem Sinne ist auch die Schönheit Paul Schads zeitgemäß und deutsch durch und durch. Die Selbstständigkeit seines Empfindens offenbart sich aus der Formgebung all seiner neueren Werke, aus dem seltsamen Zusammenklingen der Umrahmungen mit den Bild-Motiven, aus dem Rhythmus der Bewegung in Menschen und Blumen, aus der Musik des Ausdruckes in Belebtem und Unbelebtem, ja im Kleinen und Kleinsten, aus den vibrierenden Berg- und Wald-Contouren, mit denen sich die blaue Ferne der Höhenmooser Kreidezeichnung schmückt, aus jedem Rohrfederstriche, möchte ich sagen. Schon allein das schlichte Predellenbrett zu den "Heiligen Blumen", das, in Holz geschnitten, stilistisch vereinfachte Seerosen zeigt, die auf röthlich getöntem Wasser schwimmen, überzeugt den Kundigen, dass wer diese Linienzüge empfunden, sie gerade so, bis aufs Haar genau so, zum erstenmale empfunden, mit einem Wort, dass er seine eigene Note hat und dass ihm gerade für seine Persönlichkeit, die einzig ist wie jede andere, auch ein einziger Ausdruck, dem Willigen deutlich kennbar, zur Verfügung steht.

Und wo wird der Zeitgemäße zum Deutschen? Da, wo der Individualist zum Poeten wird. Da, wo er sich seine eigene Paradieseswelt schafft, um sie mit den Gestalten seiner Träume zu bevölkern. Da, wo er Wiesen-Wunderblumen erblühen lässt, die es nirgends gibt, außer im "Jenseits des Künstlers", - um an Hauseggers so treffend geprägtes Wort zu erinnern – die es nirgends gibt, und an die doch jeder glauben muss, der jenen Funken der Künstlerschaft, der mitempfindenden und verstehenden, in sich trägt. Da, wo ihm "Motive aus dem Innthal" zum "Paradies am Inn" werden, wo er, angeregt durch den Reiz der Landschaft, von ihr halb überwältigt, von ihrem Bilde erfüllt, wie von dem Bilde der Geliebten [...]

Derartigen großen, in einen persönlichen Schönheitsstil gezwungenen Paradieses-Landschaften wie dem Oberaudorfer Bilde (Nr.15), den Schulbildern ("Waldwiese" (von Hedwig Klemm-Jäger), "Goldenes Wasser" und "Verglimmendes Licht" (von Margarete Supprian) stehen die kleinen, in Petroleumfarben gemalten, mit Originalumrahmung versehenen Stimmungslandschaften gegenüber, deren Stil mehr studienhaft aus der augenblicklichen Erscheinung des jeweiligen Naturzustandes herausentwickelt ist. Eine bestimmte Saite des Gefühlslebens klingt in einem jeden deutlich nach, zusammengenommen geben sie eine ganze Aeolsharfe, die durch den leisen Stimmungshauch abwechselnd bewegt und zum Tönen gebracht wird, der am frühen Morgen oder in der Dämmerung, in der klaren Abendglut oder an einem trüben Regentage durch die Natur streicht. Ihre Benennungen sind durchaus nicht so nebensächlich, als Herr Schad selbst anzunehmen scheint; vielmehr helfen sie dem Beschauer aufs glücklichste – nicht die Empfindung im allgemeinen, denn diese drängt sich von selbst auf – wohl aber die Empfindungsnuance, aus der sie geboren wurde, nachzuleben. "Die Schuld" heißt eines dieser Bilder. "Heimat" ein anderes und "Weiter Weg" ein drittes. Die "Abendstunde" und die "Dämmerung", die warmen Wellen des "Flutenden Lichts", der "Kühle Morgen" mit dem durchsichtig klaren Himmel und den ersten Sonnenstrahlen auf den Giebeldächern der Bauernhäuser... überall leben wir etwas wie eine kleine, stille Ferien-Fußwanderung aus der empfänglichen Jugendzeit.

Dass dieses reichliche Dutzend landschaftlicher Stimmungsstudien unglaublich sicher, nass in nass, auf den "ersten Schmiss" hingemalt ist, und dass die Farbe dadurch eine wunderbare Leuchtkraft, ein lebensvolles Flimmern behält, sei nur nebenher erwähnt. Bei einem, der im handwerklichen so durch und durch bedeutend ist wie Schad, vergisst man beinahe ganz aufs Handwerkliche. Es wird einem zur Selbstverständlichkeit, dass der Künstler gut, sehr gut, tadellos muss malen können, und man macht sich klar, was wir hier zeitweise fast vergessen hatten, dass, wie die Schauspielkunst jenseits des Wortes, so die große Kunst des Malers diesseits des Malenkönnens erst recht eigentlich ihren Anfang nimmt. [...]

Auch die Besten, besonders wenn er so ein ungeheuer reich Schaffender ist wie Paul Schad, geschieht es wohl ab und zu, dass er vorbeitrifft, und Beispiele hierfür werden sich wahrscheinlich unter 75 ausgestellten, zum Theile sehr umfangreichen Arbeiten e i n e s Künstlers aufzeigen lassen, wenn man suchen will. Ich besinne mich nur eines einzigen Werkes, wo – mich mein Gehör im Stiche lässt: "Auf dem Fedaja". Wir müssen uns einen Hochgebirgspass in den Dolomiten vorstellen. In die Schrunden und Abgründe rechter hand beginnt bereits die blauen Nacht sich niederzusenken, während von links durch irgendeine tiefe Scharte noch ein letzter Sonnenstrahl hereinfällt, Wiesen, Felsen und Alphütten schier magisch beleuchtend. Dieses gewiss ehrlich geschaute und getreu festgehaltene Naturspiel im Bilde nachzugenießen, dazu gehört vermuthlich, dass einem die Erinnerungsvorstellung des Selbsterlebten zu Hilfe käme.

Im übrigen hafte einem so achtungsgebietenden Gesammt-Können gegenüber an Kleinigkeiten, wer mag. [...]

Die großen Temperagemälde führen uns abermals in ein Paradies, wo schöne keusche Menschen, in heiligen Nacktheit wandeln. Der anmuthige Ausblick aus dem Schatten in das warmdurchsonnte Arkadien macht mir "Eden" besonders wert, die stille Schwermut des Ineinanderruhens, die etwas Ergreifendes hat, das "Menschenpaar". Im "Lauschen" schätze ich vorwiegend die expressive Bewegung, in "Belauscht" die reizvolle Contour des ins Wasser steigenden Mädchens, im "Adagio" die in der That musikalische Ausdrucksfähigkeit. Ueberall aber in diesem ganzen weiten Reiche der Schönheit, das sich nur mit dem Auge genießen lässt, den verborgenen, bald leiser, bald lauter mitklingenden Grundton jener tiefdeutschen sinnenden Gedankenrichtung, welche der besondere und für den Gleichgestimmten wohltuendste Reiz in der Kunst der germanischen Länder überall gewesen ist.

Der prachtvoll aufgebaute Rahmen, der die Bildfläche des Menschenpaares nach unten einengt; die eingeschnittenen Distelmotive seiner Wangen und die in der Bekrönung sich breitenden Schwingen – zeigen uns, dass wir in Schad eine wesentliche Begabung fürs Decorative, Kunstgewerbliche, Architektonische zu schätzen haben. Der Rahmen zum "Eden", der entfernt an Indisches erinnernde Rahmen zu den "Heiligen Blumen", dessen scheinbar so fremdartige Säulen übrigens an etwas ziemlich nahes und bekanntes, ans Pistill der Gartentulpe anzuklingen scheinen – dies alles bestätigt die selbstständige Färbung seiner aus Natüreindrücken combinierenden Einbildungskraft. Die Rahmen lassen sich auch für sich allein als Kunstwerke betrachten; sinngemäßer und verständnisvoller aber wird es sein, sie von dem Bilde, dem sie dienen und das wieder ihnen dient, auch in der Vorstellung nicht zu trennen, ja sie sogar nicht ohne den R a u m zu denken, den Paul Schad für sie und auch wieder durch sie – freilich gebunden an die hierfür verfügbaren unzulänglichen Mittel – gestaltet hat. Denn wer den dunkelblauen Saal und wer den schwarzen Saal betritt, dem muss, wenigstens unbewusst, das Gefühl des Gesammtkunstwerkes aufdämmern, welches eigentlich das letzte Ziel für das große Kunststreben unserer Zeit darstellt und welches offenbar auch für Paul Schad, wenn sich ihm Gelegenheit böte, es zu verwirklichen, erst die Erfüllung bedeuten würde, in der sich all sein reiches und vielseitiges Können zur voll befriedigenden künstlerischen Einheit zusammenschlösse.

Die Auftragtechnik, in der z.B. die Schulter des belauschenden Faun (in Nr.8) plastisch herausmodelliert ist, hat gewiss ihre Bedeutung nur für architektonisch raumschmückende Aufgaben. Ihm Rahmen, bildmäßig betrachtet, würde sich das farbige Relief kaum rechtfertigen lassen. Aber als ein Ausklingen profilierter Architekturen kann ich mir ganz wunderhübsche Wirkungen vorstellen, welche dieser farbige Stuck in Vestibuls, an Häuserfassaden, für Friese u.s.w. hervorrufen könnte.

 

Das Placat zur Schad-Ausstellung ist von Paul Schad selbst entworfen. Die Bewegung seiner Linien ist ungemein individuell und rassig, mag es einem "gefallen" oder nicht. Der Katalog ist das Muster einer einfachen und dabei geschmackvollen Publication dieser Art.

 

Dr. E.

 

Grazer Tagblatt. 9.11.1900

 

(Kunsthistorische Gesellschaft und Schad-Ausstellung.) Heute nachmittags um halb 3 Uhr findet der Besuch der Ausstellung unter der so freundlich zugesagten Führung des Künstlers statt. Selbstverständlich sind außer den ermäßigten Karten für die Mitglieder der Kunsthistorischen Gesellschaft und deren Angehörige auch die Coupons der Mitglieder des Kunstvereines und die für Freitag eingeführten Eintrittskarten zu einer Krone giltig. Ermäßigte Karten sind noch in der Universitätsbuchhandlung Lubensky gegen Vorweisung der Mitgliederkarte, die zur allfälligen Ausweisleistung auch beim Besuche der Ausstellung mitgenommen werden möge, zu bekommen.

Grazer Volksblatt, 9.11.1900

 

(Schad-Ausstellung.) Über Aufforderung der kunsthistorischen Gesellschaft hält Herr Paul Schad Freitag den 9. d. M. nachmittags halb 3 Uhr in seiner Ausstellung (Landesmuseum, Neuthorgasse) einen Vortrag, zu welchem die Kunsthistorische Gesellschaft zu ermäßigten Preisen Zutritt hat. Die Mitgliedercoupons des Steierm. Kunstvereines sind giltig. Für alle anderen Besucher beträgt der Eintrittspreis 1 K.

 

(Grazer) Tagespost, 10.11.1900

 

Schad-Ausstellung

 

Man darf sich durch das Placat dieser Ausstellung, welches bisher noch Niemand zu enträthseln vermochte, nicht beirren lassen. Auch nicht durch die Vorrede des Kataloges und die darauffolgenden Aphorismen und Orakeleien. Ueber die mehr als wunderliche Ankündigung sei weiter kein Wort verloren, einige Erörterung jedoch dem Katalog gewidmet. Herr Georg Paul Schad-Rossa sieht etwas vornehm auf jene Zeit herab, "als man sich in der bildenden Kunst bemüssigt gefunden habe, Historien und Novellen auszustellen". Nehmen Sie es mir, geehrter Künstler, nicht übel, wenn ich mir, natürlich in aller Bescheidenheit, die Bemerkung gestatte, daß zahllose Kunstkenner und Kunstfreunde sich heute noch mit weihevoller Dankbarkeit jener Zeiten erinnern, als Kaulbach, Piloty, Werner Menzel, Munkacsy, Siemiradzky - um nur Einige zu nennen - mit "Historien und Novellen" zu erleben, zu begeistern, bis ins innerste Herz hinein zu ergreifen verstanden haben. Das waren Zeiten, welche in der Geschichte der Kunst sich mit unvergänglichen Lettern eingruben und dort bleiben werden, wenn so Manches, das sich moderne Kunst nennt, längst vergessen sein wird.

Kunst, meint Herr Schad-Rossa, sei der Gegensatz zu Natur. Er wisse das Wesen beider Begriffe nicht besser zu erklären, als daß er sie sich gegensätzlich zu einander stelle. Eine ganz neue Erklärungsart, Begriffe nicht aus sich selbst heraus, sondern aus dem Gegensatze darzustellen. Das wäre so, wie wenn man den Begriff Liebe damit erklären wollte, er sei der Gegensatz von Haß und umgekehrt, oder der Begriff tag der Gegensatz von Nacht und ebenso umgekehrt. Man erklärt, indem man beschreibt und das Hervorheben der Unterschiede und Gegensätze ist nur ein nachfolgendes Hilfsmittel, aber nicht die erste und sicherste Grundlage des Erklärens. Die nur aus der natur und ihrer Erkenntniß hervorwachsende Kunst ein Gegensatz der Natur! Echo und Spiegelbild ein Gegensatz zu Ton und Form!

 

Zum Schlusse setzt Herr Schad-Rossa folgenden Trompetenstoß: "Wir glauben an das Mysterium des freien Menschenthums, und wir schaffen ihm unter dem Banne der tollsten Begeisterung eine Heimstätte im neuen Stil!" Sachte, sachte! Unter dem Banne einer tollen Begeisterung? Tollheit und Kunst - diese schon mehr als gegensätzlichen weil sich todfeindlichen Begriffe mit einander zu verbinden, wäre nicht neuer, sondern ein so allerneuester Stil, daß der liebe Gott für ihn eine ganz neue Welt und in ihr Menschen mit ganz anderen Gehirnen erschaffen müßte. Aber, wie schon gesagt, lassen wir uns durch Placat und Katalog nicht beirren und freuen wir uns an dem hochragenden Künstler, von dem wir hoffen wollen, daß er in Graz eine liebe, traute und behagliche Heimstätte finden möge. Zu Ehre und Nutz der Stadt und des ganzen Landes, denn auf dem Gebiete  des Landschaftlichen und der Stimmungsmalerei schreitet Schad-Rossa wie ein Gewaltiger einher. Um mit irgendeinem Beispiele anzufangen: Wer kann "Heimat" (Nr. 24) betrachten, ohne empfindungsvoll bewegt zu werden? Wie lächelt da die Stätte der Kindheit, die Tröstung für allen Lärm und Schmerz der Welt süß und mild entgegen, so recht wie das Auge der Mutter! Oder "Im Zwielicht" (Nr. 16). Das ist jener graue Dämmerton, der sich gerade nur in die Grenze zwischen tag und nacht einlagert und sonst nirgends zu finden ist. Oder "Kühler Morgen" (Nr. 21). Kann man die Zartheit eines klaren Morgenhimmels, seine Reinheit und Frische besser darstellen und das Leuchten der Giebelmauern in der Morgenröte? Oder das Mondlicht in "Cain" (Nr. 2). Bluthrot dringt es einher, ein Schrei der Anklage und ein Drohen der Rache zugleich, geheimnißvoll, unwiderstehlich und unbarmherzig wie die Stimme des Gewissens. So kann nur ein Künstler malen, vor dem der Weg zum Ruhme sich offen und mühelos breitet und der nichts als Selbstbeherrschung nothwendig hat und ehrlichen Rath, um auch ans Ziel zu gelangen. Selbstbeherrschung und Selbsterkenntnis, um sich von jener Richtung wegzuwenden, welche in den Bildern "Wonne", "Eden", "Das Menschenpaar" u.a. mehr den Widerspruch als das Lob entfesselt. Man kann, wenn es sich um die Darstellung "paradiesischer" Landschaften handelt oder um irgendein "Mysterium" an dem Vorwurfe selbst nur eine - man gestatte den Ausdruck - neutrale Kritik üben, denn wo nur die Phantasie waltet, waltet sie auch unbeschränkt und souverän. Aber sobald Menschengestalten eingefügt werden, tritt die Grenze des Schönen gerade bei derartigen Jenseitsscenen umso energischer in den Vordergrund. Und diese Grenze scheint für Schad-Rossa nicht vorhanden zu sein, denn er überschreitet sie bei der Darstellung nackter Menschenkörper so oft, daß an der Absicht, sich aufzulehnen, nicht gezweifelt werden kann. Und diese Absicht verstimmt; denn auch die modernste Kunst reicht bei aller Himmelsstürmerei nicht an die Schönheitsgesetze des nackten Körpers hinan und soll sich dort demüthig beugen, wo es schon Jahrtausende gethan haben. An der Venus von Milo und an dem Apollo von Belvedere gibt es nichts mehr herumzucorrigieren. Das älteste der ausgestellten Bilder ist eines der besten. Der Abendhimmel legt sich wie ein Mantel des Geheimnisses um die Schultern des Priesters, und sich dabei für die bald entfliehende Seele mild versöhnend zu öffnen. Ein Bild aus dem alltäglichsten Leben und doch von einer Stimmung, von einer Kunst der Darstellung, von einer so innigen, echten Frömmigkeit, daß sein bester Platz der Altar in der Kirche irgendeines ärmeren Viertels wäre, wo der Kampf des Lebens die Sehnsucht nach einem stillen trostreichen Winkel mit jedem Tage größer zieht.

 

Auch andere Bilder müssen noch genannt werden, in welchen die Gabe des Künstlers, die empfindsamsten, tiefversteckten Stimmungen wachzurufen, ganz auserlesen zur Geltung kommt. "Abendsonne", "Aus dem Paradies", "Die Schuld", "Weiter Weg", "Feierabend", "Warmer Abend" sind Schöpfungen, welche ebenso wie die früher genannten ("Heimat" u.s.w.) nicht dem Schicksal verfallen sollten, in die Privatgalerie reicher Kunstfreunde vergraben zu werden; nein derlei soll der Oeffentlichkeit erhalten bleiben, damit man immer und immer wieder hintreten und sich erquicken und in eine von aller Mühe und Sorge loslösende Stimmung versenken könnte.

 

An Zeichnungen bietet Schad-Rossa reichliche Auswahl. Manches flüchtig, aber nichts trivial. Die weiblichen Acte Nr. 64 und 69 fesseln durch schöne, weiche Linien und in der aquarellirten Kreidezeichnung "Bei Höhenmoos" zeigt sich ein perspectivisches Kunststück. Auch so manches Andere läßt sich mit Wohlgefallen betrachten.

 

Als Lehrer scheint Schad-Rossa ganz besonders erfolgreich zu wirken. Man sehe von Hedwig Klein-Jäger die "Waldwiese", die "Römische Landschaft" und "Bei Trient", von Margarethe Supprian "Verglimmendes Licht", "Verhängniß" und "Im Schatten" und man wird sich nur zu freuen haben, wie begabt, tapfer und unermüdlich die Schülerinnen dem Meister auf seinem besten Gebiete nachstreben und wie sie dabei auch selbstständiges Empfinden zum Ausdruck zu bringen wissen. So seine Stücke wie namentlich die "Römische Landschaft" und "Bei Trient" oder wie "Verglimmendes Licht" und "Verhängniß" machen dem Lehrer und Schüler gleichmäßig hohe Ehre und lassen den lebhaften Wunsch, Ersteren für uns bleibend zu gewinnen, besonders hervortreten. Das kann dann ein fröhliches, segensreiches Schaffen in unserer schönen, grünen Mark werden und ein mächtiges Vorwärtsschreiten der heimatlichen Kunst. Denn, wie schon gesagt, wir lassen uns weder durch Placate, noch durch Vorreden irre machen oder abschrecken.

H.N.



Grazer Tagblatt, 12.11.1900

 

(Der Steiermärkische Kunstverein) ersucht uns, bekannt zu geben, daß die Sonderausstellung des Malers Paul Schad-Rossa nur noch während der laufenden Woche geöffnet bleibt. Sie erfreute sich bisher so lebhafter Anerkennung von seiten des kunstfreundlichen Publicums, daß nicht nur der Besuch ein recht günstiger, sondern auch die Kauflust eine so außerordentliche war, wie es auf hiesigen Kunstausstellungen noch niemals vorgekommen ist. Bei dieser Gelegenheit sei es gestattet, einen Rückblick auf die Thätigkeit des Kunstvereines im laufenden Jahre zu werfen. Treu seinem Grundsatze durch womöglich gruppenweise Vorführung des Zusammengehörigen dem Publicum eine wirkliche Kenntnis der verschiedensten Strömungen der zeitgenössischen bildenden Kunst nach und nach zu vvermitteln, hat er auf seiner Frühjahrsausstellung die Dachauer Dill-Gruppe, die Münchner „Scholle“ und die „Jugend“ zu Gast geladen. [Er hat] vom halben September bis halben October seine Räume einer Wanderausstellung des der altehrwürdigen Wiener Künstlergenossenschaft angehörenden „Hagenbundes“ zur Verfügung gestellt, und vom halben October bis halben November Herrn Paul Schad-Rossa Gelegenheit geboten, sein Werk in einer von ihm selbst und nach seinen Intentionen arrangierten Ausstellung zu zeigen. Am 15. Dezember wird der Kunstverein seine Weihnachts-Ausstellung eröffnen, die abermals eine geschlossene Gruppe – und zwar eine solche, die in Graz bisher noch niemals ausgestellt hat – vorführen wird, und in ihrer Art besonders interessant zu werden verspricht. Zu all diesen Ausstellungen, und auch zu den Vorträgen, die gelegentlich in ihnen gehalten wurden, gewährten und gewähren die Mitglieder-Coupons des Steiermärkischen Kunstvereines freien Zutritt. Außerdem berechtigt die Mitgliedschaft, die durch Erlag von 10 Kronen erworben wird, zum Bezuge einer von ersten graphischen Künstlern hergestellten Original-Radierung oder –Lithographie, sowie zur Betheiligung an der alljährlich stattfindenden Verlosung wertvoller Kunstwerke. Anmeldungen für die Mitgliedschaft wolle man durch Postkarte an die Vereinskanzlei des Steiermärkischen Kunstvereines (Graz, Hamerlinggasse 3) gelangen lassen. 

 

Grazer Volksblatt, 13.11.1900

 

(Der Steierm. Kunstverein) ersucht uns, bekanntzugeben, daß die Sonderausstellung des Malers Paul Schad-Rossa nur noch während der laufenden Woche geöffnet bleibt. Sie erfreute sich bisher so lebhafter Anerkennung von Seite des kunstfreundlichen Publicums, daß nicht nur der Besuch ein recht günstiger, sondern auch die Kauflust eine so außerordentliche war, wie es auf hiesigen Kunstausstellungen noch niemals vorgekommen ist. Bei dieser Gelegenheit sei es gestattet, einen Rückblick auf die Thätigkeit des Kunstvereines im laufenden Jahr zu werfen. Treu seinem Grundsatz, durch womöglich gruppenweise Vorführung des Zusammengehörigen dem Publicum eine wirkliche Kenntnis der verschiedensten Strömungen der zeitgenössischen bildenden Kunst nach und nach zu vermitteln, hat er auf seiner Frühjahrsausstellung die "Dachauer Dill" - Gruppe, die Münchener "Scholle" und die "Jugend" zu Gaste geladen, vom halben September bis halben October seine Räume einer Wanderausstellung des der altehrwürdigen Künstlergenossenschaft angehörenden "Hagenbundes" zur Verfügung gestellt, und vom halben October bis halben November Herrn Paul Schad-Rossa Gelegenheit geboten, sein Werk in einer von ihm selbst und nach seinen Intentionen arrangierten Ausstellung zu zeigen. Am 15. Dezember wird der Kunstverein seine Weihnachtsausstellung eröffnen, welche abermals eine geschlossene Gruppe, - und zwar eine solche, die in Graz bisher noch nie ausgestellt hat - vorführen wird und in ihrer Art besonders interessant zu werden verspricht. Zu all diesen Ausstellungen und auch zu den Vorträgen, welche gelegentlich in denselben gehalten werden, gewährten und gewähren die Mitglieder-Coupons des Steierm. Kunstvereines freien Zutritt. Außerdem berechtigt die Mitgliedschaft, welche durch Erlag von 10 Kronen erworben wird, zum Bezug einer von ersten graphischen Künstlern hergestellten Original-Radierung oder Lithographie, sowie zur Betheiligung an der alljährlich stattfindenden Verlosung wertvoller Kunstwerke. Anmeldung für die Mitgliedschaft wolle man durch Postkarten an die Vereinskanzlei des Steierm. Kunstvereines (Graz, Hamerlinggasse Nr. 3) gelangen lassen.

 

Grazer Tagblatt, 13.11.1900

 

(Kunsthistorische Gesellschaft.) Vergangenen Freitag fand der angekündigte Besuch der Ausstellung der Werke Schad-Rossas im Landesmuseum statt. Von Herrn Universitätsprofessor Dr. Heinrich Schenkl, der an Stelle Prof. Strzygowskys die Leitung übernommen hat, mit warmem Danke für sein Entgegenkommen begrüßt, legte der Künstler seinen Bildungsgang und seine Kunstanschauungen, vor allem über die Architektur als führende Kunst, über das Zusammenwirken der bildenden Künste, über künstlerische Motive, die Bedeutung des Materials, den Einklang von Bild und Rahmen und sein persönliches Verhältnis zu einzelnen seiner Schöpfungen dar. Mit reichem Beifalle dankten die sehr zahlreich erschienenen Zuhörer für die gebotenen Ausführungen. Die Gesellschaft hat damit auf glückliche Weise das sechste Jahr ihrer Thätigkeit eingeleitet, sie betrachtet es ebenso sehr als ihre Aufgabe, mit dem Kunstleben der Gegenwart Fühlung zu gewinnen, als den Sinn für die Kunst der Vergangenheit zu wecken und zu pflegen. – Zunächst findet am 22. d., um 7 Uhr abends, im Hörsaale XIX des Hauptgebäudes der Universität die ordentliche Hauptversammlung statt, an deren geschäftlichen Theil (Thätigkeits- und Cassebericht, Neuwahl des Vorstandes, allfällige Anträge) sich ein Vortrag von Herrn Dr. H. Ubell über Benvenuto Cellini anschließt. – Bis zum Schlusse der Schad-Ausstellung sind die ermäßigten Eintrittskarten für die Mitglieder der Gesellschaft in der Universitäts-Buchhandlung Lubensky zu erhalten. 

 

Grazer Morgenpost, 18.11.1900

 

Bildende Kunst.

II.

 

Die Ausstellung des Malers Schad-Rossa.

 

Wenn wir unseren am Eröffungstage dieser Ausstellung geschriebenen Zeilen heute noch einige Worte hinzufügen, so mögen die letzteren wohl wie ein Epilog anmuthen. Das Kunstschreiben hinkt ja nun immer dem Kunsttreiben nach. Es handelt sich auch nicht darum, jedes einzelne Werk in seinen ästhetischen, ethischen und technischen Vorzügen darzulegen, sondern vielmehr darum, das Gesammtwerk eines Künstlers, sein Wollen und Können zu kennzeichnen. In kurzen Strichen haben wir seinerzeit die Schad-Ausstellung im "Landes-Museum" zu charakterisieren gesucht. Seit jenem "jour de vernissage" besuchten wir die eigenartig anziehende Ausstellung wiederholt und fanden stets neue Anregung und neuen Genuß.

Schon die Anordnung der ausgestellten Bilder beweist das Künstlerauge ihres Veranstalters. Alles ist Harmonie in diesen  wahrhaft vornehm gestalteten Zimmern. Wenn in früheren Bildersammlungen ein Gemälde das andere "schlug", so heben sich hier die einzelnen Bilder gegenseitig. Wie das möglich ist, erscheint dem Künstler und Kunstkenner keineswegs als Geheimnis. Es kommt in diesem Fall viel weniger auf den Inhalt, auf die "Historie oder Novelle", als auf den inneren Gehalt, den künstlerischen Wert, den malerischen Ton und die ästhetische Stimmung an. Einheitlich im Vollsinne des Wortes kann deshalb nur eine Ausstellung wirken, die von e i n e m Künstler stammt und überdies nur dann, wenn die Entwicklung dieses Künstlers eine naturgemäße, also logische ist.

Bei Paul Schad-Rossa ist dies in hohem Maße der Fall. Er hat die Dreieinheit der bildenden Künste in sich aufgenommen, war Architekt und Plastiker und hat als Maler sein ganzes, umfassendes Kunstempfinden klargelegt. Ihm ist die Kunst ein Einziges und Einheitliches, nicht nur die bildende Kunst, auch die Poesie, die Musik sind eins. Die Kunst ist das Größte und Höchste, was Menschen zu vollbringen vermögen und n u r Menschen zu vollenden wissen, weshalb Schads anfänglich verblüffender Ausspruch: "Kunst ist der Gegensatz zur Natur" seine volle Richtigkeit hat. Die neueste Kunstforschung ist auf einem Irrwege, wenn sie wie Karl Woermann in seiner kürzlich erschienenen "Kunst der Menschheit" verschiedene Nestbauten der Thiere ins Gebiet der Kunstbethätigung zieht und wie die Naturgeschichte mit dem Affen die Kunstgeschichte mit dem Biber eröffnet.

Wenn der Maler Paul Schad auch schriftlich und mündlich, durch Vorreden zu seinen Katalogen und durch Vorträge in seinen Ausstellungen zum Publicum zu sprechen und das Wesen seines Wollens zu erläutern sucht, so beweist dies nichts anderes, als daß seinem Mittheilungsbedürfnisse - Mittheilung im Sinne künstlerischer Bethätigung genommen - Farbe und Pinsel nicht genügen, wie ihn ja auch eine bestimmte Maltechnik als Ausdrucksform nicht befriedigt. Es ist zu interessant, auf dieses große Hauptstück der Kunstfragen gelegentlich zurückzukommen, so daß wir diese allgemeinen Betrachtungen heute unterbrechen dürfen und uns dem eigentlichen Werke Paul Schads, zu dem wir auch die Hervorbringungen seiner Schule zählen, zuwenden.

Das aus der Defregger-Lehrzeit Schads stammende Bild: "Es will Abend werden" (1888), haben wir schon am Eröffnungstage gekennzeichnet. Ein Priester, der dem Sterbenden den letzten Trost bringt; vor dem Hause harren Weib und Kinder des Dieners Gottes. Von Defregger konnte Paul Schad nicht mehr und in gewissem Sinne nichts anderes lernen, als er von jedem anderen tüchtigen Maler gelernt hätte. Er konnte sich auch niemals in den engen Grenzen der Defregger'schen Malwerte bewegen und "stürzte", wie man in Oesterreich sagt, schon damals die Schule. So zeigt sein mehr als ein Decennium altes Bild bereits eine viel größere Selbständigkeit, als sie sonst Schülern eigen ist. Hier sucht Schad jene feinen Luft- und Lichtstimmungen, die er später so erfolgreich gefunden hat, die jetzt kennzeichnend sind für seine Eigenart. Wie merkwürdig betont ist beispielsweise  die Lichtwirkung des über die Leiche Abels gebeugten weiblichen Körpers auf dem aus dem Jahre 1893 stammenden Bilde "Cain", das, nach Byrons gewaltiger Dichtung empfunden, Abels geliebte Schwester Zillah darstellt, die sich über den geliebten Leichnam wirft und zum ersten Male das Wort in die erstarrende Welt ruft: "Death is in the wolrd!" - "Der Tod ist in die Welt gekommen!" Der Gegensatz zwischen dem stummen kalten Körper des Erschlagenen und dem leidenschaftlich zusammenzuckenden, lebendurchglühten  Leibe des Weibes ist mit einer Schlichtheit des Vortrages und einer Einfachheit der künstlerishcen Mittel gekennzeichnet, die Bewunderung verdienen. Daneben die rohe, rauhe Gestalt des ersten Mörders, der erschreckt ob seiner Unthat, dennoch reuelos auf die beiden vor ihm hinstarrt.

Welche Sonnenwärme strahlt dagegen aus den Blumen und Früchten des Bildes "Wonne", das des ersten Menschenpaares freudiges Dasein vor dem Sündenfalls darstellt. Bei Alten und Modernen ist das Thema beliebt und im Laufe der Jahrhunderte wurde es je nach der Auffassung des einzelnen Künstlers tausendfach dargestellt. Paul Schad malte das erste Menschenpaar wiederholt (so in Heva) und wird es wieder malen. Harmonische Stimmung durchzittert alle seine Werke.

Selbst auf die Rahmen, die nach den Entwürfen des Malers und oft als das Werk seiner Hände ausgeführt sind, dehnt sich diese Harmonie aus. Wir weisen in dieser Hinsicht nur auf das Bild: "Heilige Blumen" hin, dem wie einer Reihe anderer Gemälde eine eigene Technik (Ei-Harz-Tempera) zugrunde liegt. Zu den interessantesten Bildnissen überhaupt, die wir in den letzten Jahren gesehen, gehört das Porträt der Miss Howe, das Bild einer Frauenseele, auf deren Grund der Maler geblickt hat. Die Individualisierung erstreckt sich nicht nur auf das durchgeistigte Antlitz, sondern auch auf die Haltung des Körpers und besonders auf die Hände. Das Bild ist mit intensivstem Interesse, mit Liebe gemalt. Streng und sicher in der Zeichnung wie dieses Bildnis ist auch das Doppelporträt "Bettina und Felix". Mit wenigen Linien und einer kleinen Zahl von Tönen ist die Zeichnung des Bildnisses eines Fräuleins aufs Papier geworfen, aber Linien und Farben sitzen kräftig und sicher. Wie schon erwähnt, liegt die Stärke unserer modernen Maler auf dem Gebiete der Landschaft und so sind auch Paul Schads Landschaften in vieler Hinsicht das Beste, das er uns bisher geboten hat. Das Paradies bei Oberaudorf ist eine Landschaft in man möchte sagen heroischem Stile, wenn das Wort Stil bei diesem echten Naturerfasser überhaupt Wert haben kann. Die schwere Masse der Bäume mit dem verglimmendem Lichte, das über sie hinzieht, ist mit breitem Pinsel gekennzeichnet. In kleineren Bildern charakterisiert Paul Schad mit wenigen Strichen die Stimmung des Tages in schlichtesten Gegenden, so in dem Bilde: "Kühler Morgen", auf dem die ersten Sonnenstrahlen die rothen Dächer in klarer Morgenluft aufleuchten lassen, und in den Dämmerungsbildern. Eine große Zahl von Landschaftsbildern und prächtigen Zeichnungen nach der Natur erfreuen den Besucher dieser Ausstellung. Wir machen noch besonders auf die Bilder: "Feierabend" und "Heimat" aufmerksam. Reliefmalereien wie "Belauscht", erfüllen einen decorativen Zweck. Wie alle selbständig wirkenden Künstler, hat sich auch Schad seine eigene Technik ersonnen und so manchen Laien durch die Angaben seiner Malmittel in Erstaunen gesetzt. Den Laien gehen die Bestandtheile der Farben aber gar nichts an, höchstens insofern, als es ihn interessieren wird, zu erfahren, daß das Petroleum als Bindemittel der Farben äußerst zweckmäßig ist, weil die Haltbarkeit derselben dadurch gewissermaßen garantiert und das Nachdunkeln und Springen nach Möglichkeit verhindert wird. Wie viel - Eier jedoch der Maler zu seinem Farbekoch verwendet, das ist auch für den Käufer nebensächlich, sintemalen Kataloge keine Kochbücher sind.

In der reich besetzten Abtheilung der Zeichnungen mögen die Schüler und solche, die es werden wollen, einen Begriff von der Begabung dieses Meisters gewinnen. Röthelzeichnungen und Federzeichnungen wechseln mit leicht aquarellierten Blättern ab. Welcher künstlerische Effect wird in dem Blatte: "Ottenhofen" durch den grünen Ton auf dem grauen Papier erzielt. Auch die Actstudien - namentlich der weibliche Act (Nr.64) - bieten den Beweis, daß der Maler die Anatomie des Menschen kennt, ein Studium, das kein Bildnismaler vernachlässigen darf, wie es in neuester Zeit ab und zu vorkommen soll.

Wenn der einstige Lehrer Schads auf diesen wenig Einfluß genommen, so muß man bekennen, daß Paul Schad-Rossa im besten Sinne des Wortes Schule gemacht hat. Hedwig Klemm-Jäger, Margarete Supprian und Hermann Meyer sind Namen, die man sich merken darf. Erstere stellte mehrere Oelgemälde, eine Aquarellzeichnung, Lithographien und Radierungen aus, Bilder aus deutschen Wäldern und südlichen Gegenden, Alles gleich gut geschaut und wiedergegeben. Meisterwerke sind die großen Landschaftsbilder: "Verglimmendes Licht" und "Verhängnis" von Margarete Supprian. Das "Paradies am Inn" hat sie mit dem schärfsten Auge des Malers durchsucht. Sie liebt die Natur mit ganzem Herzen, sonst hätte sie nicht ihr ganzes Können in den Dienst der Wiedergabe des Geschauten gestellt. HermannMeyer ist der Maler der Heide, welcher derjenige spottet, der sie nicht kennt. Die moderne Schule ist so recht geschaffen für die Darstellung der  künstlerischen Werte der Heidelandschaft, während die ältere Epoche sich namentlich in Schilderungen des Gebirges mit der Mannigfaltigkeit seiner Formen und Farben wohlfühlte. Das Prototyp modernster Landschaftsmalerei mag das Waldinnere (Nr.91) mit seinen glatten Stämmen darstellen.

Wenn auch diese Ausstellung heute geschlossen wird, so wird es, wie erwähnt, doch Gelegenheit geben, auf die Anregungen, die sie geboten hat, nochmals zurückzukommen. Das ist ja das Fruchtbringende gesunder und bewußter Kunstthätigkeit, daß sie nicht nur erfreut und unterhält, sondern tiefer wirkt und zu neuem Schaffen zwingt.

Nur über das von Schad entworfene Placat seiner Ausstellung möchten wir ein Wort sagen. Ob es uns "gfallen" hat, will man wissen? Nun gut, wir antworten sofort mit "Nein". Gefallen konnte es uns schon deshalb nicht, weil es nicht "gefällig" ist. Der Künstler wollte aber auch gar Niemandes gefallen damit erwecken. Er wollte einen Zweck erreichen, den Zweck jedes Placats, der ganz einfach der ist, daß man stehen bleibt und es ansieht. Und diesen Zweck hat er doch vollkommen erreicht. Das eckige Individuum, das sich so scharf von einer rosigen Muschel abhebt, aus der es rauschen mag und tönen, dieses ascetische, dürre Gesicht, halb Weib, halb Mann, mit seinem stumpfen Ausdrucke und dem glatt geringelten Haar, dieses seltsam rohe Wesen wird vielleicht aus dem Raunen der rosigen Muschel, dem es wie hypnotisiert lauscht, eine Kunde vernehmen, die es belebt und erhebt und verschönt, und die starren Linien dieses harten Antlitzes werden wieder weich werden, und die gelblichen Wangen werden sich röthen. - Was das alles heißen soll? - das soll heißen: Die frohe Botschaft der großen, echten Kunst wird eines Tages von den Völkern vernommen und begriffen werden, und sie wird Aug und Ohr öffnen allen jenen, die jetzt stumpf und starr das Rauschen der Muschel hören, aber nicht verstehen.

Kl.



Grazer Tagblatt, 9.12.1900

 

Steiermärkischer Kunstverein

 

In einem Lehrsaale der Steiermärkischen Realschule wurde gestern vormittag unter sehr großer Betheiligung die Hauptversammlung des Steiermärkischen Kunstvereines abgehalten. Vicepräsident Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Gurlitt eröffnete sie mit einer längeren Ansprache, in der er die Aufgaben und Ziele des Vereines beleuchtete. Er wies auf die selbstständige Entwicklung hin, die der Verein nahm, als endlich seine Verbindung mit der Wiener Künstler-Genossenschaft gelöst wurde. Thatsächlich sei eine neue Ära angebrochen. Im verflossenen Vereinsjahre habe der schwächere Besuch der a l l g e m e i n e n Ausstellung zu Weihnachten im Gegensatze zu dem Erfolge der Gruppenausstellung im Frühjahre eine für den Ausschuß wichtige Lehre ertheilt. Die Mitglieder des Vereines sind jetzt in etwas lebhaftere Bewegung gerathen, eine Anzahl alter Mitglieder sei leider ausgeschieden. Der Zuwachs an neuen Mitgliedern übersteige aber den Ausfall weitaus. Redner wies weiters darauf hin, daß der Verein Einfluß genommen habe auf die Heranziehung der Künstler Prof. Alfred v. Schrötter und Paul Schad-Rossa und schloß mit dem Wunsche, die reine Vestaflamme deutscher Kunst möge immer weiter leuchten im deutschen Graz, und wenn die Saat aufgehe, die deutsche Künstler säen, dann werde sich mit ihnen stets auch der Steiermärkische Kunstverein freuen. (Beifall.)

Dem Rechenschaftsberichte ist zu entnehmen, daß im vergangenen 25. Vereinsjahre die Zahl der wirklichen Mitglieder von 424 auf 477 stieg. Die Zahl der abgesetzten Antheilscheine betrug 1732. Die Einnahmen betrugen 16.849 fl. 78 kr. und die Ausgaben 17.403 fl. 33 kr., das Vereinsvermögen beträgt 14.350 fl. 12 kr.

Es wurden zwei Ausstellungen veranstaltet, von denen die erste mit 300 Kunstwerken beschickt war. Die zweite war eine Special-Ausstellung der Neu-Dachauer Gruppe, der "Scholle" und "Jugend" in München, verbunden mit Werken der Nutzkunst; sie zählte 397 Nummern. Die vorjährige Weihnachtsausstellung ergab bei einer Besucherzahl von 3910 und Gesammtausgaben 2908 fl. 14 kr. einen Abgang von 1242 fl. 96 kr., während die zweite Ausstellung bei einer Besucherzahl von 7114 und Gesammtausgaben von 2155 fl. 25 kr. einen Abgang von 91 fl. 58 kr. aufwies. Vom Kunstverein wurden zur Verlosung 13 Kunstwerke im Werte von 2775 fl., von Kunstfreunden 16 Kunstwerke und mehrere kunstgewerbliche Gegenstände im Gesammtwerte von 3771 fl. angekauft.

Diese Zahlen zeigen eine erfreuliche Zunahme an Kaufkraft und Kauflust in Graz, die auf die Geneigtheit namhafter Künstler, uns ihre Werke zur Ausstellung zu überlassen, erfolgreich einwirkte und so den künstlerischen Wert unserer Ausstellungen immer mehr zu steigern geeignet ist.

Der Ausschuß hat im abgelaufenen Jahre im Vereine mit dem Vereine bildender Künstler Steiermarks dem vom Kunstvereine schon in den Achtigerjahren verfolgten Plan des Baues einer Kunsthalle wieder aufgegriffen. Wenn auch in diesem Jahre kein Erfolg erzielt wurde, weil sich der Gemeinderath nicht bewogen befunden hat, dem Ansuchen um Ueberlasssung eines geeigneten Bauplatzes Folge zu geben, so werden doch noch weitere Bemühungen zur Erreichung des Zieles erfolgen müssen.

Der Ausschuß hat einem Ansuchen des Justizministeriums entsprechend ein Gutachten, dessen Verfasser das Ausschußmitglied Dr. v. Drasenovich war, in der Frage abgegeben, ob sich Oesterreich der Berner Convention wegen der Urheberrechte anschließen sollte, und zwar mit unbedingter Bejahung der Frage.

[...]

In längerer Ausführung sprach Herr kaiserl. Rath Robert Seeger den Wunsch aus, der Ausschuß möge auch die Förderung der alten Kunst pflegen. Der Vorsitzende Herr Prof. Dr. Gurlitt betonte, daß zwischen seinen einleitenden Ausführungen und jenen des Vorredners ein Unterschied nicht bestehe. Er verweise übrigens nur auf die Weihnachts-Ausstellung, auf der gewiß auch die "alte" Kunst vertreten war. Der Ausschuß habe wiederholt den vom kaiserl. Rath Seeger angedeuteten Bestrebungen gehuldigt. Herr Dr. Emil Ertl dankte Herrn kaiserl. Rath Seeger bestens für die gemachten Mittheilungen; er sei überzeugt, daß Herr Seeger damit die Ansicht eines großen Theiles der Mitglieder zum Ausdruck gebracht habe. Der Ausschuß hege den aufrichtigen Wunsch, auch die älteren Mitglieder zufriedenzustellen. Zu berücksichtigen sei aber, daß Künstler der alten Schule, die großen Ruhm besitzen und große finanzielle Erfolge erzielten, ihre Ausstellungen in großen Städten, nicht aber in Graz veranstalten. Ein anderes Streben haben jedoch die jüngeren aufstrebenden Künstler. Eine Gruppenausstellung jüngerer Künstler sei leichter zu bewerkstelligen, weil sich diese activer zusammenschließen. [...]

 

Grazer Tagblatt, 10.12.1900

 

(Grazer Künstlerbund.)

 

Unter diesem Namen hat sich in zunächst ganz freier, geselliger Form auf Anregung des Malers Paul Schad-Rossa eine Anzahl hier lebender Künstler zu gemeinsamer Arbeit und künstlerischem Gedankenaustausche zusammengeschlossen. Lediglich auf innerer Ideengemeinschaft und übereinstimmender künstlerischer Überzeugung fußend, wollen diese Männer unter Vermeidung einer neuen Vereinsgründung ihr einziges Augenmerk auf die künstlerische Tat, auf ein reges, gegenseitig anregendes und förderndes Kunst-Schaffen richten. Eine nach streng künstlerischen Grundsätzen redigierte Veröffentlichung, die zu Ostern nächsten Jahres unter dem Titel "Grazer Kunst" zum erstenmale erscheinen soll, wofür auch literarische und musikalische Mitarbeiter gewonnen wurden, wird der Öffentlichkeit zum erstenmale Einblick in die Ziele und Absichten dieser neuen Bewegung ermöglichen. Unter den Künstlern, die sich in der erwähnten Weise Herrn Schad-Rossa angeschlossen haben, werden die Namen Konrad, Pauluzzi, v. Suppanchich, Tauber und Professor Winkler genannt. Auch der Maler Herr Alfred v. Schrötter hat seine volle Uebereinstimmung mit den künstlerischen Absichten dieser Gruppe ausgesprochen und seine Betheiligung an ihren idealen Bestrebungen, sowie seine Mitarbeiterschaft an der genannten Kunstzeitschrift zugesichert; sie erscheint halbjährig. Für das erste Jahr übernimmt Schad-Rossa die Redaction des künstlerischen, Herr Dr. Hermann Ubell die des literarischen Theiles.




Münchner Neueste Nachrichten, 19.12.1900

 

dr. Grazer Kunstbericht. Aus Graz schreibt man uns: Die Unglücksraben, welche immer weissagten, daß hier jede Bemühung um bildende Kunst vergeblich sei, haben mit ihrer verzichtenden Todtenklage gegenüber dem werdefrohen Leben wieder einmal Unrecht behalten. Der Herbst brachte uns nicht weniger als drei gut besuchte Ausstellungen. Den Anfang machte der Kunstverein mit dem Hagenbund, welcher bisher eine fortschrittliche Gruppe innerhalb der alten Wiener Künstlergenossenschaft war, neuestens aber in Folge von Zerwürfnissen ausgetreten ist. Unter den 146 Nummern waren gute Namen, wie Ameseder, Charlement, Egger-Lienz, Golz, Kasparides, Tomec, Zoff. Das bei ihnen vorwiegende Naturstudium könnte ein gesundes Gegengewicht gegen die schnell stilisirende Richtung der Wiener Sezession bilden und ihre mehr vorsichtige und geschmackvolle, als starke und rücksichtslose Art schien der hier ortsläufigen Weisheit entgegenzukommen. "Auch ich schätze die moderne Kunst, aber nicht jene übertriebene, gewaltsame, sondern die gemäßigte." Trotzdem haben sie hier nach keiner Seite recht gewirkt und nichts verkauft. Vielleicht lag es daran, daß sie - sei es wegen der Pariser Ausstellung oder aus recht wienerischer Unterschätzung der Provinz - vielfach nur ihre Atelierabfälle geschickt hatten, so daß eigentlich nur Germela und Kasparides standhaltig vertreten waren. - Hierauf folgte im halben Oktober die erste Ausstellung des nun ein Jahr alten Künstlervereins, offen für in Steiermak lebende oder aus Steiermark stammende Künstler. Da die Stadtgemeinde durch Verweigerung des erbetenen Bauplatzes auf lange Zeit jede Aussicht auf eine Kunsthalle abgeschnitten hatte, miethete der Verein den Bibliotheksaal der ehemaligen Universität und richtete ihn ziemlich praktisch und gefällig ein. Daß die ausgestellten 367 Werke von sehr ungleichem Werthe waren, konnte bei der Zusammensetzung des Vereins nicht überraschen und ist bei einer ersten Ausstellung, welche zunächst eine Uebersicht über die vorhandenen Kräfte geben soll, auch kaum zu tadeln. Manches könnte auch an größeren Kunststätten Interesse erregen und bestehen, so die Kollektionen des rastlos suchenden, oft noch unbeholfenen, aber unendlich ehrlichen und ernsten Alois Penz, des sicher und kräftig in üppigen Farben schwelgenden, wenn auch nicht sehr tiefen Karl von O'Lynch, der jetzt nach München übersiedelt, der mädchenhaft weichlichen, aber sehr geschickten und lieblichen Olga Grammer, dann einzelne Sachen von Bank, Bergmeister, Kühn, Rheinfelder, Supanchich, Terglav und Winkler. Auch Andere haben, durch den allgemeinen Aufschwung angestachelt, wenigstens Besseres geboten, als man seit Jahren von ihnen gesehen hat. Daneben aber machten sich übergroße, in ödes Detail verlorene Panorama-Landschaften breit. Terrakotten, die aus dem Schaufenster einer Porzellanhandlung entsprungen schienen und viel sog. "sezessionistischer", d.h. in impotenter Weise moderne Könner bestehlender Plunder. Eine wirkliche Sezession scheint sich übrigens aus den anläßlich dieser ersten That des Vereins eingetretenen Gärungen demnächst entwickeln zu wollen. Die Ausstellung war gut besucht, von Kritik und Behörden beifällig begrüßz und ergab einen Verkauf von 18 Werken, darunter vier an die Landesgalerie. Eine ausreichende Uebersicht über die im Lande vorhandenen Kräfte gab sie übrigens nicht, denn mancher tüchtiger Steirer hatte sich ferngehalten. - Zu den Steirern gehören seit Neuestem auch zwei Münchner Maler: Alfred von Schrötter, der, vom Landesausschusse hieher berufen und mit dem Titel Professor ausgezeichnet, bereits eifrig am Unterrichten ist, auch durch Vorträge belebend wirkt, und Paul Schad-Rossa, der, angeregt durch Berichte über die hiesigen Bestrebungen auf eigene Gefahr hier seine Werkstatt aufschlug. Der Kunstverein gab ihm Gelegenheit sich und seine Schule in einer Sonderausstellung einzuführen, wenn er sich hievon nach den bisherigen Erfahrungen auch mehr Aergerniß als Beifall erwarten mußte. Es kam aber anders. Das Plakat freilich erregte Befremden, ein ausdrucksreicher, aber "unschöner" Frauenkopf vor einem hellen, dekorativen Fleck, von dem man durchaus nicht herausbekommen konnte, was er "bedeutete". Auch das Vorwort des Katalogs, schriftstellererisch angreifbar, aber ein herzliches Dokument echter Kunstbegeisterung, begegnete verdrossener Ablehnung. "Knochen zum Nagen für kritische Hunde", pflegte Fritz Gurlitt im Scherze solche Vorworte zu nennen. Doch die Ausstellung hatte einen großen, hier noch nicht gehörten Erfolg. Sie wurde reichlich besucht, viel besprochen, natürlich auch getadelt, aber selbst von einigen Gegnern der neuen Kunst anerkannt, von ihren Jüngern enthusiastisch bejubelt. Die Schüler der noch immer bestehenden Historienabteilung der landschaftlichen Zeichenakademie erschienen korporativ beim Meister mit der Bitte, sie als Schüler anzunehmen. Und was das Ueberraschende war: es gab nicht nur einen kleinen Ueberschuß, sondern es wurde auch stürmisch gekauft: von 75 Arbeiten Schads gingen 38 und von 37 Schülerarbeiten 11 in Privatbesitz über; allerdings waren die Preise ungewöhnlich niedrig, aber es waren doch einige große Stücke darunter. Der Grund dieser starken, unerwarteten Wirkung lag zum Theil in der bestrickenden Einheitlichkeit der Vorführung, wie sie eine gemischte Ausstellung nie erreichen kann, dann in den heute so verehrten Vorwürfen freien, paradiesischen Menschenthums, und in der mitreißenden Kraft von Schads persönlichem Auftreten, zum Theil doch auch - zu Ehre unseres Publikums - an den rein künstlerischen Qualitäten der Werke, nämlich an der erstaunlichen Beherrschung und Kombinirung der verschiedensten Materialien, der nervösen und vielsagenden Stilisirung der Linien, der sicheren Steuerung auf die sinnlich-dekorative Wirkung. Die Namen Leistikow, Ludwig v. Hofmann und Puvis bezeichnen ungefähr die Richtung seiner Kunst, ohne daß er sich an eine wirklich anlehnte. Seine Gegner - soweit sie überhaupt ernstlich in Betracht kommen und nicht nur aus gekränkter Trägheit alles Neue verhöhnen - werfen ihm unreine Farben, rohe oder saloppe Zeichnung, Lustlosigkeit und mangelnde Intimität des Ausdrucks vor; der allerdings sichere Effekt sei zu bald ausgekostet. Schad selbst betrachtet seine Sachen nur als Versuche und Vorspiele zu dem heiß angestrebten Gesammtkunstwerk, in welchem Architektur, Plastik und Malerei - wie schon jetzt Bild und Rahmen - einander stützen und bedingen, den Raum gliedern und schmücken. Jedenfalls war die Ausstellung ein Ereigniß für Graz und den Kunstverein: dieser hatte zwar einige entrüstete Austrittsmeldungen zu ertragen, aber die Vollversammlung am 8. Dezember brachte der fortschrittlichen Partei die einmüthige Billigung ihres Vorgehens und endlich die sichere Mehrheit im Ausschuß. Die nächste Ausstellung, welche schon zu Weihnachten ausgestellt wird, gilt der Wiener Sezession.

Grazer Tagblatt, 27.1.1901

 

("Grazer Kunst".) In die Redaction dieses Halbjahrbuches des Grazer Künstlerbundes ist als Leiter des musikalischen Theiles Herr Dr. Wilhelm Kienzl eingetreten. Der Leiter des literarischen Theiles, Herr Dr. Hermann Ubell, hat die Redaction bereits abgeschlossen. Mittheilungen über die Autoren und den Charakter der in Aussicht stehenden Veröffentlichung erfolgen demnächst. Was den bildnerischen Theil anlangt, sei erwähnt, daß Originalzeichnungen, welche für den Buchdruck bestimmt sind, bis längstens 15. Februar, Original-Lithographien im Probedruck bis 1. März eingeliefert sein müssen. Vorläufige Anmeldungen der eventuell einzusendenden Blätter sind im Verlaufe der nächsten Tage an Herrn Paul Schad-Rossa zu richten.

Grazer Tagblatt, 10.3.1901

 

Der Steiermärkische Kunstverein und die Grazer Kunst

 

Die Verwaltung des Steiermärkischen Kunstvereines richtete in jüngster Zeit ein Rundschreiben an die Mitglieder, worin sie auf eine demnächst erscheinende Kunstzeitschrift unter dem Titel "Grazer Kunst" aufmerksam gemacht werden. Diese Kunstzeitschrift stellt sich zum erstenmale die Aufgabe, ein vollständiges Bild der in Graz thätigen und wirksamen künstlerischen Kräfte auf dem Gebiete der bildenden Kunst, der Poesie und der Musik zu geben.

Wenn von der Verwaltung des Steiermärkischen Kunstvereines in Aussicht gestellt wird, daß diese Zeitschrift ein v o l l s t ä n d i g e s   B i l d des heimischen Schaffens auf dem Gebiete der bildenden Kunst geben wird, so wird damit etwas versprochen, was thatsächlich nicht gehalten werden kann. Die weitaus größte Zahl der bildenden Künstler unserer Stadt gehören dem Vereine der bildenden Künstler Steiermarks an; alle diesem Vereine angehörigen bildenden Künstler: Maler, Bildhauer und Architekten stehen dieser Publication vollständig ferne und sind daran in keiner Weise betheiligt. Wenn also nicht nur die überwiegende Zahl der bildenden Künstler Steiermarks sich an dieser Zeitschrift nicht betheiligt, und wenn sich unter dieser Zahl Künstler befinden, deren Namen weit über die Grenzen unserer Stadt und unseres Landes bekannt sind, so liegt in der oben erwähnten Zusicherung eine Entstellung der Thatsachen, und hiemit auch eine Irreführung der Vereinsmitglieder und des Publicums, auf welche hiemit aufmerksam zu machen eine Pflicht ist, umsomehr als sich das Schreiben des Kunstvereines auch an das gesammte kunstliebende Publicum Oesterreichs und des deutschen Reiches richtet.

Der Ausschuß des Vereines bildender Künstler.

Grazer Tagblatt, 13. März 1901

 

Der Steiermärkische Kunstverein und die Grazer Kunst

 

Mit Bezug auf die unter obige Spitzmarke veröffentlichte Zuschrift des Vereines bildender Künstler erlaubt sich der Steiermärkische Kunstverein um Aufnahme der folgenden Erklärung höflichst zu ersuchen: Es ist richtig, daß die Verwaltung des Kunstvereines in einem Rundschreiben an die Mitglieder etwas versprochen hat, was thatsächlich nicht gehalten werden kann. Jedermann sieht, daß sich die Einladung zum Bezuge des ersten Heftes der Kunstzeitschrift "Grazer Kunst" eben nur auf dieses erste Heft bezieht, deren Mitarbeiter mit Namen aufgezählt sind. Nirgends steht zu lesen, daß auch der Verein bildender Künstler daran mitarbeiten wird. Ein vollständiges Bild von den in Graz thätigen und wirksamen künstlerischen Kräften zu geben, wird auch nicht als ein im ersten Heft erreichtes Ziel, sondern als die A u f g a b e bezeichnet, welche sich die Publication überhaupt gestellt hat. Ob sie diese Aufgabe im Falle ihres Prosperierens erreichen wird oder nicht, dies kann heute niemand wissen, auch nicht der Ausschuß des Vereines bildender Künstler. Die Publikation "Grazer Kunst" ist ein Unternehmen des Grazer Künstlerbundes und nicht des Kunstvereines, was die Zuschrift des Vereines bildender Künstler zu erwähnen gänzlich unterläßt. Das Rundschreiben des Kunstvereines war also lediglich eine Mittheilung an die Mitglieder, daß ihnen der Künstlerbund eine Preisermäßigung für das erste Heft gewährt. Im übrigen identificiert sich der Kunstverein ebenso wenig mit den Unternehmungen des Grazer Künstlerbundes, wie mit denen des Vereines bildender Künstler, aber er wird immer jedes heimische Unternehmen mit Freuden begrüßen und nach Kräften fördern, welches vollwertig ist, gleichgiltig, ob es vollzählig sei oder nicht, denn als Organisation von Kunstfreunden zur Pflege der bildenden Kunst in Steiermark ist er dazu berufen. Von dieser Aufgabe wird er sich durch Mißhelligkeiten zwischen einzelnen in Graz lebenden Künstlervereinigungen nicht abwegig machen lassen. Vereinsmeiereien sind nicht seine Sache. Dagegen wird er stets dort zu finden sein, wo positive Arbeit geleistet wird und künstlerisches Schaffen auf heimatlichem Boden zutage tritt. Und daß dies bei dem ersten Hefte der erwähnten Zeitschrift der Fall sein wird, davon hat sich die Leitung des Kunstvereines selbstverständlich überzeugt, bevor sie den Mitgliedern den Bezug desselben empfahl. Hiermit dürfte die Angelegenheit genügend aufgeklärt und das Vorgehen des Vereines bildender Künstler ins recht Licht gerückt sein.

Graz, am 12. März 1901

Präsidium des Steiermärkischen Kunstvereines



Grazer Tagblatt, 22.3.1901

 

Der Steiermärkische Kunstverein und die "Grazer Kunst"


Mit Bezug auf die bezügliche Erklärung des Präsidiums des Steiermärkischen Kunstvereines erlaubt sich der Verein bildender Künstler Steiermarks um Aufnahme nachstehender Zeilen zu bitten.

Das Präsidium des Steiermärkischen Kunstvereines hat unsere Veröffentlichung in dieser Angelegenheit in einer Weise erwidert, daß wir sie nicht mit Stillschweigen übergehen können. Anstatt den Vorwurf, den wir erhoben, beweiskräftig zu widerlegen, hat er Behauptungen bekämpft, die wir niemals gemacht, und hat uns Motive untergeschoben, die uns niemals geleitet haben. Wir werden in dieser Entgegnung dem Präsidium des Steiermärkischen Kunstvereines auch in dem Gebrauche von Spottnamen, wie "Vereinsmeierei", nicht folgen, denn man nimmt zu solchen nur seine Zuflucht, wo sachliche Argumente fehlen.


1.        Wir haben nicht behauptet, daß die geplante Kunstzeitschrift vom Kunstvereine herausgegeben werde, und es sind nicht "Misshelligkeiten zwischen einzelnen in Graz bestehenden Künstlervereinigungen", wie fälschlich behauptet wird, die uns geleitet haben. Kein Wort unserer Erklärung berechtigt zu einem solchen Anwurfe. Uns leitet ausschließlich die Pflicht, unsere Mitglieder vor dem falschen Scheine einer Mitarbeiterschaft an diesem Unternehmen zu bewahren. Um aber jeden Zweifel auszuschließen, so erklären wir hiermit ganz ausdrücklich, daß wir es in dieser Angelegenheit nur mit dem Präsidium des Steiermärkischen Kunstvereines zu thun haben.

2.        Die Verwaltung des Steiermärkischen Kunstvereines hat in einem vom Februar laufenden Jahres datierten Rundschreiben an die Mitglieder dieses Vereines das bevorstehende Erscheinen der Kunstzeitschrift "Grazer Kunst" angekündigt und darin hervorgehoben, daß sich dieselbe die Aufgabe gestellt hat, "ein vollständiges Bild von den in Graz thätigen und wirksamen künstlerischen Kräften zu geben". Durch dieses so weitgehendes Versprechen muß aber die irrige Vermuthung erweckt werden, als wenn die Grazer Künstlerschaft in ihrer Gesammtheit oder wenigstens in der Mehrheit ihrer bedeutendsten und bekanntesten Vertreter an diesem Unternehmen betheiligt wäre, da im anderen Falle von einem "vollständigen Bild" der in Graz thätigen bildenden Künstler wohl nicht mit Recht gesprochen werden kann.

3.        Wenn das Präsidium des Steiermärkischen Kunstvereines sich dagegen wendet, daß von uns die oben erwähnte Versprechung als ein bereits im ersten Hefte zu erreichendes Ziel hingestellt wurde, so müssen wir erwidern, daß wir eine solche Behauptung niemals aufgestellt haben, da uns ja ganz wohl bekannt ist, daß in einem oder selbst in mehreren Heften weder ein gestelltes Ziel vollständig erreicht, noch eine gestellte Aufgabe vollständig gelöst werden kann. Die Frage steht ausschließlich so: War die Verwaltung des Steiermärkischen Kunstvereines berechtigt, so weitgehende Versprechungen bezüglich der gestellten Aufgabe zu machen, und hat sie nicht durch dieselbe einen falschen Schein hervorgerufen, welcher irrige Erwartungen zu erwecken geeignet ist?

 

Eine solche weitgehende Versprechung ist nach unserer Auffassung nur dann zulässig, wenn sich derjenige, der sie macht, vorher versichert hat, daß man sich wenigstens die angerühmte Aufgabe gestellt habe, wenn die Zusicherung der Mitwirkung seitens der Mehrzahl der hiesigen Künstler vorgelegen wäre, ja wenn nur die Tendenz des Zusammenfassens der heimischen Kunstkräfte vorhanden gewesen wäre. Solche Zusicherungen sind aber nur von einem kleineren Künstlerkreise vorgelegen und eine größere Anzahl der bedeutendsten und bekanntesten Künstler unserer Stadt stand dem Unternehmen von Anbeginn ferne.

Wir glauben also vollständig berechtigt zu sein in unserer Behauptung, daß die Verwaltung des Steiermärkischen Kunstvereines unter den obwaltenden Verhältnissen zu so weitgehenden Versprechungen nicht berechtigt war und erachten diese Angelegenheit hiermit als für uns erledigt.

Der Ausschuß des Vereines der bildenden Künstler Steiermarks.



Grazer Tagblatt, 24.3.1901

 

Der Steiermärkische Kunstverein und die "Grazer Kunst"

 

Das gefertigte Präsidium war den P. T. Vereinsmitgliedern gegenüber verpflichtet, auf die Einsendung des Vereines bildender Künstler Steiermarks vom 10. März d. J. in sachlicher Weise zu erwidern (Morgenblatt vom 13. d. M.), findet aber nach Ertheilung dieser den Sachverhalt erschöpfenden Aufklärung keinerlei Anlaß, des weiteren auf jene langathmige Einsendung vom 22. d. M. zu antworten, mit welcher der genannte Verein neuerlich vorzugehen beliebt. Die Leitung des Steiermärkischen Kunstvereines beschränkt sich auf die Aufgabe, ihren statutenmäßigen Obliegenheiten bestmöglich nachzukommen und lehnt jede müßige Polemik ab.

Der Kunstverein überläßt daher die Beurtheilung der ganzen obigen Angelegenheit getrost der Einsicht des gebildeten Publicums und dem "Grazer Künstlerbund" die Erfüllung des Programmes seiner Publication "Grazer Kunst". Den Herrn vom Vereine bildender Künstler aber, bei dem sich gewiss viele tüchtige Künstler befinden, stellt er anheim, zu bedenken, daß es ihr Ansehen nicht fördert, wenn sie eine achtungswerthe künstlerische That, welche ihre Kollegen vom "Grazer Künstlerbund" zu leisten im Begriffe stehen, durch eine vom Zaun gebrochene Zeitungspolemik erschweren. Etwas Positives zu leisten, ist bei unseren Verhältnissen durchaus nicht leicht; aber ungeheuer leicht ist es, dem Zustandekommen einer Leistung Hindernisse zu bereiten. Schließlich aber werden doch nur wirklich künstlerische Thaten gezählt, und nicht die mehr oder weniger spitzfindig stilisierten "Eingesendet"".

Das Präsidium des Steiermärkischen Kunstvereines.

Emil Ertl,  Grazer Tagblatt, 15.5.1901



"Grazer Kunst"

 

"Die erste öffentliche That des Grazer Künstlerbundes" - eine That des freien Muthes und der strebenden Künstlerbegeisterung. Das wenigstens mögen die Gegner des vorgestern im Verlage von Hans Wagner (Graz) erschienenen Heftes I der "Grazer Kunst" anerkennen, ob sie gegen die streng stilisierte Richtung des Unternehmens noch so bitter erzürnen oder – vielleicht mit Recht – mit Einzelnen sich durchaus nicht befreunden wollen. Die Katheder-Aesthetik, die ganzen Geschlechtern in Fleisch und Blut übergieng, hat den freien Willen der Schaffenden und der Genießenden geknechtet; dass jeder ernste Wille in der Kunst seine Berechtigung hat, das muß Gemeingut der Ueberzeugung werden. Dieser Grundsatz ist in allen Zeiten zur Geltung gekommen, wann immer das Neue den Widerstand der Gewohnheit durchbrach, aber er ist auch heute noch so wenig in Uebung, dass gar viele es verschmähen, die Absicht des Künstlers verstehen zu lernen, ehe sie aburtheilen.

Das Probeheft der in zwangloser Folge erscheinenden "Grazer Kunst" findet jetzt schon nicht nur in Graz, sondern auch bei den hervorragendsten Kunstzeitschriften des Auslandes, denen Prospecte vorlagen, eine ernste, ehrenvolle Würdigung; es wird aber ebenso gewiss – mit seiner bildenden Kunst vornehmlich - keinen geringen Sturm der Entrüstung unter Widersachern entfesseln. Man darf schon zufrieden sein, wenn den grundsätzlichen Gegnern Gnade für das eine oder andere Bild abgerungen wird oder wenn sie wenigstens dem "Buchschmucke" die Anerkennung nicht versagen, dass er individuellen Geist an Stelle der Schablone bietet. Es wäre übrigens auch recht einseitig, die Einwendungen leidenschaftsloser und gebildeter Beurtheiler durchwegs in den Wind zu schlagen. Die Besprechung der bildenden Kunst, der Dicht- und der Tonkunst bleibe hier dem persönlichen Urtheile unserer Fachreferenten überlassen; wir greifen ihnen nicht vor, indem wir in Bezug auf das Bildnerische des Heftes die Bemerkung uns nicht versagen, dass alles, was werden will, kämpfen muss, und dass der Kampf naturgemäß mitunter das Extreme fördert. Wir wollen unserem Kunstreferenten auch nicht vorgreifen, wenn wir mit Rücksicht auf den umfassenden Titel "Grazer Kunst" und in Anbetracht gewisser, vor dem Erscheinen des Heftes in die Oeffentlichkeit gedrungener Zerwürfnisse der hiesigen Künstlerkreise darauf hinweisen, dass es in Graz noch gar manche strebende und berücksichtigenswerte Künstler gibt, die im ersten Hefte der "Grazer Kunst" nicht vertreten sind. Mögen sie aus Gegenstreitern – Wettstreiter werben, mögen sie, den Wert und die Bedeutung der vorliegenden Leistung nicht verkennend, beitragen, dass Name und Inhalt des Werkes in der Gesammtheit der Folge-Erscheinungen sich ganz und gar decken.; mögen die kühnen Unternehmer und Leiter der "Grazer Kunst", ohne vom streng begrenzten Ziele abzuweichen, ohne ihre künstlerischen Rücksichten anderen zu unterordnen, im Rahmen ihrer Bestrebungen eine durchaus freie künstlerische Werbekraft erproben!

In dem klaren und schönen Geleitworte, das Dr. Adalbert v. Drasenovich der "Grazer Kunst" gab und worin das jahrzehntelange schwere Ringen und die Erfolge der jungen Kunst auf unserem einst so dürren Grazer Boden geschildert und den großen Verdiensten Prof. Gurlitts Dank gesagt wird, heißt es: "Was sie (die bildenden Künstler) im einzelnen wollen, haben ihre Werke und keine Worte zu sagen. Was sie im allgemeinen wollen, ist einfach genug: aus eigenem Recht schaffen, in ihrer Zeit wurzeln und leben und in freimüthiger Ergebung das Urtheil der nachwelt erwarten, die allein richten kann, ob es ihnen bestimmt war, am aufsteigenden oder absteigenden Aste zu sitzen." Wir haben noch eins beizufügen: Nicht nur der Zukunft gebürt das Richteramt, auch die Gegenwart hat es, unbekümmert um subjective Meinung und Gegenmeinung, objectiv zu schätzen, dass in unserer Heimat endlich die Kunst, thatbestrebt, in den Reigen der Geister tritt, die in allen deutschen Landen um die Krone des Lebens werben. Dadurch wurde ein neues wertvolles Band zwischen unserem äußersten deutschen Süden und dem Norden geschaffen.

Die Redaction der "Grazer Kunst" besorgten: Georg Paul Schad-Rossa, der Leiter des Ganzen, für bildnerische Kunst und Buchschmuck; Schriftsteller Dr. Hermann Ubell für Literatur; Componsit Dr. Wilhelm Kienzl für Musik.


Bildnerische Kunst

 

Im bildnerischen Theile kündigt sich auf den ersten Blick ein über der Alltäglichkeit stehender Geschmack in der richtigen Verbindung von Illustration und Type an. Leider ist die allgemeine Anschauung durch die "Woche" und ähnliche Unternehmungen so sehr verdorben und irregeführt, dass eigens auf diese Grundfrage hingewiesen werden muss, was eigentlich überflüssig sein sollte. Es ist die Gefahr nicht gering, dass das bisschen Geschmack, das wir uns im Buchwesen gerettet oder erobert haben, in der Flut der Clichés elendiglich ersäuft. Darum kann es nicht nachdrücklich genug hinausgerufen werden, dass alles Lichtdruck-Verfahren im Texte, sobald es aus der linearen und zeichnerischen Wirkung ins Photographische hinübergleitet sehr geschmacklos ist. Hier fällt nun angenehm auf, dass Kornätzung, Netzätzung und ähnliche typographische Schädlinge vom Buchtexte ferngehalten wurden. Nur die Strichätzung findet sich zur Wiedergabe holzschnittartig gehaltener Zeichnungen, welche duirchwegs eine sichere und spielende Beherrschung der Rohrfeder bekunden. Jede Seite bringt auf diese Weise eine einheitliche typographische Wirkung. Als besonders gelungen sei das Gesammtbild der folgenden Druckspiegel hervorgehoben: Der Anfang von Hugo Wolfs Bruchstück und von Roseggers Novelle mit Zeichnungen von Schad; die Kopfleiste zu Kienzls Lied von demselben und zu Peters Composition von Margarete Supprian, die auch für das Titelblatt und als Schlussstück nach dem Inhalte je ein kräftiges, männlich empfundenes Pflanzenornament beigesteuert hat. Auch Bela Konrad und Louise v. Drasenovich sind mit Buchschmuck glücklich vertreten. Unter den Schwarz-weiß – Blättern darf die schlichte und dabei stimmungsvolle Umrahmung zu Ubells Gedicht "Jenseits allen Harms" nicht übergangen werden, welche gleichfalls Schads sichere und dabei leicht hingleitende Hand verräth.

Was in diesem Hefte um einen verhältnismäßig geringen Preis an farbigen Lithographien gebracht wird, steht fast beispiellos da. Von Konrad, Presuhn, v. Supanchich je zwei, von Schad-Rossa vier Blätter, von M. Supprian eines, im ganzen also elf Original-Lithographien. Dies kann man wohl als Geschenk an das Publicum bezeichnen, das nur durch die weitgehendste Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit der mitwirkenden Künstler möglich wurde. Kaum eine andere Veröffentlichung hat jemals um einen jedermann leicht erschwinglichen Ladenpreis elf Originalblätter geboten: die lithographisch wirkenden Blätter der "Jugend", des "Simplicissimus", des "Studio" sind fast durchweg Netzätzungen; durch die Höhe der Auflage ist die Anwendung dieses Verfahrens nöthig. Weniger das Wohlwollen einem heimischen Unternehmen gegenüber, als vielmehr die Gerechtigkeit fordert es, dass dieser so seltene Vorzug der "Grazer Kunst" ausdrücklich anerkannt und hervorgehoben werde. Eigentlich schätzen und würdigen können ihn nur Kenner und Sammler. Dem größeren Publicum, das vornehmlich gegenständlich urtheilt, bleiben begreiflicherweise solche drucktechnische Freuden versagt, umsomehr, als die fortschreitende Vervollkommnung der mannigfachen Vervielfältigungs-Verfahren eine Unterscheidung von Jahr zu Jahr schwieriger macht.

[...] 

Paul Schad versuchte durch ähnliche technische Behelfe seinem winterlichen Motiv aus der Umgebung von Graz ("Weihnacht") jenen Zauber des Unbestimmten zu verleihen, welcher die Schneelandschaft auszeichnet. Der Stimmung nach ist dieses Blatt wohl das hervorragendste des Heftes, und die technische Behandlung, die Combinierung des Steindruckes mit der Schabkunst, der Ausdruck des blauen Tones auf ein blassrothes Papier, das an den ausgesparten Stellen durchblickt, kann geschickter, wirkungsvoller und zugleich schlichter nicht gedacht werden. Ein merkwürdiger Effekt ergibt sich, wenn man das Blatt gegen kräftiges Licht hält: dann steigert sich noch der Ausdruck der Naturwahrheit, und eine untergehende Wintersonne durchglüht das stille Thal und die vereinsamten Hütten.

Auch der Umschlag mit dem Aufdrucke "Grazer Kunst" ist von Schad auf dem Stein gezeichnet. Die Landschaft zeigt des Künstlers Lieblingsmotiv, den leisen Bach, der sich zwischen Wiesen und Bäumen hinwindet. Eine Frauengestalt streut in expressiver Bewegung Blüten ins gleitende Wasser. Alles ist leicht stilisiert, auf die einfachste Erscheinung zurückgeführt. Die Gestalt, herber und eckiger, als vielleicht nöthig wäre, lässt erkennen, dass ihr Urheber sich an Donatello geschult hat und dass er, wie viele zeitgemäße Künstler, dem schmerzlich-naiven Ausdruck des Quattrocento näher steht als der kalten und reifen Glätte der Hochrenaissance. Derartige moderne Linienführungen und Empfindungsweisen werden erst nach Jahren recht ergriffen und geschätzt sein, wenn die allgemeine Geschmacksrichtung von der Kunstgeschichte heraus in diesem Sinne geschult sein wird. [...]

Sehr reizvoll ist noch ein steierisches Landschaftsmotiv ("Heimat") von Schad, gleichfalls in Steindruck (vierfarbig) ausgeführt.

Viel Gutes, ja Vortreffliches bietet es dar. Immer bleibt es eine Sehnsucht der Kritik, sich nicht aus "heimischen" Gründen besondere Maßstäbe construieren zu müssen. Hier hat sich dieser Wunsch erfüllt.

[...]

 

Wiener Abendpost, 18.5.1901

 

(Grazer Kunst.) Der Grazer Künstlerbund hat jetzt ein stattliches Heft erscheinen lassen: "Grazer Kunst" betitelt, dem sich noch andere in zwangloser Folge anreihen sollen. Der Anfang erweckt die besten Erwartungen. Das in Graz am meisten ausgebildete Kunstgewerbe ist heute die Lithographie, und es giebt in der steierischen Hauptstadt viele und bedeutende Steindruckereien. Eine Menge begabter junger Leute ist auf diesem, erst in der letzten Zeit wieder zu erneuter Blüte erwachten Reproductionszweige thätig, zum Theile künstlerisch, aber auch rein handwerksmäßig. Unser Heft enthält elf Original-Lithographien und kostet doch nur -- acht Kronen, ein in Anbetracht des Gebotenen geringfügiger Preis. Hier sind echte Steindrucke, keine Netztondrucke wie in der "Jugend" und im "Studio". Es ist nur erfreulich und anerkennenswerth, daß die österreichische Provinz auch an der modernen Kunstbewegung thatkräftigen Anteil nimmt. Die Provinz hat "ihr eigenes Gesicht"... Blättern wir in dem hübschen Hefte, das von Paul Georg Schad-Rossa, Dr. Hermann Ubell und Dr. Wilhelm Kienzl redigirt wurde und dessen Mitarbeiter durchwegs in Steiermark entweder gebürtige oder dort schaffende Künstler sind, so finden wir Lithographien von B. Conrad, L. Presuhn, P. Schad-Rossa, K. von Supanchich, Marg. Supprian, ferner Zierleisten und anderen Buchschmuck. Unter den werthvollen literarischen Beiträgen fesseln besonders die Erzählungen von Peter Rosegger und Emil Ertl. Der musikalische Theil wird von S. Hausegger, W. Kienzl, G. Peters und Hugo Wolf besorgt. Die Ausstattung des Heftes ist, was Papier und Druck betrifft, von besonderer Schönheit und Gediegenheit. Die deutsche Vereins-Buchdruckerei in Graz und die lithographischen Anstalten von E. Presuhn und Oskar Rohr verdienen dafür genannt und gelobt zu werden.

 

Münchner Neueste Nachrichten, 2.6.1901

 

Grazer Kunstbericht.

 

dr. Aus Graz schreibt man uns: An die in den "M.N.N." am 18. Dezember v. Jahres besprochenen Herbstausstellungen (Hagenbund, Schad, Künstlerverein) schloß sich zu Weihnachten die vom Kunstverein unternommene Vorführung der Wiener Sezession. [...] 

Das künstlerische Tagesereigniß ist das Erscheinen des Buches "Grazer Kunst". Der im Herbst von München übergesiedelte Paul Schad-Rossa hatte hier den "Grazer Künstlerbund" gegründet, welcher beschloß in zwangloser Folge ein vornehm ausgestattetes Werk herauszugeben, das unter rein künstlerischen Gesichtspunkten Werke der hiesigen Bild- Dicht- und Tonkunst vorführen soll. Die moralische Unterstützung, welche der Kunstverein diesem Unternehmen lieh, indem er es seinen Mitgliedern zu ermäßigtem Preise empfahl, führte zu Zeitungsangriffen des "Vereines bildender Künstler Steiermarks" und zu der längst unvermeidlich gewordenen vereinlichen Scheidung zwischen diesem und dem Kunstverein. Nachdem Schroetter und einige Andere schon früher aus dem Künstlerverein ausgetreten waren, legten nun die Mitglieder des Künstlervereins Bergmeister, Brandstetter und Banger ihre Ausschußstellen im Kunstvereine nieder. Ein belustigendes Licht auf die inneren Gegensätze beider Vereine wirft folgende kleine Geschichte: Beim Tode Böcklins hatte der Kunstverein an die Wittwe ein Telegramm gerichtet: "Der Steiermärkische Kunstverein betrauert mit Ihnen den irdischen Tod des Unsterblichen". Bald darauf, scheinbar als Entgegnung veröffentlichte der Künstlerverein in den Tagesblättern die Antwort, welche ihm Georg Hauberrisser auf die Glückwünsche zu seinem 60. Geburtstag gesendet hatte: "Möge Ihr Verein gedeihen, nur wahre Kunst pflegen und damit moderne Kunstverrohung und Geschmacklosigkeit bekämpfen und besiegen!" Die steiermärkische Sparkasse ergriff Partei, indem sie dem Kunstverein seine bisherige Subvention entzog und sie dem Künstlerverein verlieh; sollte es keine Parteinahme sein, so bleibt wohl nur anzunehmen, daß sie damit den Schwächeren stützen wollte: denn der Kunstverein hatte seit Jahresfrist die Kraft für sechs größtenteils passive Ausstellungen gefunden, der Künstlerverein für eine einzige. Trotz dieser und anderer Anfechtungen ist Mitte Mai die "Grazer Kunst" erschienen. Sie ist ein sieben Druckbogen starkes Heft in einer Ausstattung, die dem "Pan" oder der "Insel" kaum nachsteht und dem Grazer Buch- und Steindruck alle Ehre macht; sie enthält elf mehrfarbige Original-Lithographien von Konrad (der auch das neue eigenartige Kunstvereinsplakat gezeichnet hat), Presuhn, Schad, Supanchich und Supprian, Netzätzungen nach Brucks, Pauluzzi und Winkler, 26 verschiedene Zierleisten in Zinkätzung, moderne Grazer Lyrik, Erzählungen von Ertl und Rosegger, Tonwerke von Hausegger, Kienzl, Peters und Wolf. Eine unparteiische Kritik bleibe der Redaktion vorbehalten. 

 

Neues Wiener Tagblatt. 3.7.1901

 

Grazer Kunst

 

"Grazer Kunst" heißt ein Band, den der Grazer Künstlerbund eben bei Hans Wagner herausgegeben hat, im künstlerischen Theil von Georg Paul Schad-Rossa, im literarischen von Hermann Ubell, im musikalischen von Wilhelm Kienzl redigirt, mit Zeichnungen und Lithographien von Georg Brucks, Béla Conrad, Daniel Pauluzzi, Ludwig Presuhn, Paul Schad-Rossa, Conrad v. Supanchich, Margarete Supprian und Georg Winkler, einer Erzählung von Rosegger, einer Novelle von Emil Ertl, Gedichten von Adalbert von Drasenovich, Hermann Frischauf, Robert Graf, Hans Kollar und Hermann Ubell, Liedern von Hausegger, Kienzl und Peters zu Texten von Bierbaum, Morgenstern und Gilm und einem Monolog aus der unvollendeten Oper "Manuel Venegas" von Hugo Wolf, also durchaus von steierischen oder doch in Steiermark schaffenden Künstlern besorgt. Rosegger's Geschichte von der "schönen Lenerl", die er ein "Schattenbild" aus dem Volksleben nennt, hat auf mich enorm gewirkt. Sie ist ganz kurz, aber in ihrer Schilderung thierischer Menschen so furchtbar, daß sie die höchste tragische  Stimmung erreicht, welche sich aus dem behaglich referierenden Ton des Erzählers seltsam abhebt. An Hermann Ubell schätze ich die reine Bildung des Gemüthes, das geschlossene Gefühl und die Sehnsucht nach Cultur. Neben seinen zarten und sinnvollen, freilich nicht ganz unmittelbaren Gedichten sind die Verse der anderen jungen Poeten ein bißchen blaß, indem sie zwar eine schöne Empfindung für den Werth der Worte zeigen, aber nirgends ein eigenes Verhältniß zum Leben darstellen. Dies ist auch von den Lithographien und Zeichnungen zu sagen. Sie haben alle Geschmack, Sinn und Absicht, ohne daß man noch eine persönliche Kraft bemerken würde. Das ganze Buch gibt Einem das Gefühl, unter sehr gesitteten, das Schöne frei verehrenden, froh genießenden Menschen zu sein, deren Stille, deren Freude, deren Anmuth wohlthut und von einer entschiedenen Natur vielleicht nur gestört würde. Fügt man noch hinzu, daß man an ihnen immer die Beschäftigung mit edlen Dingen der Vergangenheit  und das Nachdenken über alte Fragen der Kunst spürt, so ist damit wohl das Wesen dieses ganzen Kreises angegeben.

Wie er entstanden ist und was er sucht, wird in der Einleitung von Adalbert von Drasenovich berichtet. Als vor dreizehn Jahren der Kunstverein in Graz vier Böcklins ausstellte, spottete die Kritik und das Publicum lachte. Die paar Kenner schämten sich und begannen einzusehen, daß die Nation von ihren großen Künstlern nichts hat, wenn sie nicht auf sie vorbereitet ist. Dies wollten sie besorgen, und so machten sie sich an die "Arbeit im Stillen". Ihr erster Erfolg war die Errichtung einer eigenen Lehrkanzel für neuere Kunstgeschichte an der Universität, der zweite die Gründung einer kunsthistorischen Gesellschaft, zu Weihnachten 1895, welche durch Vorträge, Führungen, Beschaffung von Nachbildungen und Zeitschriften zur Freude an der Kunst zu erziehen unternahm. Ermuthigt, wagte es nun der Kunstverein, in einer Ausstellung die neue Entwicklung der graphischen Künste an Klinger, Thoma, Stauffer, Liebermann, Leibl, Rops, Puvis, Cheret, Whistler und den amerikanischen Holzschneidern zu zeigen, und brachte Weihnachten 1897 einen Theil der Dresdener internationalen Ausstellung, Weihnachten 1898 die Münchener Richtungen, Künstlergenossenschaft, Luitpold-Gruppe und Secession. im nächsten Frühjahr versuchte er durch eine Ausstellung für häusliche Kunstpflege die Dilletanten zu zielbewußter Thätigkeit zu organisiren. Gleichzeitig führte er durch Berufung einer Lehrerin die norwegische Handarbeit ein, für welche sich bald eine eigene Genossenschaft bilden konnte. Einmal noch wurde der so betretene Weg verlassen, als die rückhaltenden Kräfte im Ausschusse wieder die Abhaltung einer allgemein beschickbaren Ausstellung beschlossen. Obwohl sie einzelne sehr gute Bilder brachte, erdrückte doch die Masse von Verschiedenartigem und Minderwerthigem jede Wirkung, und es ergab sich ein übergroßer wirtschaftlicher Ausfall. Zugleich stellte sich bei den Neuwahlen die überwältigende Mehrheit der Mitglieder auf Seite der Modernen. Dies ermöglichte im Frühjahr 1900 die erste zeitgerechte Ausstellung, welche die Dachauer Dill-Gruppe, die Münchener "Scholle" und die Künstler der "Jugend" vorführte; moderne Plastik und Nutzkunst und die gänzliche Veränderung und Neuausstattung der Räume ergänzten das Bild zu einheimelnder, abgestimmter Wirkung; Führungen und Vorträge erhöhten die Schaulust, Besucherzahl und Einnahmen waren höher als je und befestigten die Ansicht, daß für eine Provinzstadt die ausländische Kunst nur in programmatischer Auswahl vorzuführen, das gewöhnliche Ausstellungsgut aber fernzuhalten sei. Auch wurde eine Umgestaltung der Vereinsgaben versucht, indem man begann, anstatt den Kunsthändlern ihre alten Bestände abzukaufen, das ausschließliche Vervielfältigungsrecht von Originalradierungen und Lithographien unmittelbar von den Künstlern zu erwerben. Inzwischen hatte sich endlich auch die Mehrheit der steierischen Berufskünstler in einem eigenen Verein zusammengeschlossen. Der Kunstverein begrüßte diese Aussicht auf fachlichen Wettstreit und Arbeitstheilung mit Freuden, und beide Vereine versuchten gemeinsam die Schaffung einer eigenen, den modernen Ausstellungsgrundsätzen entsprechenden Kunsthalle; leider versagte die Stadt den erbetenen Bauplatz. Bald zeigten sich auch Grundgegensätze zwischen den beiden, als es sich um die Neugestaltung der durch Pensionirung verwaisten Landschafterschule an der Zeichenakademie handelte; der Künstlerverein verlangte die Vereinigung mit dem Historienfache zu einer Vorbereitungsschule niederer Ordnung oder wenigstens die Bevorzugung steierischer Bewerber, Andere schlugen die gänzliche Auflassung der Akademie und die Verwendung der Mittel zu Auslandsstipendien vor, Kunstverein und Kunsthistorische Gesellschaft agierten für die vom Landesausschuß beabsichtigte Berufung eines namhaften deutschen Künstlers zur Aufschlagung seiner Werkstatt und Leitung einer freien Künstlerschule. Denn der Kunstunterricht soll von jeder Schreibstuben- und Schulmeisterverknöcherung freibleiben, die Talente sollen nicht mit Gewalt ins Ausland getrieben werden, aber die Heimatliebe darf sich nicht zur Kirchthurmpolitik verzerren. Wichtiger als der nächste Vortheil einzelner Landsleute ist der Zusammenhang unseres vorgeschobenen Postens mit der großen Entwicklung der europäischen und besonders der deutschen Kunst. Nach erregter Debatte im Landtag siegte diese Ansicht, und im Herbst wurde der Dachauer Alfred v. Schrötter berufen, der seither durch erfolgreichen Kunstunterricht, Berathung jüngerer Künstler, Vorträge und Arbeit im Ausschuß des Kunstvereines wirkt. Was die Gegner dieses Unternehmen geweissagt hatten: man werde überhaupt keinen tüchtigen ausländischen Künstler zum Kommen bewegen können, wurde dabei doppelt zu Schanden. Denn über die Nachrichten über "das rege Kunstleben in Graz" übersiedelte aus freien Stücken und auf eigene Gefahr noch ein anderer Münchener Künstler in unsere Stadt: Paul Schad-Rossa. Der Kunstverein gab ihm Gelegenheit, sich und seine Schule in einer Sonderausstellung zu zeigen. Trotz ihrer Gleichzeitigkeit mit der ersten Ausstellung des Künstlervereins hatte sie einen außergewöhnlichen Erfolg und führte dem Veranstalter die meisten Schüler der alten "Historienschule" zu. Auch schlossen sich ihm vorgeschrittene, aber bisher vereinsamte heimische Kräfte an, und die erste öffentliche That dieses "Grazer Künstlerbundes" ist das vorliegende Heft. Sein Inhalt würde es vielleicht nahelegen, noch über Musik und Dichtung zu reden. Aber so viele Wünsche ihre Jünger noch auf dem Herzen haben, sie waren doch nie in unserer Stadt so sehr Aschenbrödel, daß es für sie eine Herzensfrage wäre, ob dieses vorgestreckte Füßchen zu seinem Schuh und seinem Prinzen kommt. Wie Gedanken und Durchsetzung dieses Unternehmens, so gehört darum auch das Vorwort den bildenden Künstlern. Was sie im Einzelnen wollen, haben ihre Werke und keine Worte zu sagen. Was sie im Allgemeinen wollen, ist einfach genug: aus eigenem Recht schaffen, in ihrer Zeit wurzeln und leben, und in freimüthiger Ergebung das Urtheil der Nachwelt erwarten, die allein richten kann, ob es ihnen bestimmt war, auf aufsteigendem oder absteigendem Ast zu sitzen.

Ich finde, daß dieser Bericht in seiner Ruhe und seinem Vertrauen einen ganz eigenen Reiz hat. Ich möchte aber, daß wir ihn nicht bloß wie eine Idylle genießen sollten, sondern wir könnten uns auch von ihm belehren lassen. Man wird freilich sagen, er behandele doch eigentlich recht kleine Dinge, aber mir kommt vor, daß wir uns täuschen, wie in der großen Stadt, wenn wir immer von einem ungeheuren Künstler phantasieren, der kommen und unsere Sehnsucht nach einem wahrhaftigen Leben in Schönheit erfüllen soll. Diesen erwarten wir, um von ihm unserer gemeinen Noth entrissen und nach einer reineren Region getragen zu werden; die Künstler aber meinen, dies sei gar nicht an ihnen, sie hätten uns nur die Zeichen zu geben, auffliegen müßten wir dann selbst können; und so drehen wir uns immer im selben Kreise, während jene Steierer, statt rathlos zu schwärmen, sich lieber an das nächste Bedürfnis gemacht haben: Dilletanten zu bilden. Da wären wir bei dem bösen Worte, das Niemand leiden mag und man wohl gar wie einen Schimpf empfindet. Die Grazer selbst werden auch  nicht zufrieden sein, und nicht zugeben wollen, daß dies der eigentliche Sinn ihrer schönen Bemühungen ist. Mir aber will es, je mehr ich über Kunst und Cultur nachdenke, immer nothwendiger scheinen, daß wir zuerst einmal die Menschen zu Dilletanten erziehen, wodurch allein es dann erst möglich wird, daß sie, in hundert Jahren einmal, zu Künstlern erzogen werden können.

Wir reden immer von Uncultur. Schließlich meinen wir damit doch nur, daß die meisten Menschen unserer Zeit das Schöne nicht empfinden. Man könnte noch mehr sagen: daß sie überhaupt nicht empfinden, sondern Empfindung durch Verstand, allenfalls durch Phantasie ersetzen. Das Natürliche wäre: ein junger Mensch hat plötzlich ein Gefühl, das er nie gekannt hat und sich gar nicht erklären kann; er geht besorgt zu einem Freunde, einem Vormund und beschreibt es ihm; und von ihm erfährt er nun erst, daß auch andere Menschen das fühlen, man nenne es die Liebe. Heute ist es anders: der junge Mensch hört von der Liebe, bevor er sie fühlt, man beschreibt sie ihm, und er bewegt seinen Verstand oder seine Einbildung, sich sie vorzustellen. In solchen bloß vorgestellten Gefühlen bringen heute die meisten Menschen ihr ganzes Leben hin, und durch dieses Begreifen von Empfindungen, die ihnen nur dem Namen nach bekannt, aber nicht von ihnen erfahren worden sind, werden sie allmählich unfähig, jemals selbst zu empfinden. So sagt man den Kindern vor, dies sei schön, jenes häßlich, bevor sie selbst Freude daran oder Unwillen haben, und zeigt ihnen Muster. Diese wirken auf sie gar nicht, sie empfinden nichts. Da wir aber eine Empfindung, die wir nicht kennen, auch nicht vremissen können, gehorchen sie, merken sich, was ihnen zuerst als schön gezeigt wurde, und glauben fortan, ihm müsse gleichen, was schön sein soll. Daher kommt es, daß, wenn heute ein Mensch sagt: dies gefällt mir, das meistens nur heißt: es ist so, wie das war, was man mir in der Schule als schön gezeigt hat. Und wenn er sagt: dies mißfällt mir, so meint er nur, daß es anders ist, als das Muster war. Der Geschmack der meisten Leute ist heute gar nicht Empfindung, sondern Erinnerung. Daher denn auch neue Künstler es oft für nothwendig halten, das Ansehen der alten zu demoliren, was sehr lächerlich ist, weil kein Bild besser wird, wenn man ein anderes schlecht macht, was aber doch zu entschuldigen ist, weil man von ihnen durchaus verlangt, genau so zu malen, wie man es in der Schule gesehen hat. Dieser Verwirrung werden wir niemals entkommen, wenn die Menschen nicht "schön" und "häßlich" endlich wieder so unmittelbar und unbedacht empfinden lernen, wie sie warm und kalt empfinden. Um zu sagen: mich friert, brauche ich nicht erst einen langen Prozeß des Verstandes, ich brauche mich nicht erst zu erinnern, man braucht es mir nicht zu beweisen und kann es mir nicht bestreiten - mich friert  eben. Die Menschen dahin zu bringen, daß sie mit derselben Sicherheit wie: mich friert, oder: mir ist heiß, sagen können: dies gefällt oder mißfällt mir, das ist eigentlich der ganze Sinn aller künstlerischen Erziehung. Dann würde auch kein Streit mehr sein, weil man doch über Empfindungen nicht streitet, sondern sich höchstens wundern darf, wie denn den Anderen frösteln kann, während man schwitzt. Empfinden ist aber nicht mit dem Verstande zu lernen; es kann uns nicht eingegeben, sondern nur aus uns selbst und nur an uns selbst entwickelt werden: es kann den eigenen Versuch nicht entbehren.

Man pflegt ja bei uns über den Dilletanten zu lächeln. Er wird auch leicht komisch und wird noch leichter unbequem. Aber er ist für die Nation zuletzt ebenso wichtig als der Künstler, und Goethe hat ganz gut gewußt, warum er mit solcher Geduld die Bemühungen kleiner Leute um das Schöne ertrug, während er gegen das starke Talent, man denke nur an Kleist, oft ungerecht sein konnte. Ihm kam es offenbar weniger darauf an, daß irgend einmal das Außerordentliche, das Ungeheure geschah, als die Nation an die stille Pflege der Kunst zu gewöhnen und sozusagen einen "ästhetischen Mittelstand" zu schaffen, in welchem jede Generation das Ihrige thun, manches ansammeln und den treu gehüteten, mäßig vermehrten Schatz an die nächste weitergeben sollte. Wer einmal versuchen wird, eine wahrhafte Geschichte der deutschen Cultur zu schreiben, wird sich nicht an die großen Künstler oder Gelehrten halten dürfen, sondern die kleinen Kreise schildern müssen, in welchen, oft recht dürftig, auch nicht ohne eine gewisse Pose, aber treu die Gesinnung der Kunst gehegt worden ist: den Weimarer um Goethe, später um Liszt, den Berliner von klugen Jüdinnen der Romantik, den Wiener der Caroline Pichler, später der Frau von Wertheimstein. Auch in Graz finden wir schon am Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine solche Colonie des Geistes um ein Journal versammelt, die "Zeitung für Damen und andere Frauenzimmer", die dann später den galanteren Titel "Neues Damenjournal, allen Schönen Deutschlands zur angenehmen und lehrreichen Unterhaltung gewidmet" erhielt (worüber Näheres in Schlosser's "Innerösterreichisches Stadtleben vor hundert Jahren" nachgelesen werden kann). Wie es denn überhaupt nicht schwer wäre, nachzuweisen, daß diese ganze neue Bewegung in den Provinzen, von der das Grazer Buch ein so erfreuliches Zeichen gibt, in unsere ganzen Entwicklung vorbereitet und das Ergebniß einer langen schönen Arbeit seit der [...] ist.



Hermann Bahr

Grazer Volksblatt, 11.10.1901

 

Steiermärkischer Kunstverein. Die Neudecorierungs- und Ausstellungsarbeiten in den Räumen des Landesmuseums sind soweit gediehen, daß die erste Ausstellung des "Grazer Künstlerbundes" am Sonntag eröffnet werden kann, und daß sich schon gegenwärtig ein beiläufiger Ueberblick gewinnen läßt. Es gelangen Arbeiten von acht in Graz ansässigen Mitgliedern (Brucks, Konrad, Mikschowsky, Presuhn, Schad, Supanchich, Supprian) und zwei correspondierenden Mitgliedern ( Engelmann-Berlin und Meyer-Hannover), sowie von zahlreichen Schülern Schads zur Ausstellung. Neben den verschiedenen Techniken der Malerei, Zeichnung und Bildhauerei sind Original-Lithographien, Architekturskizzen, gestrickte, gewebte, geknüpfte und applicierte Teppiche zu sehen; auch die Rahmen sind größtentheils künstlerische Originalarbeiten. Ueberraschen dürfte die neue Entwicklung, welche einige seit vielen Jahren in Graz thätige Mitglieder durch die gegenseitige Aneiferung im Bunde genommen, sowie die Wirkung, welche sie und andere, erst seit kurzem in Steiermark lebende Künstler unserer als unmalerisch verschrienen steierischen Landschaft abgenommen haben. Eine eindrucksvolle Büste von Böcklin kennzeichnet den Geist, dem der junge Bund zu huldigen strebt.

(Grazer) Tagespost, 11.10.1901

 

(Steiermärkischer Kunstverein.) Die Neu-Decorierungs - und Ausstellungsarbeiten in den Räumen des Landesmuseums sind so weit vorgeschritten, daß die erste Ausstellung des Grazer "Künstlerbundes" am Sonntag eröffnet werden kann, und daß sich schon gegenwärtig ein beiläufiger Ueberblick gewinnen läßt. Es gelangen Arbeiten von acht in Graz ansässigen Mitgliedern (Brucks, Konrad, Mikschowsky, Presuhn, Schad, Suppanchich, Supprian) und zwei correspondierenden Mitgliedern (Engelmann-Berlin und Meyer-Hannover) sowie von verschiedenen Schülern Schad's zur Ausstellung. Neben den verschiedenen Techniken der Malerei, Zeichnung und Bildhauerei sind Original-Lithographien, Architekturskizzen, gestickte, gewebte, geknüpfte und applicierte Teppiche zu sehen, auch die Rahmen sind größtentheils künstlerische Originalarbeiten. Ueberraschen dürfte die neue Entwicklung, welche einige seit vielen Jahren in Graz thätige Mitglieder durch die gegenseitige Aneiferung im Bunde genommen, so wie die Wirkung, welche sie und andere, erst seit Kurzem in Steiermark lebende Künstler unserer als unmalerisch verschieenen steierischen Landschaft abgewonnen haben. Eine eindrucksvolle Büste von Böcklin kennzeichnet den Geist, dem der junge Bund zu huldigen strebt.

Grazer Tagespost, 13.10.1901

 

(Erste Ausstellung des Grazer Künstlerbundes.) Zahlreiche geladene Gäste besichtigten gestern nachmittags im Landesmuseum die erste Ausstellung des Grazer Künstlerbundes, also jener Vereinigung, welche, durch Paul Schad-Rossa ins Leben gerufen, unter seiner energischen und zielbewußten Führung erfreulich emporstrebt. Dieß zu bestreiten wäre ebenso ungerecht, wie wenn man es dem Freimuthe verbieten wolte, für offene Schwächen auch ein offenes Wort zu finden. Es sei aber - u. zw. mit aufrichtiger Befriedigung - festgestellt, daß die heute dem allgemeinen Besuche sich öffnende Ausstellung der Kritik die angenehme Seite ihres Amtes sehr zugänglich macht und jedenfalls zu den bedeutendsten Darbietungen gehört, , welche seit langer Zeit den Freunden der bildenden Künste vor das Auge gerückt wurden. Ausführliche Berichte folgen, aber schon jetzt sei die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese ebenso [...]

Emil Ertl, Grazer Tagblatt, 13.10.1901

 

Erste Ausstellung des Grazer Künstlerbundes



Eine gestern Nachmittag in aller Stille abgehaltene Vorschau, zu der sich die Spitzen der Behörden und zahlreiche Kunstfreunde unserer Stadt eingefunden hatten, gab auch den Vertretern der Presse heute Gelegenheit, einen flüchtigen Ueberblick über die von heute ab geöffnete Ausstellung des Künstlerbundes zu gewinnen.

Die Räume im Landesmuseum von Schad-Rossa unter Mitwirkung des Malers Mikschowsky durchaus neu und originell gestaltet, beherbergen außer der reichhaltigen Schulausstellung Schads weit über hundert Arbeiten der Malerei, Plastik und des Kunstgewerbes, die fast durchwegs innerhalb des letzten Jahres auf steirischem Boden entstanden sind. Verblüffend ist zweifellos die ungeheure Arbeitskraft, die sich hier entfaltet, und überraschend der fördernde Einfluss , der durch die künstlerische Anregung innerhalb des Bundes sichtbar wird. Professor Winkler, immer eine selbständige , beachtenswerte Kraft, ist mit seiner reizvollen und poetisch-ergreifenden "Cäcilie" (Terracotta) ansehlich über seine Vergangenheit hinaus gewachsen. Ebenso bewegen sich Suppanchich, dessen Sammlung von Pastellen zum erfreulichsten gehört, was die heimische Kunst hervorgebracht hat, Presuhn, der fesselnde Künstler-Lithograph, und der kunstsinnige Konrad mit seinen stimmungsvollen Landschaften auf gewaltig ansteigender bahn. Margarete Supprian hat in einigen ihrer Werke, so in dem fein empfundenen "Erlenwald" eine selbständige Note gefunden, die ihr die steirische Landschaft suggeriert zu haben scheint, und die ihr den Weg zu gesunder Eigenart eröffnet, während sie im Vorjahre rückhaltloser unter dem Einflusse ihres Meisters stand. Von den Hiesigen wäre noch der Plastiker Brucks zu nennen und die stattliche Schar von Schülern und Schülerinnen, deren Arbeiten vielfach eine äußerst gewandte Materialbeherrschung im Sinne ihres Lehrers Schad erkennen lassen. Schad-Rossa selbst, dieses sehnige Temperament, das unserer stillen, leicht stagnierenden Luft so wohl zu bekommen scheint, bringt eine ganze Anzahl Bilder und Entwürfe in verschiedenen Techniken, Originalrahmen, Skizzen zu architektonischen Entwürfen u.s.w. Stark im Decorativen, wirkt seine Art im Gewebten und gestickten materialgemäß, und Stücke wie der dreitheilige Paravent (gewebt von Fräulein André, Entwurf und Umrahmung von Schad) sind so einheitlich, so aus dem Vollen, dass sie auf großen auswärtigen Ausstellungen besser bestünden als hier. Frau Bettina Schad ist mit Nadelarbeit von bewundernswert sorgfältiger Ausführung nach Entwürfen ihres Gatten vertreten. So wenig die Ausstellung in den Einzelheiten, auf die wir noch zurückkommen, einwandfrei ist, so sehenswert ist sie doch als ein Document ernster, hingebungsvoller Arbeit und zielbewusster Leistungsfähigkeit. Naturfreunde seien besonders auf die Zeichnungen "Aus der grünen Steiermark" (73-90) aufmerksam gemacht. Für den Kunstfreund bleiben diese Blätter ein vielleicht nicht tadellos gelungener, aber durchaus ein neuer, in dieser Art noch nicht unternommener Versuch, unsere grüne Wald- und Wiesenlandschaft durch Material und Technik, aber auch durch intensives Sicheinleben in ihre Reize künstlerisch zu bewältigen.

 

 

Emil Ertl, Grazer Tagblatt, 15.10.1901

 

Kunstausstellungen I

 

[...]

Unter solchen vernünftigen Voraussetzungen und Bedingungen sollen wir Kunstfreunde, die wir jetzt behaglich im Parterre sitzen und mit hochgezogenen Augenbrauen der Dinge harren, die da kommen werden, noch in diesem vierten Jahresviertel nicht weniger als drei Kunstausstellungen in Graz zu sehen bekommen, auf deren jeder neben auswärtiger auch die heimische Kunst mehr oder minder reichhaltig vertreten sein wird. Dem Zeitpunkte der Eröffnung nach: die Ausstellung des Grazer Künstlerbundes im Landesmuseum, die Ausstellung des Vereines bildender Künstler Steiermarks in der alten Bibliothek und eine von Professor Alfred v. Schrötter arrangierte Weihnachtsausstellung abermals im Landesmuseum.

 

Die erste, die Ausstellung des Künstlerbundes ist am 13. eröffnet worden, die des Vereines bildender Künstler soll am 16. das Licht der Welt erblicken, nachdem beide ihre bevorstehende Geburt durch Maueranschläge angezeigt hatten, die an allen Straßenecken friedlich nebeneinander auftauchten, wie es die beneidenswerte Eigenschaft bedruckten Papieres nun einmal ist. Die Psyche dieser beiden Placate ist die denkbar gegensätzlichste und sie berühren sich nur in dem einen Punkte, dass sie alle zwei hochgespannte Ansprüche nicht befriedigen können.

[...]

Dagegen verdient das Placat des Bundes, von Schad-Rossa entworfen, entschieden die Sittennote fünf bis sechs. In der Nähe besehen, gibt es einem eine Ohrfeige und stellt sich als ein wildes Sammelsurium kräftiger, decorativer Flecke in Roth, Grün, Violett-Braun dar. Aus sehr großer Entfernung erkennt man, dass die Farbenflecken eine Landschaft vorstellen sollen mit der zwischen Bäumen blutroth aufgehenden Sonne, die sich im Wasser spiegelt. Die Fernwirkung ist überraschend, aber durchaus nicht angenehm. Psychologisch ist das Blatt interessant, ästhetisch ist es abschreckend. Individualität lässt sich darin nachweisen, aber Genuss nicht saugen. Dafür ist es zu stürmisch, zu sehr Improvisation, zu sehr ernster Ausdruck. Nur ungefähr in derselben Weise vermag es zu fesseln, wie etwa eine schwer lesbare, aber von Charakter und eigener Natur zeugende Klaue einen Brief lesenswerter erscheinen lassen mag, als eine typische unausgeschriebene Hand. Die geschwungenen Linien, mit welchen der musische Farbenfleck umwunden und gebunden ist, sind trotz aller sogenannten "sezessionistischen" Linien, die heute jeder Tischler im kleinen Finger hat, künstlerischer Eigenbau, was die Thatsache, dass das Blatt als Ganzes verfehlt ist, freilich wesentlich versüßt.

Dagegen ist die Ausstellung des Künstlerbundes als Ganzes sehr beachtenswert. Sie stellt eine künstlerische Einheit dar, jede Einzelheit fügt sich harmonisch zum Gesammtkunstwerk der Raumgestaltung. Wir erkennen immer deutlicher, dass wir es in Schad weniger mit einem Bildermaler zu thun haben, als mit einem Künstler überhaupt, dessen Wesen in dem ins Große wachsenden zeitgemäßen Kunstgefühle wurzelt, welches sich nicht mit einem Ecke unserer Stube begnügt, sondern das Leben durchdringen möchte. Die Vorzüge einer solchen, bei uns nahezu vereinzelten universalen Auffassung werfen oft ihre Schatten aufs Einzelne und bieten unseren unkünstlerischen Gewohnheiten wohlfeile Angriffspunkte. An vielen Stellen aber vermissen wir mit Recht die Durcharbeitung der Ausführung, die sich mit dem großen Zuge gar wohl hätte vereinbaren lassen. Eine absichtliche Unterlassung nach dieser Richtung scheint uns zu theoretisch. Dabei muss die ungeheuere Arbeitsleistung, die zweifellos vorliegt, und die Kraft der Gestaltung immerhin allgemeinster Beachtung und Anerkennung würdig scheinen.

 

Dr. E.

 

 

Grazer Volksblatt, 17.10.1901

 

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Steiermärkisches Kunstverein.

Ausstellung des Grazer Künstlerbundes

im Landesmuseum, Neuthorgasse

vom 13. October bis 17. November 1901.

Täglich geöffnet von 9 bis 5 Uhr.

 

Eintrittspreis 80 h. An Freitagen 1 K, an Sonn- und Feiertagen nachmittags 30 h. Ermäßigte Karten für Vereine à 50 h, für Studierende und Arbeiter à 30 h sind in der Vereinskanzlei (Hamerlinggasse 3) zu erhalten.

Grazer Volksblatt, 22.10.1901

 

Erste Ausstellung vom Grazer Künstler-Bund, Herbst 1901

Die letzten drei Jahrzehnte des dahingegangenen Jahrhunderts waren für die bildenden Künste und ganz besonders für die Malerei heiße Kampfeszeiten. Die "Jungen" bekämpften die "Alten". Obwohl tiefe Erbitterung und heftige Abneigung das ruhige Urtheil über die Berechtigung und Nothwendigkeit dieses Kampfes oft trübten, so brachte derselbe doch andererseits wieder Klarheit in die verworrenen Verhältnisse. Dazu kam noch ein weiterer Umstand. Die früher meist nur von den hohen Kreisen ausgeübte Kunstpflege kam allmählich in die Hände des ästhetisch fast unerzogenen Volkes, welches im kindischen Unverstand diejenigen erhebt, die dasselbe durch bunte Lappen zu erfreuen vermögen, und jene meistens nicht versteht, ja verachtet, die es belehren und veredeln wollen. - Doch die Macht des schaffenden Geistes eines Feuerbach, Rethel, Thoma, Böcklin u.a. beginnt endlich durchzudringen und selbst das ungebildete Volk fängt an zu denken und mit der Zeit eine solche ihm gebotene Kunst zu verstehen, wenn dieselbe ganz und zutreffend der sinnfällig gewordene Ausdruck seiner Zeit ist, wie es jede wahre Kunst immer war und sein soll.

Steht auch Graz in Bezug auf ernstes und großes Kunstschaffen infolge verschiedener Umstände den großen Kunstzentren nach, so war dieser allgemeine Entwicklungsgang auch hier zu verspüren. Die stark spießbürgerliche Ruhe des steiermärkischen Kunstvereines wurde nach mehreren Versuchen endlich ziemlich energisch durch die Gründung des "Vereines der bildenden Künste Steiermarks" gestört und jetzt besteht bereits ein "Grazer Künstlerbund", der ebenfalls mit aller Kraft der kunstpflegenden Bevölkerung zeigen will, welche Wege die neue Kunst gehen muß, um würdig neben den weltumstaltenden Erfindungen und den mächtigen socialen Veränderungen zu bestehen, die der gegenwärtigen Zeit ihr eigenthümliches Gepräge geben. - Freilich kommen dabei die noch ziemlich wenig erfahrenen Kunstconsumenten am schlechtesten weg. Viel Unreifes, Unfertiges oder nur Vorgearbeitetes, das bei ruhiger Entwicklung kaum beachtet worden wäre, drängt sich dem Publicum ungebürlich als "neue Kunst" auf und wird von modernen Theoretikern und Kunstkritikern ebenso übermäßig  wie unverstanden emporgehoben. Das Volk muß dies glauben, kann sich darüber aber vernünftigerweise, wenn auch oft mit Unrecht, nur mißbilligend äußern und findet deshalb aus seinen Zweifeln nicht heraus. Bietet dafür vielleicht die Ausstellung des "Grazer Künstlerbundes" die richtige Aufklärung?

Diese gegenwärtig in den Ausstellungsräumen des steiermärkischen Kunstvereines veranstaltete Ausstellung soll programmäßig dem Grazer Publicum zeigen, wie einige seit Jahren in Graz thätige Mitglieder durch gegenseitige Aneiferung im "Grazer Künstlerbunde" sich entwickelten und wie andere erst kürzlich hier aufgetretene Künstler die landschaftlichen Schönheiten des Landes auszunützen verstehen.

Der halbwegs aufmerksame Besucher dieser Ausstellung kann jedenfalls nicht schwer herausfinden, daß den eigentlichen Kern dieser künstlerischen Bestrebungen Georg Paul Schad-Rossa bildet, der ja diesmal auch durch nahezu fünfzig Werke vertreten ist. Schon die im Vorjahre veranstaltete Ausstellung seiner Schöpfungen drängte dazu. Schads Eigenart liegt eben in einer seltenen Begabung und einer fast ungezügelten Phantasie, die von tüchtigem Können unterstützt wird, das der Künstler sich jedenfalls durch fleißige und strenge Schulung angeeignet hat. Seine Ausdrucksweise ist jetzt ebenso seltsam wie bestechend, bleibt aber eben nur seine Art, sein Stil, der in Manierismus ausartet, wenn er nachzuahmen versucht wird und dabei Charakter und Begabung der Kunstjünger anders geartet sind. - Seine in den verschiedensten Techniken ausgeführten Bilder in ihren oft ganz eingenthümlichen Originalrahmen behandeln fast immer das Paradies und die in und außer demselben lebenden Menschen, oder mythologische Vorwürfe. Seltsamerweise sind die Gesichtstypen diesmal viel weniger edel und schön, wie in den früher ausgestellten Werken und auch die Zeichnung der Figuren ist hin und wieder oberflächlich und fehlerhaft. Es sei nur hingewiesen auf die stark gebogenen Füße in Nr. 52 und die verkümmerten Arme in Nr. 58. Neben diesen Bildern finden sich weiter einige sehr charakteristische Portraits, eine Serie stark stilisierter Landschaften "aus der grünen Steiermark", in welchen die Form auf Rechnung der Farbe und Beleuchtung ziemlich vernachlässigt erscheint, und einige höchst phantastische Skizzen zu architektonischen Entwürfen, die man doch sicher nicht ernst nehmen kann. Vielleicht sind diese baulichen Ungeheuer vom Begründer der "Grazer Kunst" für eine G'schnas-Ausstellung bestimmt und hier dem Grazer Publicum nur zur Erheiterung aufgestellt. Einige Entwürfe Schads sind auch in Weberei festgehalten. Es soll hier unerörtert bleiben, ob diese bunten Farbenflecken dem großen Publicum Geschmack und gefallen abgewinnen können; das eine aber kann vom Kunst-Standpunkte aus erwähnt werden, daß die flüchtige Wiedergabe ebenso flüchtigen Licht- oder Farbenmomentes, wie Schad solche in diesen Skizzen gibt, nicht geeignet ist, in einer mühevollen Technik, in welcher das Auge alle Einzelheiten in sich aufzunehmen bestrebt ist, festgehalten werden. Was an diesen [...] unbefriedigend ist, wirkt auf dem Placate für diese Ausstellung geradezu abstoßend, ja für das Publicum beleidigend, denn etwas mehr Sinn für die Formen- und Farbenerscheinungen der Natur  muß selbst einem noch in den Kinderschuhen dahertrippelnden Volke zugestanden werden. Man wende nicht ein, das Placat sei ja eine Kleinigkeit, eine Nebensache und nicht ernst zu nehmen! - Mit demselben tritt der Bund vor die große Bevölkerung hin und kann sich somit die weitesten Sympathien, - aber auch den verbreitetsten Spott verdienen. Ein Mann jedoch, der dies gewiß wissen kann, darf nicht glauben, den Grazern die größten Aberwitzigkeiten bieten zu dürfen, die ihn an einer hervorragenden Kunststätte unmöglich machen würden.

Unter den übrigen Mitgliedern des "Grazer Künstlerbundes" hat jedenfalls Konrad von Supanchich hervorragende Bedeutung. Auf des Künstlers Entwicklung haben die Bestrebungen des Bundes bisher günstig eingewirkt, denn sein Können hat sich in höchst vortheilhafter Weise gehoben, ohne seine Eigenart einzubüßen. Farbe und Zeichnung seiner geistvollen Bilder zeigen Feuer, Schönheit und Correctheit. Mann kann dieselben unter die besten der Ausstellung zählen. Ganz besonders möge auf "Das Meerweib" (Nr. 92), auf seine feindurchdachten Bildnisse und auf einige Landschaften dieses Künstlers hingewiesen sein.

(Schluß folgt.)



Grazer Volksblatt, 23.10.1901

 

Erste Ausstellung vom Grazer Künstler-Bund. Herbst 1901 (Schluß.)

 

Ein weiterer durch viele vortreffliche Werke bereits bekannter Künstler ist Professor Georg Winkler. Ein aufmerksamer Vergleich der ausgestellten acht Bildwerke mit seinen Arbeiten aus früherer Zeit wird unwillkürlich zu dem Gedanken drängen, daß die Genialität seines Schaffens durch die neuesten Eindrücke eher gehemmt als gehoben erscheint. Georg Winkler ist ein Künstler von Gottes Gnaden, dessen bereits vollendete künstlerische Handschrift  (wie beispielsweise in Nr. 129, 133, 134) ein schöner Spiegel seines ganzen Künstlerwesens ist, und es erscheint fast wie ein Gewaltact seinerseits, wollte er sich einen neuen, fremden Gedankenausdruck aufzwingen. Seine beiden "Cäcilia" (127 u. 130), von denen letztere, freilich nur in technischer Hinsicht, an Donatello erinnert, seine "magdalena (128) und seine "Immaculata (131) erschienen starr und erzwungen und könnten viel eher "moderner gehaltene" Allegorien der Begeisterung, Betrachtung oder Andacht als concrete religiöse Gestalten vorstellen, die auch in den Augen des Volkes diese Namen mit Recht verdienen. Doch vielleicht wollte der Künstler keine religiösen Bildwerke schaffen? - Nun, dann gebe er ihnen eben andere Namen! - Die religiöse Kunst muß frei bleiben von aller Mode und innerhalb der erlaubten Grenzen mit gewissenhafter Anwendung aller Errungenschaften einer ausgebildeten Technik ihre Gestalten dem Volke so vorführen, wie es dieselben allzeit überliefert erhalten hat. Hier darf nicht Laune oder ungezügelte Phantasie des Künstlers und auch nicht das einseitige Lob oder Zeugnis irgend eines Kunstliebhabers oder Kritikers der "neuesten Richtung" etwas als religiöses Bildwerk bezeichnen wollen, ohne sich um die verletzten Gefühle gläubiger Menschen zu kümmern.

Wenn Professor Winklers Bildwerke noch edlere, heiligere Gefühle im Beschauer hervorrufen, so ist dagegen Georg Brucks "Jeschua" (3) als Bild des Welterlösers und Gottmenschen geradezu abstoßend, widerlich. Wenn der Künstler nicht voll und ganz fühlt, was er darstellen will, so wird sein Werk eben ein Machwerk oder eine Fratze. Im genannten Modell für Bronze wird man eher den Ausdruck von Mißtrauen, ja Neid und Haß als den der Liebe, Milde und Sanftmuth des vom Himmel gekommenen Heilandes finden. Brucks und Engelmann zeigen sich in ihren plastischen Arbeiten übrigens als Künstler mit tüchtigem Können. An dieser Stelle möge nur noch die Frage erlaubt sein, warum die sehr gut gearbeitete nackte Jünglingsgestalt (Nr. 10) gerade "singender David" genannt wurde?

Weitere ausstellende Mitglieder des "Grazer Künstlerbundes" sind: Bela Konrad, dessen Farbengebung effectvoll und wirksam ist, Hermann Meyer (Hannover), dessen zu groß gehaltenes Doppelbildnis eines niedersächsischen Bauernpaares besonders erwähnenswert ist, und Ludwig Presuhn. Letzterer und Konrad bringen auch sogenannte mehrfarbige Künstlerlithographien. Mit Vorliebe wählte man das Motiv parallel stehender Baumstämme, welches unter den verschiedensten Benennungen, meist sehr decorativ behandelt, verarbeitet erscheint.

Außer den genannten Arbeiten finden sich noch Werke von Margarete Supprian und solche aus der Malschule Schad-Rossa. Diese Leistungen können füglich am zutreffendsten mit einigen Worten aus Schillers "Wallensteins Lager" gekennzeichnet werden. Dort spricht der Wachtmeister unter anderem:

 

Der feine Griff und der rechte Ton,

Das lernt sich nur um des Feldherrn Person."

 

Und darauf antwortet der Jäger:

 

"Sie bekam Euch übel, die Lection.

Wie er räuspert und wie er spuckt, Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt;

Aber sein Genie, ich meine, sein Geist..."

u.s.w.

 

Man spricht gerade bei der modernen Kunstbildung so viel davon, wie das Auge des Kunstjüngers an der Natur gebildet wird; derselbe soll seiner Empfindung nachschaffen, so malen, wie die Natur auf ihn wirkt.  Nun zeigt sich aber an den Arbeiten der Schad-Schule die merkwürdige Eigenthümlichkeit, daß alle Schüler die Natur so sehen und wiedergeben, wie der Meister sie ihnen scheinbar so leicht und bequem vorführt; dadurch verfallen sie in einen oberflächlichen Manierismus, der gegenwärtig in Graz zur Mode wird. - Ist das aber die Kunst, welche der sinnfällig gewordene Ausdruck ihrer Zeit genannt werden kann? Da darf doch wohl nur die Rede sein vom subjectiven Ausdruck einer einzigen Person, die aber sicher nicht die lebende Generation repräsentiert. Es mögen endlich noch einige Bemerkungen über das sogenannte Actzeichnen der Schad-Schüler ausgesprochen werden. Das Zeichnen und Malen nach dem menschlichen Körper ist deshalb so überaus lehrreich und wichtig, weil einerseits der schöne nackte Körper den schwierigsten Vorwurf für den Künstler bildet, andererseits die Grundlage ist, aus der sich die verschiedenen Stile entwickelt haben. Deshalb werden es auch selbst reife Künstler nicht verschmähen, ihr zeichnerisches Können durch solche Uebungen zu verfeinern.

Der Zeichnende kann nun dabei entweder durch Erfassen des Typus und der Bewegung des Modelles den Menschen als bewegten Organismus auffassen oder die einzelnen beobachteten Flächen des Scheinbildes auf ihre Gestalt, Größe und Lage miteinander vergleichend nachbilden und dann erst zu einem organischen Ganzen verbinden. Beide Arten des Actzeichnens müssen sich jedoch stets den strengsten Anschluß an die Natur zum Ziele setzen, wozu selbstverständlich sicheres Vertrautsein mit dem Objecte und genaues Kennenlernen der Einzelformen und ihrer Functionen nothwendig sind. Actzeichnungen aber, wie sie in der "Schulausstellung der Malschule Schad-Rossa" vorliegen, erinnern höchstens nur an den oberflächlichen Augeneindruck des Vorbildes; sie geben im besten Falle die Erscheinung des Körpers ohne eigentlichen Begriff für sein Wesen und seine Bewegung, ohne sicheren, durchdachten Umriß, höchstens als eine Momentstudie von Licht und Schatten und allenfalls Farbe. Um sich aber nur zum Schnellzeichner in dieser Beziehung auszubilden, was das Ideal dieser Schule zu sein scheint, würde auch jedes andere effectvoll beleuchtete Object genügen. Freilich geht das Streben des Künstlers bei jeder Sache auf eine gewisse Vereinfachung, auf ein Erfassen der großen Form aus. Dies gilt aber nicht für das eigentliche Studium, sondern nur für das selbständige Schaffen. Wie wenig Correctheit und Naturwahrheit des vollendeten Kunstwerkes aus einem solch oberflächlichen Studium hervorgeht, bezeugen beispielsweise die im Oberkörper stark verzeichneten allegorischen Figuren "Morgen" und "Abend" (Nr. 38 und 39) von Franz Mikschowsky.

Der Kunstjünger soll sich bewußt sein, welch hohe Anforderungen man an die eigentliche Kunst stellt, und daß mit der gewissenhaften Entwicklung der von Gott verliehenen Begabung auch eine solche des ganzen Menschen zusammenhängt. Ist es ja doch schon zu häufig erlebt worden, daß selbst glänzende Talente von haltlosem Wesen verkommen sind und charaktervolle, gediegene Menschen selbst im Kampfe gegen ihre eigene Ungeschicklichkeit endlich Werke voll echter Kraft und Würde geschaffen haben.

Am Schlusse dieser Zeilen, die nur die Förderung wahrer Kunstentwicklung im Auge haben und durchaus nicht persönlich genommen werden dürfen, möge noch die Bemerkung erlaubt sein, daß der Katalog der "Ausstellung vom Grazer Künstler-Bund" möglichst unpraktisch eingetheilt ist. Die Zählung der ausgestellten Bildwerke sollte doch nach der Reihenfolge ihrer Plätze geschehen, damit man sie im Kataloge leichter und bequemer finde. Eine übersichtliche Zusammenstellung der Künstler- und Schülernamen könnte ja trotzdem noch zweckmäßig erreicht werden.

Die Ausstellung im Landesmuseum ist interessant und lehrreich in mancher Beziehung. Möge sie stark besucht und auch - untersucht werden der wahren Kunst zum Segen und gedeihen!

Ludwig R. v. Kurz, k.k. Professor

Emil Ertl, Grazer Tagblatt, 23.10.1901

 

Kunstausstellungen II.

 

Als Hauptbild Schads in der Ausstellung des Bundes könnte man Nr. 50 ("In Garten Eden") bezeichnen. Wenigstens insofern, als es das paradiesische Lieblingsmotiv des Künstlers in den umfangreichsten Ausmaßen abwandelt. Der anmuthige Gegensatz von Sonne und Schatten, der überzeugende Ausdruck des keuschen Hinauslauschens in die blühende Landschaft, der das Menschenpaar auszeichnet, die märchenhafte Buntheit von Busch und Wiese, Baum und Bach hauchen einen poetischen Schimmer über das Werk, das in seiner leisen Schleierhaftigkeit mit seinen, nahe besehen, flächigen Stellen weniger ein Tafelbild für sich, als den schmückenden Bestandteil eines nicht existierenden Idealraumes vorzustellen scheint. Den Abstand zu finden, in dem solchen Werke gesehen werden wollen, ist nicht leicht. Man wird sich Räume dazu denken müssen, wie sie sich in den vermieteten Straßenzeilen einer heutigen Stadt selten finden. Noch schwieriger wird die Sache, wo die Kunst nicht ins Große strebt, wie bei der gefärbten Kohlezeichnung des ins Wasser steigenden Nymphchens (58). So überraschend der wirklich feine Farbenzauber wirkt, der mit so schlichten und spärlichen Mitteln hervorgerufen wurde, so dürfte doch in einer minder weiträumigen Stube, in schärferer Belichtung, auf einem anderen als dem doch nirgends verfügbaren schwarzen Tapetengrunde der Eindruck sich abschwächen und das Unausgeführte der Mundpartie nur einem kurzsichtigen und dabei unbewaffneten Auge nicht störend scheinen. Ein Blatt von so geringen Maßen, von so leichter, zweifellos eleganter, aber doch gewiss nicht monumentaler Technik kann kein Bestandtheil eines Gesammtkunstwerkes mehr sein. Es besteht für sich oder es besteht nicht. Es müsste die Nahbetrachtung im Rahmen vertragen oder als geistreiche Skizze in die Mappe des Kunstfreundes wandern.

Allzusehr erster Ausdruck scheint uns auch das theilweise bedeutende, umfangreiche Bild "Die Verfluchten". Die männliche Gestalt in ihrer versunkenen Stellung, mit dem energielos herabhängendem Arme spricht die Seelenstimmung so überzeugend und packend aus, als nur wünschenswert. Das hingestreckte Weib aber, dem zuliebe sich das Gemälde so sehr in die Breite dehnt, ist nicht nur unschön in der Linie, sondern auch unaufgeklärt bezüglich seiner Statik. Jedenfalls wirkt die Stellung eher als eine transitorische, als eine auch nur kurze Zeit andauernde, was dem Gefühle dumpf hingegebener Verzweiflung widerspricht, das doch offenbar im Beschauer geweckt werden soll. Von dem echten Formgefühl, das in Schad steckt, spricht der Rahmen, der in seiner Linienwucht so eigenartig und mächtig wirkt, dass ihm an Grazer Handwerkskunst nichts Gleichwertiges an die Seite gestellt werden kann. Auch der Rahmen zu 52, in Blau und Gold gehalten, spricht die eigenste Sprache dieser Künstlerpersönlichkeit, deren impulsive Offenbarungen so vielfache Angriffspunkte darbieten, die mit dem Schulmaßstabe so gar nicht zu messen ist und die doch auch auf dem Verfehlten und Ueberstiegenen jenen Schimmer organischen Kraftüberschusses zurücklässt, welcher der platten Alltagsroutine so gar nicht erreichbar ist.

Für das beachtenswerteste, was Schad in Graz ausgestellt hat, halte ich die Zeichnungen "Aus der grünen Steiermark". Sie sind ja keine fertigen Ölbilder, keine Schaustücke für den "Salon", sind eben nur Zeichnungen, farbige Zeichnungen, aber malerischer aufgefasst, als es sonst steierische Tradition ist, selbst Gemälde zu concipieren. Es ist, als ob die Motive nach dem bestimmten Material und nach der ihnen gemäßen Technik geschrien hätte; als ob die Erfindung, Rohrfeder mit blaugrünen Tinten zu combinieren, eigens für diese Gräben und waldigen Höhen erfunden worden sei. Freilich finden sich hier auch Impressionen vielleicht allzu kühner Natur. So das flutende Sonnenlicht über wellige Matten (Nr.86). Es ist ein Blatt, in das man sich verlieben und über das man lachen kann, je nach dem Negativ der Gemüthsstimmung, das man dem Positiv der Kunstleistung entgegenbringt. Andere, weniger gewagte Blätter geben die Stimmung der Heimat in unübertroffener Weise wieder, wie das "Hochtal" mit seinem mächtigen Wolkenhimmel, das "Thal", das sich in mannigfachstem Blaugrün abstuft, das "Dörfchen", das ganz anheimelnd gemütlich ist. Keck steigen wieder in Nr. 84 die blauen Bäume gegen die sonnige Höhe, an der die holprige "Straße" entlang zieht. Es ist eine eigene Kunst, die Schad hier übt, das Gefühl der Gegend im Beschauer wachzurufen, durch seine keineswegs naturalistische manier. Er ist ja viel mehr Stilist als Naturnachahmer, auch seine Rohrfederstriche haben etwas Ornamentales und seine Farben sind nur decorative Paraphrasen des Natureindruckes. Wer angetuschte Photographien vorzieht, dem stehen sie ja zur Verfügung. Aber so geistreich diese ganze Sammlung auch ist, es haftet den einzelnen Blättern studienhafter Charakter an, durch material und Technik bedingt. Vertiefung und Dauer in die besten Stücke zu bringen, wäre eine dankbare und dankenswerte Aufgabe. Denn ein Werk, das der lange andauernden Betrachtung des Besitzers die Liebe halten soll, muss Zeugnis geben von einer ganzen Reihe erleuchteter Augenblicke, wie sie sich auch im Leben des besten Künstlers nicht auf wenige Stunden zusammendrängen.

Von den geschnitzten Rahmen, deren noch mehrere zu nennen wären, führt ein gerader Weg zu den Wandschirmen, deren Holzwerk von Schad gestaltet ist. Die originelle Wucht der Form, welche den Marabu-Schirm auszeichnet, hat deshalb etwas besonders Reizvolles, weil die Function des Stehens in der Fußpartie so anschaulich gemacht ist. Schade, dass die Füllung selbst, von tadelloser weberischer Ausführung, in der Raumgliederung nicht einwandfrei ist. Abgesehen von dem unsympathischen Eindruck des großschnabligen Wasservogels sind die Umrisse und wohl auch die Farbenflecke abermals zu sehr Improvisation, als dass ihre Harmonie das Gegenständliche in den Hintergrund zu drängen vermöchte. Linien und Farbenzusammenstellungen sollten bei einer so langwierigen und kostspieligen Technik, wie die Weberei es ist, bis ins Einzelste gewertet und gewogen sein, bis ihre sozusagen musikalische Wirkung außer Zweifel steht.

Nun hat uns freilich noch niemand wertvollere Entwürfe für unsere Malerei geliefert, als der in Frage stehende es ist. Die Sache ist eben sehr schwierig, auch einer starken Kraft kann sie misslingen. Der Appetit kommt im Essen, und während früher auch die Kritik genügsamer war, gewöhnt sie sich allmählich an jenen Maßstab, der in der Kunst überhaupt und nicht in der Localkunst üblich ist. Auch hat Schad-Rossa durch andere Weberei- und Stickereientwürfe das Auge verwöhnt. Der von Frau Schad gestickte Bildteppich "Steierische Landschaft", der gobelinartig wirkt und besonders im Hintergrunde sehr angenehme Farbenwirkungen aufweist; die Ferne und die rechte Vordergrundpartie des gewebten Wandteppichs "Der See" sind in ihrer Art tadellos und wirklich reizvoll. Dagegen stören die klobigen Bäume links vorne bei Nr. 65, und Nr. 64 scheint uns überhaupt zu zusammenhangslos und zu wenig einheitlich in der Gesamtwirkung, während der dreitheilige Paravent schon als besonders hervorragendes Stück sowohl bezüglich des Webentwurfes, wie bezüglich der Fassung erwähnt worden ist. Im ganzen lässt sich das Urteil über die von Schad ausgestalteten Werke, deren mehrere unerwähnt geblieben sind, dahin zusammenfassen, dass sie wohl ihre Fehler haben und oft ernste Bedenken wecken, aber niemals unfähig und gänzlich unbedeutend sind. Es steckt immer ein ernstes, zielbewusstes und vor allem durch und durch wahrhaftes jedem Anempfindungsschwindel fremdes künstlerisches Temperament in ihnen, das – wenigstens in unserem Milieu – als eine verhältnismäßig sehr starke Potenz geachtet werden muss.[...]

 

Dr. E.

 

Grazer Volksblatt, 27.10.1901

 

Grazer Künstlerbund. Die Ausstellung im Landesmuseum erfreut sich eines regen Besuches. Heute Sonntag beträgt der Eintrittspreis von 1 Uhr an 30 Heller. Ueber mehrfache Anfragen sei hervorgehoben, daß die Mitgliedercoupons des Steiermärkischen Kunstvereines zu dieser Ausstellung die gleiche Giltigkeit haben, wie zu jeder anderen von diesem Vereine veranstalteten Ausstellung.

Wiener Abendpost, 29.10.1901

 

Grazer Kunstbrief I.

 

"Wenn Ihr's nicht fühlt,

Ihr werdet's nicht erjagen"

 

Wir haben jetzt zwei Kunst-Ausstellungen. Machen wir erst den "Modernen", den "Jungen" unsere Aufwartung. Die öffentliche Anzeige der "Ersten Ausstellung vom Grazer Künstlerbund" ist geeignet, einen sehr neugierig zu machen. Das Placat ist mit einem sonderbaren Bilde geziert. Gar Mancher bringt es nicht heraus, was es bedeuten soll, und geht mit überlegenem Lächeln vorbei. Der Spaßmacher eines hiesigen Blattes sagte in der Sonntagsnummer, das Bild stelle einen roten Knödel zwischen zwei grünen Kohlköpfen dar. Das ist schnöde Verleumdung, denn in Wirklichkeit ist es die untergehende Sonne, links ein Laubbaum, rechts ein Nadelholz, in der Mitte Wasser, in dem die Sonne sich noch bespiegelt. Es ist der Versuch, mit wenigen farbigen Klexen Bildwirkung zu erzielen, ein Versuch, der auf Viele geradezu wie eine beleidigende Herausforderung wirkt.

Paul Schad-Rossa, von dem der Entwurf des Placats herstammt, ist auch die Seele des Künstlerbundes, der Lehrer einer Künstlerschule, von denen der Katalog der Ausstellung sechzehn Namen anführt. Zweifellos ist auch sein Einfluß an den der Schule entwachsenen Künstlern der Ausstellung zu bemerken. Ich halte Schad für einen der besten modernen Maler, die in unserem Vaterlande wirken. Er wird sich wohl auch neben den meisten Vertretern der neuen Richtung in Deutschland sehen lassen können. Congenial mit den anderen Stürmern und Drängern der Moderne begabt, hat er das innerste Wesen dieser Bestrebungen erfasst und erzählt seine künstlerischen Lebenserfahrungen in ihrer Sprache.

Diese muß man kennen, wenn man dem begabten Manne nicht unrecht tun will. Es lohnt sich auch, die Mühe daran zu wenden, sie kennen zu lernen. Manche Menschen verlangen von der Kunst zu viel und von sich zu wenig! Sie wollen Neues sehen und wollen es mühelos genießen. Das geht aber über die gewöhnliche Begabung weit hinaus. Der ehrliche Kunstfreund muß wenigstens einen Theil der Mühen, die der Künstler hatte, um den neuen Weg zu finden, an sich selbst durchmachen. Wer das nicht kann oder nicht will, hat deshalb kein Recht, Andere, die können und wollen, geringzuschätzen, denn damit erwürbe er sich nur das Recht, von den Geringgeschätzten bemitleidet zu werden.

Ich bin gewiß kein unbedingter Verehrer des Modernen, etwa bloß deshalb, weil es modern ist. Die ganze Moderne hat weder in der Dichtung noch in der Malerei, Plastik oder Baukunst ein einziges vollendetes Kunstwerk hervorgebracht. Aber auch Shakespeare, Michelangelo und Raphael sind nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Die Moderne erfüllt völlig ihre Pflicht, wenn sie eine neue Jugend und Blüte der Kunst vorbereitet, nachdem der Same der alten Baumriesen sich nicht mehr als triebfähig erwiesen hat. Was da kommen wird, wissen wir noch keiner. Jedenfalls etwas Anderes als das, was schon da ist. Es sind erst die Kleinen von den Seinen, die bis jetzt der Genius der neuen Kunst vorausgesandt hat. Es regt sich ja erst frühlingsmäßig im Walde, und da soll schon etwas fertig sein! Seien wir froh, daß es auch bei uns sich regt.

Ich muß wirklich lachen, wenn man von den modernen Künstlern fertige Kunstwerke verlangt. Sie führen ihre Einfälle aus, sofern sie welche haben, und was nicht ausgeführt ist, ist eben das ehrliche Geständnis des Künstlers, daß er hier nicht Neues sagen kann. Um das Neue wirken zu lassen, läßt er das, was er nicht neu sagen kann, in einem Wortgebrumm lieber ganz untergehen. Auch Schad soll seine Bilder schön ausführen, verlangt man von ihm. Ob er das wohl könnte oder heute schon könnte? Haben die Herren, die von Schad eigentlich kaum weniger verlangen, als daß er unsterbliche Werke neuer Art aus dem Ärmel schüttle auch immer solch hohe Anforderungen an sich selber gestellt?

Doch es nörgeln an Schad nur seine Freunde. Die Anderen wollen ja gar nichts von ihm wissen. "Um Gottes willen, wir blamieren uns!", so erschallt der Angstruf vom Schlossberg bis zum Hilmteich. Man beruhige sich doch. Schad ist ein ganzer Künstler, man lasse ihn seiner Wege ziehen, er wird genug Erfreuliches noch bringen. Seine Sachen sind nicht bloß für Graz gut genug, wir denken, daß sie überall Beachtung finden werden, und hoffen, daß Schad das Urtheil großer Kunststädte über seine Werke provociren wird.

Was Schad anhaftet, sind die Mängel, von denen kein Moderner frei ist. Es lohnt sich nicht, von diesen Dingen eine Sündenliste anzufertigen, wo doch die Pflicht des Dankes zuerst erfüllt werden muß. Auf diese hat ein Mann von Schads ehrlicher Begabung ein Recht. Ich habe nur einen Wunsch: daß der Mann seiner inneren Stimme ganz folge, aber sich auch nicht von gewissen verstiegenen Leistungen weniger Begabter, welche die moderne Richtung in Verruf bringen, beirren lasse. Die Poseure und alle die, die so thun, als wäre moderne Formensprache ihr Herzenslaut, und doch nur unbegabte Streber, aber kluge Rechner sind, sind mir so verhasst, als wie nur einem, der dankbar zur Kunst der Väter und Ahnen emporblickt – das thue ich auch – aber dabei es leugnet, daß es neue Wege geben kann, die zu neuem Heile führen.

Auf Einzelheiten der Ausstellung des Grazer Künstlerbundes einzugehen, ist hier nicht der Ort. Es giebt ja ein Wiedersehen. Dank sei Allen dargebracht, die es ermöglichten, eine Ausstellung zustande zu bringen, die mehr als locales Interesse für sich in Anspruch nehmen kann. Dankbar bin ich auch hier für die Ausstellung der Arbeiten aus der Schule Schads und seiner Arbeitsgenossen. Ich sehe daraus, daß man dem Zeichnen genügenden Werth beimisst. Das muß man energisch trotz allem anderen, inneren, seelischen Gehalt verlangen, denn eine falsche Linie ist dasselbe, was ein falscher Ton in der Musik ist. Es treibt einen zur Thür hinaus. Leider sündigen die modernen Meister gegen dieses Grundgebot einer richtigen Zeichnung gar zu häufig. Die Toleranz hat aber hier ihre Grenzen. Glücklicherweise kann man noch immer der modernen Kunst freundlich gesinnt sein, ohne die Freude an der älteren Art verloren zu haben. Die reich beschickte Ausstellung des Vereines der bildenden Künstler Steiermarks macht gewiß einen recht guten Eindruck. Es ist so, als ginge man durch die Säle des Wiener Künstlerhauses nach einer weniger bedeutenden Jahresernte. Recht viel Können und sehr viel gutes Wollen hat sich da eingestellt. Interessant ist es zu sehen, wie auch in diese Ausstellung das secessionistische Element eingebrochen ist. Eine ganze Reihe von Plastiken, aber auch Bilder sind in der modernen Art gedacht und gewollt. Vor allem findet man aber die Moderne in allem Decorativen, in Rahmen, Draperien, Sockeln und dgl. Hier zeigen aber die Anhänger der älteren Richtung eine ganz auffallende Ungeschicklichkeit. Was z.B. Schad in vielen Fällen geradezu mustergiltig gelungen ist, Bild und Rahmen zu einem untrennbaren Werke zu machen, davon habe ich hier nicht ein einziges Beispiel gesehen. Erfreulich ist, daß eine ganze Reihe von Wienern hier ausgestellt hat. Hugo Darnaut, Marie Egner, Ernestine von Kirchsberg, Alfred Zoff – die hier an der landschaftlichen Zeichen-Akademie ihre künstlerische Laufbahn begonnen haben – aber auch Ameseder, Hlavacek, von Lichtenfels, Pipich, Schmid, Schram, Frau Wiesinger, Zetche.

Wir müssen es einer anderen Gelegenheit vorbehalten, unseren im Ganzen recht günstigen Eindruck näher zu begründen. Hier nur noch eine Bemerkung. Sicher ist, daß die moderne Richtung immer mehr Einfluß gewinnen wird. Man sieht jetzt schon, daß mancher ältere tüchtige Künstler heute anders malt, als er vor fünfzehn oder zwanzig Jahren malte, oder daß er wenigstens bei gewissen Stoffen anders malt. Was die Bühnenvorstellungen jetzt oft so peinlich macht, das Vermischen des alten und des neuen Stils, das wird auch noch lange Zeit die Kunst-Ausstellungen entstellen. Erst aus dem organischen Verwachsen von Neuem und Altem werden ganz befriedigende Kunstwerke hervorgehen. Heute schon solche zu verlangen ist zu früh. Es dämmert ja erst, alles Neue ist ja bloß das Morgenroth eines Tages, der erst werden soll. – Wir in Graz wollen auch dabei sein, wenn die Sonne einmal wirklich aufgeht. Das rufen die beiden Kunst-Ausstellungen möglichst laut in alle vier Winde.

 

R.M.

Grazer Volksblatt, 1.11.1901

 

Kunstvereinsausstellung. Es dürfte interessieren zu erfahren, daß die Originale von den im gegenwärtigen Hefte der in München erscheinenden "Kunst für alle" wieder gegebenen und sehr günstig besprochenen Plastiken von Richard Engelmann in der Ausstellung des Grazer Künstlerbundes zu sehen sind.

(Grazer) Tagespost, 3.11.1901

 

Grazer Künstlerbund I.



Im vergangenen Frühjahr erschien als erste Kunstgebung einer neugebildeten Vereinigung von Künstlern und Kunstfreunden ein stattliches Heft mit der Aufschrift "Grazer Kunst", Darbietungen aller Art enthaltend, Wiederhaben von Malwerken, Zeichnungen und plastischen Schöpfungen, Musik, Poesie und Prosa. Es stack viel Mühe und Opferwilligkeit darin, aber der erwartete Erfolg blieb aus. In den nahestehenden Kreisen gab es manches bedenkliche Kopfschütteln und die Gegner lächelten. Und das Eine was so schlimm wie das Andere. Hatte es sich doch darum gehandelt, den Beweis zuliefern, daß im Kunstleben der steirischen Hauptstadt eine neue Richtung die Oberhand gewonnen habe und – so musste wenigstens der Titel gedeutet werden – das Recht beanspruchen dürfe, ihr Programm als das maßgebende und führende allen Anderen voranzustellen. Aber die Kriegserklärung blieb ohne Echo. Man nahm sie nicht gefährlich und die Gegensätze prallten nicht aufeinander. Ein Ergebniß, welches zwar keinen Erfolg bedeutete, aber doch etwas Gutes in sich schloß. Denn es ginge uns gerade noch ab, daß zu den mannigfachen Kämpfen und Aufregungen unseres öffentlichen Lebens sich auch noch eine Künstlerfehde geselle.

Die eingangs erwähnte Kameradschaft hat im Laufe der letzten Monate den ursprünglich losen Zusammenhang in eine feste Vereinsstätte unter dem officiellen Namen "Grazer Künstlerbund" umgestaltet und nunmehr in einer Herbstausstellung im Landesmuseum die "amtliche" Thätigkeit begonnen. Und zwar, was das erste Außenwerk betrifft, in den ernsthaften Widerspruch herausfordernden Weise. Es ist ein Deutsch letzter Güte, auf dem Placat anzukündigen: "Erste Ausstellung v o m Grazer Künstlerbund" und es ist eine Kunstleistung ganz allerletzter Güte, das Placat mit einem derartigen sinn- und geschmacklosen Farbenfleck zu versehen, wie ihn Herr Schad-Rossa der Nachsicht des Publikums aufzudrängen zu dürfen glaubt. Derlei lockt kein gesundes Auge an und stößt Hunderte zurück. Und nur zum beiderseitigen Nachtheile. Denn Placate, und gerade in erster Linie die Placate künstlerischer Schaustellungen sollen denn doch eine Art Andeutung, ein Stück Programm enthalten; sie sollen einladen und versprechen, nicht aber wie dieser Augenbiß sich nach Drachenart abwehrend vor dem Eingang zum Schatze lagern. Dem Vereine geht dadurch so mancher Besuch verloren, der gerne gekommen wäre und den Fernegehaltenen eine Reihe von sehr beachtenswerthen Eindrücken. Und solche bietet die Ausstellung in einem ansehlichen Theile ihres Inhaltes. Nicht zum geringsten in dem, was Georg Paul Schad-Rossa beigesteuert. Man kann grundsätzlicher Gegner seiner dermaligen Richtung sein und ihr keinen maßgebenden Einfluß auf das Kunstleben unserer Stadt wünschen, aber man urtheilt weder gerecht noch unparteiisch, wenn man leugnet, daß in diesem Mann ein starkes Talent nach Bethätigung ringt.

Sein Schwergewicht liegt in dem Decorativen und die vornehmste Bühne könnte zufrieden sein, wenn sie ihrem Leitungskörper eine derartige Kraft einfügen dürfte. Darin liegt alles Andere eher, denn eine Degradation. Auch das Theater ist eine Art Schule oder sollte es wenigstens sein. Und für erziehliche Aufgaben ward bisher noch kein zu großer Meister geboren. So ist für Schad-Rossa die Umrahmung des Bildes kein unwesentliches Beiwerk, wenn auch stellenweise ein zu monoton behandeltes. Es ist eine Art Unselbstständigkeit, ein Mangel an freibeweglicher Formung, wenn jedes Bild, das in die Nähe des paradiesischen Zeitalters gerückt wird, stets nur das Schlangenmotiv als Abschluß erhält. Nicht minder aber liegt von der von Schad-Rossa beharrlich geübten Wahl von Vorwürfen aus der Epoche des Sündenfalles ein Bewegen in zu engen Kreisen. Ein Spezialismus, der, umso öfter er auftritt, umso weniger Beschauer fesselt. Ein Nachtheil gerade für Schad-Rossa, dessen starke Eigenart gewiß nicht an eine kleine Gemeinde, sondern an möglichst breite Schichten zu appelieren wünscht. Und wohl auch darf. In der Scenerie des Bildes "Die Verfluchten" (Nr.49), in dem wie ein magischer Reflex von dem Schwerte des zürnenden Erzengels erglänzenden Lichtstrahle und in der auf dem Manne ruhenden Last des Unglückes und der Verzweiflung stecken Wirkungen, welche sich in aufmerksame Seelen bleibend einprägen und über die verfehlte Frauengestalt hinweghelfen. Oder das kleine Bild "Ihr werdet sein wie Gott" (Nr.52). Wieder eine Eva, deren Modell man das Betreten von Ateliers kunstamtlich verbieten sollte und doch [liegt] in dem "sprechend" ähnlichen Kopfe der Schlange und in dem eiligen Behagen der lauschenden Frau ein nachhaltig wirkender Ausdruck. Dafür muß allerdings manches Befremdliche in den Kauf genommen werden. So der hässliche, anscheinend mit einem Stockschnupfen behaftete Mädchenkopf in den "Herbststimmungen" (Nr.54) oder die echte Kalauertype Kains (Nr.51), oder der im Ortstone ganz verfehlte Antermojasee (Nr.57). Ganz zu schweigen von den Skizzen zu architektonischen Entwürfen (Nr.67-72), welche wohl nie einen Bauherren finden werden. Ganz anderes Urtheil verdienen die "Zeichnungen aus der grünen Steiermark". Unfertig und zuwenig ausgereift wissen sie den ersten Blick nicht zu fesseln, aber die genauere Betrachtung läßt ein hellblitzendes, scharfes Künstlerauge aus ihnen hervorleuchten. Der Fernblick "Im Thal" (Nr.79) und in dem Stücke aus der Breitenau sind meisterlich behandelt, ebenso in den "Almen" (Nr.81) das Ausgebreitete und Weithinziehende solcher Gegenden zu eindringlicher Betonung gelangt. Oder das kurze Stück "Straße" (Nr.84) mit dem dahinter steil emporsteigenden Hange ist ebenso echte Gebirgswelt, wie der Wald mit dem vorgelagerten einsamen Hause oder wie das Herabfließen des Sonnenlichtes über die wellige matte (Nr.86). Darin liegt Ausdruck, darin liegt ein scharfes Erfassen charakteristischer Eigenthümlichkeiten und ein Versöhnen mit so manchem Schleudern und so manchem Mangel an Selbstbeherrschung. Allerdings Fehler, aus dem gerade ein so starke Künstlernatur am leichtesten scheitert, wenn sie wohlmeinenden Warnungen trotzen zu können glaubt. Allerdings aber auch Fehler, die in sich zusammensinken, wenn Schad-Rossa einmal echte und falsche Freunde unterschieden haben wird.

 

H.N.



Grazer Volksblatt, 4.11.1901

 

Kunsthistorische Gesellschaft. Mittwoch fand im Vortragssaale der Landesbibliothek die ordentliche Hauptversammlung statt, in welcher zuerst der bisherige Obmann Professor Dr. Johann Ranftl die Entwicklung der Kunsthistorischen Gesellschaft und ihrer Ziele schilderte. Hierauf trug der Schriftführer Professor Dr. H. Gutscher den Thätigkeitsbericht für das abgelaufene 6. Vereinsjahr vor. Aus demselben war zu entnehmen, daß die verschiedensten kunsthistorischen Gebiete in den gehaltenen Vorträgen in Betracht gezogen wurden. Solche Vorträge hielten: Herr Landesingenieur Moriz Heider über indische Kunst, Herr Universitäts-Professor Dr. Heinrich Schenkl über die antike und neuere Steinschneidekunst und über die Stackelberg'schen Lithographien griechischer Landschaften, Professor Dr. Joh. Ranftl über das "Calcarer Altarwerk und über die Entwicklung des christlichen Altarbaues", sowie über "Giotto und seine Stellung in der italienischen Kunst", Herr Dr. H. Ubell über die "Bildhauer der italienischen Frührenaissance", über Benvenuto Cellini und über Böcklin (Nachruf), Herr Custos von Goldenstein über Josef von Führich, Herr Maler Alfred von Schrötter über die "künstlerischen Ausdrucksmittel in der bildenden Kunst" und über "Farbe und farbige Wirkungen" (letzterer Vortrag in der Landesgallerie). Herr Professor Schenkl besprach das Verhältnis von Bild und Rahmen, Herr Musealdirector K. Lacher übernahm die Führung im Schlosse Eggenberg, in der Medaillen-Ausstellung und besprach das Kunstgewerbe auf der Pariser Weltausstellung, sowie die in Paris gemachten Erwerbungen unseres Landesmuseums, und Herr Maler Paul Schad-Rossa erläuterte die Werke seiner ersten Ausstellung in Graz. Der Herr Berichterstatter dankte allen Persönlichkeiten, welche die Vereinszwecke fördern halfen, besonders Hrn. Professor Dr. J. Strzygowski, Herrn Hofrath Professor Dr. Rollett und Herrn Dr. Franz Wibiral, sowie den Grazer Tagesblättern. Hierauf wurde der Bericht des Säckelwartes vorgetragen, dessen Prüfung die Herren Dr. F. Filafer und Dr. O. Mallitsch übernahmen. In den Ausschuß, der sich sogleich constituierte, werden dann gewählt die Herren Dr. Fr. Wibiral als Obmann, Universitäts-Professor Dr. Otto Cuntz und Dr. Heinrich Schenkl als dessen Stellvertreter, Gymnasial-Professor Dr. Hans Gutscher als Schriftführer, Ingenieur Ludwig von Bernuth als Säckelwart, Dr. Ernst Deesey, Dr. Adalbert von Drasenovich, Professor Dr. Johann Ranftl, Professor Alfred von Schrötter und Dr. Hermann Ubell. Der neugewählte Obmann übernimmt dann den Vorsitz, dankt den Mitgliedern für das bewiesene Vertrauen und betont als Aufgabe der Gesellschaft einerseits das Festhalten an den alten, guten Traditionen, vor allem der Pflege des Interesses für bildende Kunst und für das aufblühende fortschrittliche Kunstleben in Graz, andererseits die Benützung des weiteren Spielraumes, den die neuen Satzungen im Hinblicke auf die Heranziehung von Literatur und Musik gewähren. Er ertheilt dann Herrn Dr. Ranftl das Wort zur Begründung des Antrages des Ausschusses auf Ernennung des Herrn Universitäts-Professors Dr. J. Strzygowski und Conservator Johann Graus zu Ehrenmitgliedern der Gesellschaft. Herr Professor Strzygowski hat die Gesellschaft einst ins Leben gerufen und jahrelang geleitet und sagte zu, ihr auch in Zukunft seine Unterstützung zu gewähren; er zählt zu den ersten Fachmännern auf dem Gebiete seiner Wissenschaft und hat in Graz die Pflege kunstgeschichtlicher Studien, die über das Gebiet der Heimat hinausgreifen, eingeführt; Conservator Graus ist andererseits seit 30 Jahren auf dem Gebiete der Kunstgeschichte der Heimat thätig, deren Schöpfungen vor allem kirchlichen Charakter hatten, manche Darbietung der Kunsthistorischen Gesellschaft war nur durch sein Entgegenkommen und das von ihm gebotene Material möglich. Die Versammlung nimmt mit lebhaftem Beifalle den gestellten Antrag einstimmig an, womit die Tagesordnung erschöpft ist.

Grazer Volksblatt, 5.11.1901

 

Kunstvereinsausstellung. Der Bildhauer Georg Brucks, welcher vor ungefähr Jahresfrist dem Lehrer Schad-Rossa hierher folgte, hat den ehrenden Auftrag erhalten, die von ihm zur Ausstellung gebrachte stimmungsvolle Skizze zu einem Grabdenkmal (Nr.9) lebensgroß in Stein auszuführen.

- Verkauft wurde ferner die Zeichnung "Die Almen" von Paul Schad-Rossa und die Radierung "Am Bach" von M. Supprian.

Grazer Volksblatt, 7.11.1901

 

Kunstvereins-Ausstellung. Weiters wurde angekauft: Die dreifarbige Maler-Lithographie "Waldesrand" von Ludwig Presuhn und ein Relief von Georg Winkler.

 

Grazer Tagespost, 10.11.1901

 

(Die Kunsthistorische Gesellschaft) begann Montag, 4. d., ihre Thätigkeit mit einem gemeinsamen Besuche der Ausstellung des Kunstvereines im Landesmuseum, an den sich ein Vortrag des Herrn Dr. Hermann Ubell schloß. Der Vortragende führte mit warmen Worten die Bestrebungen des jungen Künstlerbundes vor und erläuterte eine Reihe von Gesichtspunkten und charakteristischen Erscheinungen, wie die künstlerische Ausstattung des Ausstellungsraumes, die Vorliebe für die "Eden" - Stoffe, das Monumentale in der Plastik, die Wechselwirkung zwischen bildender Kunst und Dichtung, das Bestreben, das Typische der obersteierischen Landschaft zur künstlerischen Geltung zu bringen, wie uns die Worpsweder und Dachauer Landschaft längst geläufig geworden ist, u.a.m. Mit voller Hingebung folgten die Hörer den von tiefem Empfinden erfüllten Ausführungen und begrüßten die Mittheilung, daß der Vortrag am letzten Tage der Ausstellung, Sonntag, 17. d., halb 12 Uhr Vormittags, wiederholt werden wird, mit lebhaftem Beifall. Donnerstag, 7. d., fand der erste Vortragsabend statt, der der Gesellschaft und ihren Freunden einen auserlesenen Genuß bereitete. Herr Hofrath Universitätsprofessor Dr. Pfaundler sprach im Hörsale des physikalischen Instituts der Universität über "Die Grundlagen der Farbenharmonie" und erläuterte den Vortrag durch eine Fülle von Uebergängen, die Farbentöne, Schattirungen und Mischungen, die Contrastwirkungen, die Wichtigkeit der Kenntniß dieser Vorgänge für die Künstler, die ästhetische Wirkung der Farbenzusammenstellungen wurden der Reihe nach behandelt und die Farbenerscheinungen selbst zumeist mit dem Projectionsapparat anschaulich gemacht. Mit der wissenschaftlichen Belehrung, die in unübertroffener Klarheit vorgebracht wurde, verband sich so eine Fülle der reizvollsten Eindrücke für das Auge, so daß die sehr zahlreiche Versammlung in gespannter Aufmerksamkeit folgte und in wiederholtem lebhaften Beifalle ihren Dank mit dem des Vorsitzenden der Gesellschaft vereinigte.

Grazer Morgenpost, 16.11.1901

 

Ausstellung des Grazer Künstlerbundes

 

Der "Salon des Secessionistes" in Paris hat allerwelts eine Hochflut künstlerischen Schaffens heraufbeschworen. Die Stagnation der Production wie die Indolenz der Consumenten scheinen so heute für den Augenblick behoben. Die Neuschule ist kunstfreudig an der Arbeit, es geht ihr auch viel rascher von den Händen als den Meistern der guten alten Zeit, die es so gewissenhaft genommen haben mit jedem Pinselstrich, deren Gemälde nie fertig werden wollten! Träten sie heute an unsere Staffeleien, sie würden verwundert fragen: "Was, schon fertig? Ach, da brauchte ich noch soundsoviele Monate, Jahre dazu." Will sagen, die guten alten Meister, - wie wir sie so in einem Athem nennen, Rafael, Leonardo, Tintoreto, van Dyck, Rubens - sie setzten dort ein, wo die Jungen heute Pinsel und Palette befriedigt weglegen. Darum fordern auch die modernen Kunstwerke  ihre gebührende Respectweite, während man der antiken mit der Lupe zu Leibe rücken durfte. Und diese secessionistische Bewegung ist auch sonst nicht unbeachtet geblieben, sie ist tonangebend geworden auf dem Gebiete verwandter Kunstgewerbe. Wir kaufen Möbel, Porzellan, Robes, Musikalien, Bücher diesen Stiles. Wir bemerken secessionistische Alluren im gesellschaftlichen Verkehre . Wovon sich die Welt mehr versprechen darf, von jenen "Alten" oder von unseren "Jungen"? Ei, da fällt uns das bekannte Bonmot Goethes ein, der auf die Frage, wer den Menschen als besser gelten dürfe, ob Schiller oder er, lakonisch geantwortet hat: "Die Welt soll sich freuen, daß sie z w e i solcher Kerle hat!"

Wenn man so in liebevoller Betrachtung die Kunstwerke des Grazer Künstlerbundes abgeht, wird einem ab und zu dieses Dichterwort einfallen. Ach ja, die "Jungen", sie haben ihr Gutes! Wie entzückend schön ist Konrad Supanchichs "Meerweib" (92) gemalt! Dieses Feuer im Colorit!

Dann das effectvolle Pastell "Brandung" (97). Diese Meerbläue in ihrem unübertrefflichen Farbenglanze ist eine Meisterarbeit , würdig eines O' Lynch. Alle Porträts von Supanchich (94-96) sind so lebenswarm und naturtreu gearbeitet, daß man die Gemälde immer gern wieder ansieht. Diese gelungene Farbenwahl im "Bildnis der Frau H." (94), das lebendige Kaiserlila im unerquicklichsten Contraste zu dem maigrünen Sammetaufputz der Robe. Wie durch einen leichten Aetherschleier beobachtet man ferner die "Badenden Mädchen" in dem Pastellbilde 93.  Sommerschwüle ist auf die schöne Landschaft gelagert, die Perspective vorzüglich beachtet, das trifft nur der echte Künstler. In den Straßentypen (102-104), die in farbiger Kreide ausgeführt sind, würde indes eine intensivere Schattierung  vortheilhafter wirken, dünkt uns. Die Hauptstärke des künstlerischen Schaffens der Schad-Rossa - Schule liegt aber in der Landschaftsmalerei. Um den genialen Meister gruppieren sich Presuhn, Mikschowsky, Bela Konrad, Margarete Supprian und die Tüchtigsten der Malschule von Schwingenschlögel, Brühl, von Liel, Bayer von Halavanya, Langer u.a. Sie betreiben diese Kunst mit Sportlust. Ihre Arbeiten weichen so auffallend ab von den Kunsttraditionen der Alten. Sie erscheinen uns als Impressionisten höchsten Stadiums. Nur ungern führen sie Menschen, Thiergestalten in ihre Landschaften ein. Das einzige Leben, das in ihnen waltet und webt, ist das des Aethers: das Spiel der Lichter, ihre Brechungen, ihre farbigen Zerstäubung, ihres Hinüberschwindens in Schatten und Dunkelheit. Freilich werden die einen, besonders die allerjüngsten, so zu "Tüpflern" und "Strichlern"; sie bestehen eigensinnig darauf, das Grundgebrechen aller Malerei zu beheben, mit den heute bekannten Mitteln die Lebensfarben der Natur denkbar zu machen. Ihre Lebensarbeit wird so zu einem steten Ringen mit den Widerständen des Stoffes, das tief rührt, aber schließlich doch ungeduldig macht, weil man ihre vollständige Aussichtslosigkeit erkennt. Die anderen kümmern sich um die tausenderlei Farbenübergänge in der Natur und anderen Dingen gar nicht, sondern malen in Freilichtmanier zolllange Streifen, die etwa wie in den Stickereien, mosaikartig aneinandergereiht sind. Solche Gemälde muß man in der Respectweite besehen, dann wirken sie. Margarete Supprians Landschaften zählen in diese Kategorie. Ihr "Hohlweg" (116), ihr "Waldweg" (107), "Erlenwald" (105) u.a. gefallen nur dann, wenn der Beschauer zehn Schritte zurücktritt. Nur so kommen die Petroleumfarben zur Geltung. Supprian verrät übrigens auffallend künstlerische Verwandtschaft mit Mikschowsky. Man vergleiche nur dessen Kaseinmalereien "Am Waldesrand" (40) und "Bauerngehöft (41) mit der "Obersteierischen Keusche" (120) und "Waldstudie" (123) der ersteren. Diese landschaftlichen Ausschnitte geben nicht die Natur wieder, sondern die Züge der Natur, welche die Aufmerksamkeit des Malers erregt und in ihm Stimmung geweckt haben. Die Besonderheit seiner Empfindungsweise, die Richtung seines Träumens, den Inhalt seiner Sehnsucht glauben wir herauslesen zu können. Und dies trifft auch bei anderen Künstlern zu. Schad-Rossas Zeichnungen aus der grünen Mark z.B. (73-90) sind Spiegelbilder einer Künstlerseele. Diese Schule liebt weitzurückreichende, sich windende Thäler, Berggründe, Ackerland und den Waldrand, der bald von der Sonne, bald vom Mond drastisch beleuchtet wird.

Für die Pflanzenwelt, die in der schulgerechten Landschaft das Wesentlichste bildet, haben die neuen Künstler just nicht das schärfste Auge, so sehr sie Pflanzenornamente verwenden. Die Gräser und Bäume interessieren sie vielleicht als Dinge im Sehfelde, welche Sonnenstrahlen in bestimmter Weise auffangen und ablenken. Von den Farben und Farbenwundern des Kleinlebens das sich in einem Rasen, in einem Busch oder Unterholz abspielt und das dem kundigen Auge die ganze Naturtragödie des Kampfes ums Dasein enthüllt, merken sie indes wenig. Das verzweifelte Ringen der Pflanzengattungen um Luft, Licht und Schatten und Feuchtigkeit, das siegreiche Vorherrschen einer oder der anderen Art, das Eindringen kühner Fremdlinge, die Bündnisse befreundeter Gruppen - das sind Vorgänge, von denen der Pflanzenbiologe weiß, und die dem Landschaftszeichner nicht entgehen dürfen. Die Bäume, diese Herren der Fauna, respectieren wohl die Schüler Schad-Rossas zum Theile. Für sie haben diese Waldriesen, die jahrhundertelang unangetastet dastehen, ein persönliches Geheimnis zu enträthseln oder wenigstens ein solches anzudeuten.

So begegnen wir einer großen Anzahl Bilder, welche parallele Baumstämme darstellen, an denen sich das Licht in zahllosen Farbensplittern bricht und zerstäubt. Für die Krone, welche gerade den Baum charakteristisch gestaltet, scheint die junge Schule keine Wertschätzung zu haben. Sie könnten da von Lichtenfels Treffliches lernen. Das Auge kann aber in solchen "Pflockgallerien" nichts Erquickliches finden. Allerdings hörte ich unlängst einen Künstler sagen: "Wissen Sie, nur der Gottbegnadete merkt, wann der liebe Herrgott durch den Wald spaziert!" Solche Momente liebt besonders Bela Konrad. "Am Morgen" (21), dem man übrigens einen sehr schlechten Platz angewiesen hat, "An der Quelle" (22), Gehölz (26), "Abend" (27) sind so typische Lehrfälle. Schad-Rossas Schule trägt zu viel Eigenstimmung in diese Landschaftsausschnitte hinein. An dem ist allerdings nichts Unbilliges, aber sie dürfen nicht meinen, daß diese Bilder in dem oder in jenem Beschauer just denselben Gefühlsinhalt auslösen müssen! Man nehme da nur etliche Beispiele her: Bewegt Supprians "Glänzendes Licht" (29) jedermann fröhlich? Erhebt Schad-Rossas "Ueber Matten" (86) mit den nie endenwollenden Wellenstrichen zu den jauchzenden Lustgefühlen einer Hochgebirgsstimmung? Findest Du, daß Konrads "Einsamkeit" (33), das darstellt, was es sagt? Es ist ganz richtig, die Natur ist an sich vollkommen ausdruckslos. Den Ausdruck fügt erst das Gefühl ihres Betrachters hinzu, wie erst seine Sinne die an sich farb- und lautlosen Bewegungen des Aethers und Stoffes in die menschlichen Empfindungsworte von Farben und Tönen übertragen. Der Fehler steckt bei den Jüngern Schad-Rossas im künstlerischen Concipieren. Alle sehen nämlich die Natur durch die Brille ihres Meisters. Hierdurch verfallen sie in einen oberflächlichen Manierismus, der in Graz heute wahrlich bedenkliche Dimensionen anzunehmen droht. Schad-Rossa hat diese Kunstnormen auf den Markt getragen. Sein zeichnerisches und decoratives Talent ist unerreicht groß. Schad-Rossa hat diesmal im Paradiese reiche Ernte gemacht. Die Gesichtstypen wollen uns zu wenig gefallen. Edle, herrische, intelligente Züge missen wir in allen seinen biblischen Bildern. Archäologische und ethnographische Studien hätten dem Künstler über manch gefährliche Klippe hinweggeholfen. So effectvoll seine "Verfluchten" (49), dieses fleißig gearbeitete Eiharz-Tempera, beleuchtet sind, es fehlt doch dem Bilde an dramatischer Kraft. Hermann Frischauf gibt ihnen den Geleitvers:

"Da sanken sie verzweifelnd auf den Fels,

Der finstere Tod hat sie zum erstenmals besprengt

Mit trüben Tropfen seiner Qual."

Wirkunsgvoll ist "Im Garten Eden" (50), in "Cain" (51) ist der Hintergrund gar zu verschwommen. "Ihr werdet sein wie Gott" (52), "Eva" (56), die angekauft sind, verrathen seine mühsame Technik. Apart nehmen sich die Originalrahmen des Künstlers aus. Nur sollten statt der Schlangen und der ekeligen Kriechthiere andere Schönheiten aus der Zoologie gewählt werden. Die Symbolik darf eben nicht verkrüppelt sein. Die Skizzen zu architektonischen Entwürfen predigen einen gar zu phantastischen Stil, der in der Kunstgeschichte einzig dasteht.

Ein recht interessanter Künstler in Terracota ist dann Professor Winkler. Seine Reliefs (127 bis 134) sind hübsch und zart. Mehrere sind bereits angekauft. "Cäcilie" (127) hat formschöne Hände. "Immaculata" (131) gefällt allseits. Freilich sind diese Heiligen stark abstract, so daß sie füglich allegorisierte Tugenden genannt werden könnten.

Georg Brucks ist lange nicht so meisterhaft in der technischen Ausführung und in der künstlerischen Auffassung wie Winkler. "Jeschua" (3) ist der samaritanische Wanderapostel, unser Gottessohn ist es nicht. Trefflich ist sein "Bismarck" (6) und sein "Richard Wagner" (5). Engelmanns "Singender David" (10) entspricht nicht seiner Benennung. Gelungen ist seine "Böcklinstudie" (12). "Auf der Straße" (13) ist ein banaler Vorwurf. Von den mühsam gearbeiteten Stickerein seien erwähnt: Margarete Supprians Wandteppiche und Schirmfüllungen, die wirksame decorative Malerei in Application "Distelmotiv" (112), ferner Bettina Schads hübsche Gobelinstickerei (91), welche die Uebergabe der vaticanischen Bibliothek durch Papst Sixtus IV. an die Platina darstellt. Schad-Rossas Vorlagen für die Handwebereien (64-66), Bela Konrads Knüpfarbeit (14) u.a.

Rüstig arbeitet die Malschule den gefeierten Meistern nach. Unter den Actstudien fallen uns auf die Versuche Konrads, Schwingenschlögels, Halavanyas, Lattermanns, Zeillingers. Interessant find die zwei verschieden beleuchteten Kirchhofmotive von Langer und von Liel. Brühls Bubenporträte sind gut gemalt. Athenstaedt ist ein trefflicher Zeichner, von Supanchich Idealist.

Im großen und ganzen kann der Besucher die Kunstwerke dieser Neuschule mit Vergnügen abgehen. Was ihm da und dort weniger zusagt, wird wieder durch zahlreiche gelungene Kunstleistungen vollwertig aufgewogen.

Graz, 14. September 1901

Dr. H. Sch.

Grazer Volksblatt, 17.11.1901

 

Kunstverein. Die Ausstellung des "Grazer Künstlerbundes" ist heute den letzten Tag geöffnet, sie war von ungefähr 2500 Personen besucht. Heute um 11 Uhr findet eine Führung durch Dr. Ubell statt. Das landsch. Kupferstichcabinet hat je eine Lithographie von Konrad und Presuhn angekauft. Das Gemälde "Verflucht" von Schad und die Terracotta "Cäcilie" von Winkler wurden vom Grazer Dichter Hermann Frischauf in formvollendeten Gedichten gefeiert, welche nach gutem alten Brauche an den Werken befestigt wurden.

Grazer Tagblatt, 26.11.1901

 

(Grazer Künstlerbund)

 

Gelegentlich der am 23. d. abgehaltenen Hauptversammlung konnte der Obmann den vollzählig erschienenen Bundesmitgliedern die höchst erfreuliche Mittheilung machen, dass ihm für die "Grazer Kunst" von hochherzigen Gönnern ein Geschenk von 500 Kronen eingehändigt wurde. In wärmster Begeisterung wurde davon Kenntnis genommen. Nach Entgegennahme des Rechnungsberichts in Sachen der "Grazer Kunst" wurde das Erscheinen des zweiten Heftes einstimmig beschlossen. Es soll die Aufgabe erfüllen, alle Phasen des Buchschmuckes vorzuführen, insbesondere soll auf farbigen Buchschmuck Nachdruck gelegt werden. Für die der bildnerischen Ausführung zugrunde liegende Literatur wird Dr. Hermann Ubell die Redaction übernehmen. Beteiligen können sich an dem künstlerischen Unternehmen alle in Steiermark schaffenden oder gebürtigen Künstler. Ausübende Jury für das Ganze wird die Gesammtheit des Künstlerbundes sein. Weiters wurde die Veranstaltung von Collectiv-Ausstellungen in Deutschland beschlossen.

 

Wiener Abendpost, 3.12.1901

 

Grazer Kunstbrief II.

 

Die bildende Kunst hat in Graz einen großen Feind, den Mangel an geeigneten Ausstellungsräumen. Sowohl die Parterresäle des Johanneums, wo Schad ausgestellt hatte und jetzt Professor A. von Schrötter die Arbeiten seiner Schule darbietet, als auch die Räume der alten Universitäts-Bibliothek sind völlig ungeeignet, und es ist sehr zu wünschen, daß dieser große, für die Kunst sehr hemmende Uebelstand bald beseitigt werde. Alle Wesen leben vom Lichte! Und erst recht die Bilder. Bei diesem nordischen Nebelgerinsel der letztes Wochen war der Besuch der Kunst-Ausstellungen manchmal bedeutend weniger als ein Vergnügen. Man war gekommen um zu sehen, und sah nichts.

[...]Grazer Kunstbrief II.

Nun wieder zu G. P. Schad-Rossa. Die Ausstellung ist gesperrt. Also zu ihm ins Atelier! Da liegen und stehen nun die Bilder. Was kurz noch in der Ausstellung so lebendig war, da liegt es ohne Licht, verkehrt, aneinandergelehnt, ein Bilderfriedhof. Gestorben, verdorben, sie fanden keine liebenden Herzen. Hätte ich nur einiges Talent, den Jammer zu schildern, den diese Ruhestätte austönt! Eine Schande für Alle, die im Ueberflusse leben, und gar so wenig Verständnis für ein warm klopfendes Künstlerherz haben. Aber thun wir wieder sachlich. Man macht so oft den Modernen den Vorwurf schlechter Zeichnung. Ich bin gewiß kein Vertheidiger falscher Linien. Aber zweierlei muß gesagt werden. Erstens, daß Falschzeichnen bei allen Richtungen der Malerei beobachtet werden kann. Von Makart brauche ich nicht zu reden, Böcklin malte Wesen, die in seiner Welt, aber nicht in dieser existiren, aber auch Lenbach malt zwar Augen und das was darum ist, richtig, aber gewöhnlich nicht ganze Bilder, so daß man sie wie eine kritische Kuh Quadratzoll für –Zoll abweiden könnte. Und zweitens. Das Licht macht oft mit den Linien, was ihm beliebt. Es entreißt dem Schatten immer einen Theil dessen, was diesem von rechtswegen gebührt; dafür ist es auch das Licht! Wenn die Sonne auf dem Meere untergeht, dann saugt sie einen Theil des Horizonts auf. Schad sieht das, ich habe es auch ohne ihn gesehen. Wer das beobachtet hat, begreift, daß auf seinem Bilde "Cain" die blutroth untergehende Sonne einen Streifen aus dem Bergrücken zu durchglühen scheint. Die Linie ist nicht bei jeder Beleuchtung, bei jedem Hintergrunde gleich, ebenso wenig wie ein Schimmel immer weiß, ein Baum immer grün u.s.w. ist.

Man hat von Schad gesagt – im Tone des Vorwurfs – er bewege sich immer im Paradies oder wenigstens nicht weit weg davon. In der That führten seine diesmals ausgestellten Bilder die Titel: "Die Verfluchten", "Im Garten Eden", "Cain", "Ihr werdet sein wie Gott", "Das verlorene Paradies", "Eva" usw. Aber ist Schad zu tadeln, wenn er die Urstoffe und Grundstimmungen der menschlichen Seele darstellt? Und in Wirklichkeit kommt auf den Titel doch gar nichts an. Seine Bilder sind alle zusammen eine Apotheose des Lichts, das studirt er immer wieder von neuem, damit beseelt er seine Landschaften und bringt auch die Stimmung der mitspielenden Menschen damit in Einklang. Weil ihm eben Alles zusammen erst etwas zu sein scheint, hat er weniger Rücksicht auf das Detail, wo es gelegentlich nicht ohne Unklarheit und Fehler abgeht. Das Bild "Die Verfluchten" zeigt uns einen in düsterer Umgebung dasitzenden Mann, zu seinen Füßen ein händeringendes Weib, im Hintergrunde ein von oben herabfallendes Bündel Licht, wie den letzten Abglanz des verlorenen Paradieses. Wie leuchtendes Wasser fällt das Licht herab, schlägt unten auf und zerstäubt gewissermaßen. Der "Cain" ist in erhöhter Gipsmalerei gemacht, Stimmung giebt die blutroth untergehende Sonne. Das farbige Flachrelief "Eva" zeigt einen schönen Frauenkopf, den phosphoreszirendes Licht umspielt. Eine sehr schöne Arbeit ist die Aquarell-Pastellzeichnung "Der Antermoja-See" aus den Dolomiten. Ganz wunderschön finde ich den dreitheiligen Paravent, dessen Holzschnitzerei Schad selbst ausführte, während das Bildliche in der Steirischen Genossenschaft für Handweberei von Emilie André gewebt ist. Auch der eintheilige Paravent ist ein schönes Kunstwerk, wenn auch Meister Langbein und seine Umgebung etwas gar zu schematisch geraten sind. Die Rahmen sind, wie bei Schad fast immer, sehr gut gelungen. Unter den "Zeichnungen aus der grünen Steiermark" sind hervorragend schöne Blätter, so z.B. das Bild "Über Matten", wo die Sonne, über einen Hügel hinwegscheinend, lange Licht- und Schattenstreifen über welliges Terrain wirft. Auch "Die Straße" ist eine schöne und poetische Darstellung. Schad hat auch eine Anzahl von architektonischen Entwürfen ausgestellt. Sie nach dem Papier zu beurtheilen, ist schwer. Aber es ist schon möglich, daß mancher genau ausgeführt und in die Wirklichkeit versetzt, großen Eindruck hervorbrächte. Schads Frau, Bettina, hat sich durch einen nicht genug zu lobenden Wandteppich in Handstickerei nach dem Frescogemälde nach Melozzo da Forlì großes Verdienst erworben. Auch ihre "Steirische Landschaft", Handstickerei in Gobelinstich, ist eine treffliche Arbeit. [...]

 

R.M.

 

Grazer Tagblatt, 8.1.1902 


Am 6.d.M. traf der Sectionschef des k.k. Unterrichtsministeriums Herr Stadler v. Wolfersgrün zur Besichtigung der gegenwärtig noch geöffneten Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereins in Graz ein und äußerte sich dem Präsidenten des Kunstvereins, Herrn Universitätsprofessor Gurlitt, gegenüber sehr anerkennend über die Auswahl der Bilder und die Anordnung der Ausstellung. [...] Im Laufe des Nachmittags besuchte Herr v. Stadler die Ateliers der Herren Paul Schad-Rossa und Prof. v. Schrötter und äußerte sich über die dort gezeigten Arbeiten der beiden Meister, sowie über die vorhandenen Schülerarbeiten den Künstlern gegenüber auf das Schmeichelhafteste.

 

Grazer Tagblatt, 26.1.1902

 

(Ein prunkvolles Bett) hat Paul Schad-Rossa gegenwärtig durch einige Tage in seiner Werkstatt, Bürgergasse Nr. 2, zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt, ehe es dem Besteller übergeben wird. Die Schreinerarbeit in Erlen-, Fichten- und Lindenholz hat Alois Frühwirth nach dem Entwurfe des Künstlers ausgeführt, während das Schnitzwerk und die Färbung von Schads eigener Hand sind. Die wuchtigen Formen, welche fast an die Gestaltungsweise der Wikinger erinnern, sind einfach und massig, der Aufbau durchaus verständlich, die Schmuckformen verhalten und wenig vortretend, die Holzmaser (mit Ausnahme des Leimgrundes in den Tiefen der Flachornamente) schlicht gebeizt. Der unleugbare Eindruck der Pracht wird lediglich durch den rhythmischen Schwung der Linien und die schönen farbigen Flachreliefs erzielt. Die Seitentheile zeigen verschlungene tulpenartige Blüten, der Fußtheil phantastische Wasserblumen mit breiten Blättern, der Kopftheil einen edlen weiblichen Schlafengel mit dunklen Flügeln zwischen geneigten Lilien. Meines Wissens ist in Graz noch kein modernes Möbel von so starker und eigenartiger Stimmung entstanden.   

 

Neue Freie Presse, 13.4.1902

 

Ausstellungsbesprechung Gal. Pisko: Liebermann, Leistikow, Schad-Rossa 

 

In Berlin ragt neben Liebermann und Leistikow vor Allen Ludwig v. Hofmann hervor. Der fehlt hier im Ensemble. Aber wie zum Ersatz wird uns eine Ausstellung des in Graz lebenden Paul Schad-Rossa geboten, der unter den jüngeren deutschen Malern wol Hofmann am nächsten kommt, zumal er gleich diesem Einwirkungen von Besuard, Puvis und Henri Martin in sich aufgenommen hat. Jene hohe Originalität, die man vielfach in Graz dem jungen Schad-Rossa zuerkennen möchte, vermögen wir ihm somit nicht zuzuschreiben. Er weist auf seinen Bildern die künstlerischen Spuren seiner Ahnen deutlich auf. Trotzdem wird man Schad-Rossa nicht einfach unter die Nachahmer rechnen dürfen. Innerhalb einer bereits gegebenen Bewegung hält er sich mit Anmuth und Geschmack, und selbst auch mit poetischer Empfindung. Schließlich ist auch nicht zu unterschätzen, was der Künstler für den engeren Platz, in dem er wirkt, also für Graz und die Steiermark, für eine Bedeutung in Anspruch nehmen kann. Er ist dort der lebendige Vermittler der modernen, farbig-decorativen Phantasiekunst, die durch ihn in jener Gegend selbstständig Wurzel zu schlagen trachtet. Und somit wird er möglicherweise den Ausgangspunkt für eine eigene bodenständige Bewegung bilden, die sich daselbst aus localen Traditionen entwickeln könnte. Phantasie, Paradiesesfreude, Farbenlust und Schmucksinn sind überall in der Anlage vorhanden und müssen oft bloß durch ein kräftig wirkendes Beispiel geweckt werden. Von allen diesen Gaben hat aber Schad-Rossa seinen ansehnlichen Theil. Nackte Urmenschen, von Lichtern und Farben umflossen, in einer primitiven Landschaft hat er wiederholt mit eigenem Gefühl dargestellt. Ganz besonders sind auch die selbst geschnitzten und geschmackvoll getönten Rahmen in einer Zeit, die noch immer die edelsten Bilder mit schauerhaften Goldrahmen todtzuschlagen liebt, etwas sehr Anerkennenswerthes; gleichwie auch die Vielseitigkeit der malerischen Techniken, in denen sich Schad-Rossa erprobt, für das ernste Streben des jungen Künstlers gutes Zeugniß ablegt.

[...]

S.

 

Hermann Ubell, Die ZEIT, 19.04.1902

 

Paul Schad-Rossa und die Grazer Kunstbewegung

 

Der Führer der modernen Kunstbewegung in Graz, der Maler Paul Schad-Rossa, wird jetzt in einer Auswahl seiner jüngsten Werke bei Pisko den Wienern vorgeführt. Ueber diese Bewegung und den Meister, dessen Namen eng mit ihr verknüpft ist, wollen die folgenden Zeilen in aller Kürze orientieren.

Paul Schad-Rossa, 1862 in Nürnberg geboren, studierte zunächst in der Bildhauer- und Architektenabtheilung der Nürnberger Kunstgewerbeschule unter Gnauth, dann an der Münchener Akademie unter Gabel, Löffz und Defregger. Defregger'schen Einfluss zeigt auch das Werk, das Schads Namen zuerst in weitere Kreise dringen ließ, ein großes Genrebild "Es will Abend werden" die Schilderung eines Versehganges: doch verrieth schon hier der spätere Stimmungsdichter in der lyrischen Behandlung des landschaftlichen Elementes. Völlig von Defregger lösgelöst erscheint er schon in einer wenig später entstandenen "Fronleichnamsprozession", die von einem lichtberauschten Plainairisten gemalt ist. Der radicale Umschwung vom Naturalismus zum Stilismus, zu dessen entschlossensten Vertretern Paul Schad-Rossa gegenwärtig zählt, vollzog sich schon zu Beginn der Neunzigerjahre, und zwar unter dem Eindruck der strengen Harmonien der alten Deutschen und Niederländer, die Schad damals in größerer Anzahl für einen englischen Auftraggeber copierte; darunter befanden sich unter anderen Holbeins Darmstädter Madonna und das Genter Altarwerk. Damals gieng ihm die Idee des Gesammtkunstwerks auf, wie sie Klinger in seiner "Malerei und Zeichnung" später literarisch fixierte, und alles, was Schad seitdem geschaffen hat, steht unter der Herrschaft jener Idee.

Im Herbst 1900 vertauschte Schad seinen Wohnsitz in München, wo er seit 1895 eine angesehene Kunstschule geleitet hatte, mit Graz. Zu uns lockte ihn der Ruf eines jugendlich pulsierenden Kunstlebens und wohl auch die Jungfräulichkeit des Grazer Bodens. Gänzlich unbearbeitet war der nun freilich nicht, wenigstens soweit die Erziehung des kunstgenießerischen Publicums in Betracht kommt; diese war durch die zahlreichen Ausstellungen, Vorträge und Führungen, die seit einigen Jahren die "Kunsthistorische Gesellschaft" und der unter Wilhelm Gurlitts Präsidentschaft radical modernisierte "Steiermärkische Kunstverein" veranstaltet hatten, in einer mustergiltigen Weise vollzogen worden. Und ein paar junge hochbegabte Künstlerwaren da, die abseits vom "Verein der bildenden Künstler Steiermarks" standen, der sich in demselben ereignisreichen Jahr gebildet hatte und im Herbste dieses Jahres seine erste Ausstellung eröffnete, in der das conservative Element bei weitem überwog.

Der "Steiermärkische Kunstverein" setzte neben diese Ausstellung eine Collektivausstellung der Werke Schads, der mit einem Schlag die modern gesinnten Kreise des Grazer Publicums und der hiesigen Künstlerschaft auf seiner Seite hatte. Das Publicum zeigte eine für Graz unerhörte Kauflust und die jungen und fortschrittlichen Künstler vereinigten sich um Schad zum "Grazer Künstlerbund", der modernen Gegenbewegung gegen jenen "Verein der bildenden Künstler Steiermarks", und sie gewannen an dem Nürnberger, wessen sie am dringendsten bedürftig waren: einen kraftvollen Organisator.

Die erste That des "Grazer Künstlerbundes" war die Herausgabe der "Grazer Kunst" die ein so guter Beurtheiler wie Hevesi einen "österreichischen Pan" nannte, seine zweite That eine corporative Ausstellung im Herbst des Vorjahres, die fast nur Gutes, ausschließlich Modernes und auf Grazer Boden Gewachsenes brachte. Im Herbst dieses Jahres wird unser "Künstlerbund" im Wiener "Künstlerhaus" corporativ ausstellen, und da werden die Wiener Gelegenheit haben, eine Reihe interessanter, jungösterreichischer Künstlerindividualitäten, wie Winkler, Presuhn, Conrad, Suppanchich, Supprian und Brucks kennen zu lernen. Und um das Wiener Schicksal der seelenvollen Reliefplastik Georg Winklers, der erstrangigen farbigen Lithographien von Presuhn und Conrad, der Teppiche Fräulein Supprians – um nur einiges herauszugreifen – ist mir nicht bange.

Ebensowenig um das Wiener Schicksal der Kunst Paul Schads, von der die gegenwärtige, durch die freundliche Vermittlung des Herrn Sectionschefs Ritter v. Stadler zustandegekommene Ausstellung bei Pisko allerdings nur einen kleinen Ausschnitt herzeigt. Es ist nicht leicht zu sagen, was dieser Künstler uns in der kurzen Zeit seines hiesigen Aufenthaltes geworden ist. An dem Beispiel dieser glühenden Seele, die sich bei keinem Erfolg und bei keiner Eroberung beruhigt, die sich aber auch niemals vom Widerstand der stumpfen Welt besiegen lässt, richten sich unsere gerne verzagten jungen Künstler immer wieder auf. Die Energie und Glut seiner Persönlichkeit ist das wertvollste Element unseres Kunstlebens geworden; erst in zweiter Linie kommen für uns seine Werke in Betracht. Ihre Vielfalt und ihren Reichthum zu schildern, kann hier erst recht nicht meine Aufgabe sein; wo sollte ich da beginnen und wo aufhören? Da ist die imponierende Mannigfaltigkeit seiner Techniken: in seinen hiesigen Ausstellungen gab es Malereien in Ei- und Harz-Tempera neben Malereien in Petroleumfarben, Aquarelle und Pastelle neben Ölbildern und Reliefmalereien, mit denen sich der Künstler der ältesten, ganz flachen, polychromen Reliefplastik der Hellenen annähert; da gab es einfache, aquarellierte und getönte Rohrfederzeichnungen, neben Mineral-Farbenzeichnungen, Feder-, Kreide-, Röthel- und Bleistiftzeichnungen, und mit jeder dieser Techniken, die er überdies in der interessantesten Weise zu combinieren wusste, sprach er wie in einer neuen Sprache zu uns. Den Gesetzen des Materials unbedingt gehorsam, sind seine prachtvollen Knüpfteppiche, Stickereien, Webereien und Möbel entstanden. Unter seinen Bildern, die durchaus als Schmuckstücke für das Raumkunstwerk gedacht sind, fesselten immer die "Paradiese" am meisten, in denen er sein Lieblingsthema der nackten typischen Menschen in typischer Landschaft immer neu zu variieren verstand: herrlich, wie seine polychromierten und geschnitzten Holzrahmen mit dem jeweiligen formalen und gegenständlichen Inhalt der Darstellungen zusammenklangen; bei keinem Modernen ist die Rahmenkunst so hoch entwickelt, wie bei Schad. Eine schöne Specialität waren seine lyrischen Porträts, wie ich sie gerne nennen möchte, weibliche Bildnisköpfe vor elegisch gestimmten Landschaften, kleine Bilder, die wie von einer friedlichen, fast traurigen Musik erklangen. Dann wieder seine kraftvollen Zeichnungen, deren kühner, männlicher und summierender Stil an die großzügigsten Holzschnitte seines Landsmannes Albrecht Dürer erinnerte.

Und endlich aber nicht zuletzt, seine Landschaften! Der Typus der obersteirischen Landschaft ist für den Nicht-Steierer noch ein völlig Unbekanntes, eine ganz farblose Vorstellung. Wenn jemand dazu berufen erscheint, diese Vorstellung für weite Kreise mit lebendigem Inhalt anzufüllen, so ist es Schad und die ihn umgebenden Künstler. Von Schad gibt es einen Cyklus "Aus der grünen Steiermark", farbige Zeichnungen, die den Eindruck von Porträts machen, so tief lassen sie uns in die Seele jener Gegenden eindringen; so tief, dass wir mit einem Gefühl von ihnen scheiden, als ob wir Jahre lang dort gelebt hätten. Wie Schad die individuelle Bewegung eines Weges, das träumerische Versunkensein eines Häuschens, den letzten Gruß eines ersterbenden Himmelslichtes zu belauschen und zu schildern versteht, grenzt ans Wunderbare. Es ist das Verdienst Roseggers, dass heute fast jeder gebildete Deutsche in der ganz eigenthümlich gefärbten Empfindungswelt des obersteirischen Bauern Bescheid weiß; wir wünschen und hoffen, dass es Schad und den Seinen gelingen werde, dem großen deutschen Publicum das Antlitz der steirischen Landschaft so vertraut zu machen, wie uns die Heide von Worpswede und das Dachauer Moor vertraut geworden sind.

 

Graz, Hermann Ubell 

 

Grazer Tagblatt, 11.5.1902

 

(Grazer Kunstschule)

 

Unterrichtsminister Dr. Ritter v. Hartel erschien heute in Begleitung des Sectionschefs Dr. v. Stadler im Salon Pisko, wo derzeit die Collectionen von Leistikow und Liebermann in Berlin und Paul Schad-Rossa (Graz) ausgestellt sind, und kaufte Nr. 58 "Das Dorf" von Schad-Rossa, und zwar wurde dieses Bild für die zu gründende moderne Galerie angekauft. Ende dieses Monats wird Schad-Rossa nach Dresden gehen, um dort seine Ausstellung zu leiten. Ihr werden von hier aus noch größere in allerletzter Zeit entstandene Werke beigefügt werden.

 

 

Grazer Tagblatt, 4.6.1902

 

Ständige Kunstausstellungen.*

* Wegen Raummangels erscheint der Aufsatz verspätet.

 

Das Grazer Kunstleben hat einen neuen wichtigen Versuch zu verzeichnen. Lange schon wurde es als ein Uebelstand empfunden, daß die neuen Darbietungen der bildenden Kunst im Gegensatze zur Musik und zur Schaubühne nur einen kleinen Theil des Jahres ausfüllen und daß insbesondere die heimischen Künstler zu wenig Gelegenheit haben, mit ihren Werken vor die Oeffentlichkeit zu treten. Denn die drei bis vier jährlichen Ausstellungen des Kunstvereines stehen seit einigen Jahren in der trefflichen Absicht, Sammlung, Andacht und Genuß der Beschauer zu fördern, unter der Herrschaft bestimmter Programme und müssen daher oft gute Werke abweisen, weil sie nicht in das jeweilige Programm passen. Der Künstlerverein veranstaltet bisher jährlich nur eine Aussstellung, welche zwar allgemein zugänglich ist, aber von einem Theile der hiesigen Künstlerschaft grundsätzlich nicht beschickt wird. Unsere Kunsthändler sind in der Vorführung von Originalwerken nur sehr beschränkt thätig, und es fehlt ihnen vor allem an Ausstellungsräumen. Die Grazer Maler mußten daher oft noch froh sein, wenn ihnen irgend ein Kaufmann sein Schaufenster lieh, um ihr neues Werk der Oeffentlichkeit zu zeigen.

Diesen rückständigen und einer Landeshauptstadt unwürdigen Verhältnissen ein Ende zu machen, wurde seit Beginn dieses Jahres im Ausschusse des Kunstvereines der Plan einer ständigen Ausstellungs- und Verkaufshalle erörtert. Die Meinungen waren durchaus nicht einmüthig. Eine gewichtige Stimme hielt den Plan für verderblich, weil er die Künstler verführen würde, dem oberflächlichen Geschmacke der breiten Menge zuliebe zu arbeiten, die vermehrte Verkaufsgelegenheit zu übereilten, schleuderhafter Hervorbringung zu mißbrauchen, vielleicht schon als halbe Schüler schon mehr ans Verdienen, als ans Lernen zu denken: der Wettbewerb des Schlechten würde erleichtert und das Publicum an den Schund gewöhnt, statt von ihm entwöhnt zu werden. Die Mehrheit (und auch ich muß mich zu ihr bekennen) sah die Sache minder schwarz. Zunächst braucht eine ständige Ausstellung keineswegs ausschließlich dem Verkaufe zu dienen. Viele Künstler wünschen auch schon verkaufte Werke (z.B. im Auftrage gemalte Bildnisse) vor der Ablieferung der Oeffentlichkeit zu zeigen. Die Mehrzahl wird allerdings zum Verkaufe stehen. Aber daß die Kunst nach Brot geht, ist eine Thatsache, welche dadurch nicht geändert wird, daß man sie verschämt behandelt. Velazquez verkaufte keine Bilder, weil das seiner Würde und eines spanischen Edelmannes widersprach, Watts verkauft keine, weil er sehr reich ist und sein Lebenswerk beisammen halten will, um es einst als ganzes der Oeffentlichkeit zu schenken. Aber das sind seltene Ausnahmen; unsere Künstler wollen und müssen verkaufen, auch jene, welche ihre künstlerische Ehre darin sehen oder welchen es schon ihre hochsinnige Natur gebietet, beim Schaffen nicht an Beifall und Verkauf zu denken. Das Ideal wäre freilich, daß man Kunstwerke, diese Blüten der Persönlichkeit, gar nicht auf den Markt brächte; und es ist die tiefste, vom echten Künstler desto schwerer empfundene Tragik des Künstlerberufes, sich damit abfinden zu müssen. Aber das alles wird dadurch nicht geändert, daß man die Marktgelegenheit beschränkt oder daß man sie zu verschleiern sucht. Thatsächlich weiß doch jeder Eingeweihte, daß die Künstler, ehe sie eine Ausstellung beschicken, die Verkaufshoffnung erwägen. Das wird bleiben, solange Künstler von ihrer Kunst leben wollen oder müssen. Und darum ist es besser, den Strom in geregelte Bahnen zu lenken, statt zu versuchen, ihn zurückzustauen.

Daß die Künstler durch die vermehrte Verkaufsgelegenheit zu schleudern anfangen könnten, ist wohl eine sehr weit liegende Gefahr, wenn man bedenkt, wie wenig in Graz auch bei großen Ausstellungen gekauft wird. Aber auch wenn diese Gefahr thatsächlich vor der Thüre stünde, so obläge es allein dem Charakter der Künstler, sie zu bestehen. Vereine sind nicht berufen und haben wohl auch kaum die Macht, die Künstler zur Tugend zu zwingen. Was sie sollen und können, ist nur das eine: zum Vortheile der vornehmeren Künstler und der Beschauer, vor allem aber zur Wahrung der eigenen Würde die Grundhöhe ihrer Vorführungen durch gewissenhafte Auswahl aus dem Angebotenen möglichst emporzuschrauben. Das läßt sich nun, wenn man sich nicht von vorneherein auf bekannte bewährte Meister beschränken will, nur durch ein Aufnahmegericht (Jury) machen. [...]

Aus diesen und ähnlichen Erwägungen hat sich der Kunstvereinsausschuß entschlossen, eine ständige Ausstellungshalle für steirische Künstler zu eröffnen, Schwierigkeiten machte die Raumfrage, denn beschämenderweise hat Graz (dies steht unvergessen auf dem Kerbholz des Gemeinderathes) noch immer keine Kunsthalle. Man mußte noch froh sein, daß es durch das Entgegenkommen der Museums-Verwaltung und des Landesausschusses möglich war, in den gewohnten, wenn auch schlecht belichteten Räumen, welche dem Vereine vertragsmäßig nur für seine statutenmäßigen Ausstellungen zustehen, den Versuch zu wagen. Als es so weit war, wurde die Sache im März in den Tagesblättern bekannt gegeben und zur Beschickung eingeladen.

Mit anerkennenswerter Fixigkeit hat der "Verein bildender Künstler Steiermarks" den Wettbewerb aufgenommen und noch vor dem Kunstverein seinerseits einen "Kunstsalon" in der alten Universität mit ungefähr 60 Nummern eröffnet, welcher bis zum Beginne der photographischen Ausstellung geöffnet war. Daß bei der Hast der Eröffnung die Auswahl keine sehr sorgfältige sein konnte, ist begreiflich; [...]

Ein Monat später und mit ungefähr der Hälfte von Werken hat der Kunstverein seine ständige Ausstellung im Museum eröffnet. Das Aufnahmegericht waltete strenge seines Amtes, sie enthält kein schlechtes Bild. [...]

Möge das neue Unternehmen der ständigen Ausstellungen bei Künstlern und Beschauern Anklang finden und der Wettbewerb die Künstlergruppen beider Vereine zu immer höheren Leistungen und auch zu wirtschaftlichen Erfolgen führen!

Dr. v. Drasenovich

Grazer Tagblatt, 14.6.1902

 

(Ständige Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereines.) In der zweiten Folge haben folgende Mitglieder des Grazer Künstlerbundes ausgestellt: Brucks 2 Sculpturen, Dölter 3 Oelgemälde, Gößer 1 Sculptur, Hallavanna 6 Oelgemälde, Konrad 4 Aquarelle und Pastelle, Liel 1 Oelbild, Pauluzzi 5 Oelbilder und Zeichnungen, Presuhn 4 Aquarelle, Schad-Rossa 15 Oelbilder und Zeichnungen, 11 Photographien von Bildern aus der Münchner Zeit, Supprian 5 Oelbilder und Radierungen, Professor Winkler 2 Sculpturen, Bengen 1 Sculptur. - Von der Vereinigung bildender Künstler Oesterreichs, Secession in Wien, gelangten folgende Mittheilungen aus "Ver sacrum" zur Ausstellung: von Ferdinand Andri 4 Original-Lithographien, Josef M. Auchenthaller 1 Zinkdruck, Rudolf v. Alt 2 Dreifarbendrucke, Adolf Böhm 7 Dreifarben- und Zinkdrucke, Alois Hänisch 2 Dreifarben- und Zinkdrucke, Gustav Klimt 1 Zinkdruck, Friedrich König 4 Zinkdrucke und Original-Holzschnitte, Wilhelm Laage 1 farbiger Original-Holzschnitt, Maximilian Lenz 1 Original-Lithographie, Wilhelm List 2 Zinkdrucke und Original-Lithographie, Koloman Moser 2 Zinkdrucke und Original-Lithographie, Emil Orlik 1 Zinkdruck. - Von Koch v. Langentreu blieben die fünf Bilder aus der ersten Folge. Gleichzeitig sind die Hauptgewinste ausgestellt, die der Steiermärkische Kunstverein am 29. Juni zur Verlosung bringt und die Prämienblätter, von denen jeder gezahlte Antheilschein eines erhält. Nur für die "Ueberredende Venus" nach Tizian sind zwei Antheilscheine zu lösen. Die Verlosung ist derartig reich ausgestattet, daß auf je 20 gezahlte Antheilscheine ein Gewinn berechnet ist. Ungezahlte Antheilscheine nehmen an der Verlosung nicht theil. Antheilscheine à 6 K. sind an der Casse zu haben. Die Ausstellung ist täglich von 10 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags geöffnet. Eintrittspreis 20 Heller, die Coupons der Mitgliederkarten sind giltig.

Dresdner Anzeiger, 15.6.1902

 

Richters Kunstsalon

 

Es ist an sich kein übles Ausstellungsprinzip, möglichst das Ungleichartige neben einander zu hängen, das, was durch eine völlig verschiedene Auffassung auch zu verschiedener Betrachtung und Beurteilung nötigt, und sich so gegenseitig am wenigsten Konkurrenz macht. Wenn daher in der vorliegenden Ausstellung bei Richter die Bilder Schad-Rossas durch ihr Gegenüber so völlig in den Schatten gestellt werden, so ist dies an sich kein Sieg des reinen Naturalismus über den Neu-Idealismus und Symbolismus im allgemeinen, sondern eben nur ein Zeichen für das turmhohe Überragen persönlicher künstlerischer Kraft im besonderen Falle. Der Schwede Bruno Liljefors ist auf seinem Spezialgebiete wohl überhaupt der unbestrittene Meister. Seine Kunst ist in solchem Maße eine der einfachsten Selbstverständlichkeit, daß sein erstaunliches Können nicht nur vom Fachmann und Kenner bewundert wird, sondern auch dem Laien ohne weiteres aufgeht und daher eines erklärenden Zusatzes kaum bedarf. Unabhängig von künstlerischen Zeitströmungen und Schulen steht er mit beiden Beinen ausschließlich mitten in der Natur drin, droben in seiner heimatlichen Umgebung, der Wald- und Meereinsamkeit Skandinaviens, wo Wildente und Eidergans über blaue Wogen streichen, und der flüchtige Schneehase durch die weißbehangenen Forste eilt. Dort lebt er mehr das Leben eines Bauern oder Jägers, kein Hauch von Atelierluft scheint ihn jemals berührt zu haben. Er ist ein Tiermaler, dem in seiner Art nur der Münchner Heinrich Zügel an die Seite zu stellen wäre. Wie dieser erfasst er seine Modelle mit absoluter Beherrschung der organischen Form und der Bewegung, in ihrem natürlichen Milieu, in voller Umgebung von Licht und Luft, wie dieser ist er neben dem Tierporträtisten auch ein Freilichtmaler par excellence. Aber während Zügels Schafe, Rinder und Hunde immer noch relativ bequem zu beobachten sind, scheint Liljefors sich’s zur Aufgabe gestellt zu haben, das scheueste Wild in seine unbelauschtesten Momenten festzuhalten. Wie er das fertigbringt, welche Masse von Einzelbeobachtungen dazu gehört, ist bei den Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens kaum abzusehen. Bekannt ist in der Dresdner Galerie sein Fuchs im Schnee, der einen Hasen ins Tannengestrüpp schleppt, ein andermal malte er ein paar Auerhühner auf einem Kiefernwipfel in der flüchtigen Dämmerbeleuchtung der eben verglimmenden Abendsonne als lebensgroßen Naturausschnitt, so daß es aussah, als habe er sich selbst auf der Baumkrone postiert und das Bild aus einer Entfernung von wenigen Metern und jeden Strich von der Natur fertig gemalt. […] Das meiste davon wirkt daher auf der Leinwand verblüffend wie ein außergewöhnliches Naturereignis. Über das größte der Gemälde, „Eidervögel“, erschrickt man förmlich, so vollständig ist die Illusion. […]. Die andere Hälfte der Ausstellung hat gegenüber dieser Summe von gefundenem Naturgefühl und malerischer Kraft einen schweren Stand. Anläßlich der E.R.Weiß-Ausstellung wurde einiges über das Verhältnis von Phantasie und Natur gesagt, und gerade die Natur kommt in Schad-Rossas unklaren Phantasiemalereien bedenklich zu kurz. Eine wunderliche und stillose Maltechnik, zum Teil in Verbindung mit plastisch erhabener Reliefwirkung, sowie ein schwulstiges Rahmenwerk mit Figuren und Ornamenten suchen die mangelnden soliden Qualitäten anspruchsvoll, aber vergebens aufzuputzen. Dabei fehlt eigentlich Originalität. Es ist ein verdünnter Aufguß auf Ludwig v. Hofmann, aber ohne dessen Poesie und dekoratives Feingefühl. Die Farbe bewegt sich fast durchgängig in einer unnatürlichen Skala von süßlichem Blau und Violett. Am besten und einfachsten und nicht ohne stimmungsvollen Reiz ist noch der blonde weibliche Profilkopf; die größeren Bilder lassen kalt, und namentlich die beiden tanzenden Mädchen, unter deren Gewandgeringel man vergebens eine feste Form der Kautschukartig gewellten und zerfließenden Körper sucht, sind zusammen mit dem selten geschmacklosen Rahmen nicht entschieden genug zurückzuweisen. Es fehlt ihm an einer kräftigen und ungezierten Erfassung der Natur, das beweisen auch die meisten der landschaftlichen Studien, wo er unstilisierte Natur geben will. Besser ist die als „Hochtal, Teichalpe“ bezeichnete, von den Figuren ist wenigstens der Rückenakt der Eva auf dem großen Bilde rechts als Form leidlich beherrscht. […]

 

Grazer Tagblatt, 27.6.1902

 

Ständige Ausstellung des Kunstvereines.

 

 Die im Museum kürzlich eröffnete zweite Serie ist im wesentlichen eine Ausstellung des Grazer Künstlerbundes. Sein Vorstand Paul Schad-Rossa hat uns, vielleicht nicht ohne Absicht, einige Bilder und Bildphotographien aus seiner früheren Zeit vorgeführt, welche ihn auf den Bahnen der von inhaltlicher Stimmung erfüllten Wirklichkeitsnachahmung zeigen. Er will uns damit wohl sagen, oder man kann doch daraus lesen, daß sein heutiges Stilisieren und Suchen nach decorativen Wirkungen nicht darin seinen Grund hat, daß er vielleicht - wie es ja bei manchen Stilisten vorkommt - der Natur nicht gewachsen wäre, sondern daß sein Künstlerwesen heute von anderen Erregungen erfüllt ist, die nach solchem Ausdruck verlangen. Ob nun dem einzelnen Beschauer seine frühere oder seine spätere Richtung mehr zusagt, ist eine rein persönliche Frage, deren Beantwortung keinen Zwang verträgt. Aber auch dem Gegner seines decorativen Stiles sollte die Achtung vor einer Künstlernatur, die ohne äußere Rücksichten ihrem inneren Lebensgenius folgt, nimmer mangeln. Für die Oeffentlichkeit neu ist ein Doppelbildnis von Mutter und Tochter, in dessen Anordnung und feiner Tönung ein großer Reiz liegt.

Seiner Malweise am nächsten steht bekanntlich Margarete Supprian, die mit einer fein gestimmten Landschaft "Abendfrieden" und drei sehr schönen, im Katalog als "Zeichnungen" erscheinenden Radierungen erfreut. Mit ihrem Oelbilde "Aus den Dolomiten" kann ich mich hingegen trotz des glücklichen Motivs nicht befreunden; wenn man eine Felsenlandschaft malt, scheint es mir denn doch nicht nebensächlich, ob die Felsen auch als solche wirken oder ob nur getönte Flächen gegeben sind, welche ebenso gut Lehmwände oder Vorhänge sein könnten. Hier zeigen sich die Gefahren des decorativen Stiles, gegen welche die Kunst immer wieder in das Stahlbad eines gesunden Realismus wird tauchen müssen. Ihn besitzt zweifellos Daniel Pauluzzi, dessen großes Können und wuchtige Darstellung wieder höchste Beachtung verdient. Daß seine herbe Art der weichlichen Schönheitssehnsucht vieler Beschauer nicht zusagt, mag wohl sein; aber auch Dürer würde ihnen nicht zusagen, wenn er nicht schon durch die Jahrhunderte geaicht und seine Verleugnung ein Bildungsmangel wäre. Seine anspruchslose, aber hohen Ansprüchen standhaltende Zeichnung "Mutter und Kind" ist aus der "Grazer Kunst" und aus dem "Kunstwart" bekannt, der sie der Nachbildung für wert hielt. Nervöser und heiterer ist Bela Conrad, dessen Aquarelle bei guter Beobachtung leicht und geschickt hingesetzt sind. Daß die Wasserfarben mehr Ausdrucksfähigkeit haben, wenn sie in vollen Flecken unvermischt nebeneinandergesetzt, als wenn sie mühsam ineinandergepinselt werden, ist heute unter Aquarellisten kaum mehr streitig. Auch Ludwig Presuhns frische Landschaften aus der Umgebung von Graz sind so schneidig gemalt. Seine farbige Lithographie "Weiden im Schnee" erfreut die Liebhaber dieses schönen, neu aufblühenden Kunstzweiges; sie soll im nächsten Jahre eines der Prämienblätter des Vereines werden. Emilie v. Hallavanya zeichnet sich wieder durch feine, frische Farben und anmuthige Linien aus, Mizi v. Liel bringt ein großes weibliches Bildnis von lebendiger Schilderung und guter Raumstellung, an Leonore Doelter schätze ich die nervöse Tonempfindung, würde ihren Landschaften aber entschiedenere Mittelpunkte, kräftigere Haupttöne wünschen.

In der Bildhauerei bringt Georg Winkler neben einer ähnlichen, aber für mein Empfinden zu wenig belebten Bildnisbüste eine reizende Terracottafigur seines prächtigen Knaben auf dem Schaukelpferde. Sehr glücklich hebt die Abschneidung des unteren Theiles und die Stilisierung des Gewandes und Pferdes die Darstellung in den Bereich des Kunstwerkes; hätte er mehr gegeben, es wäre weniger gewesen. Georg Brucks bringt wieder eine Skizze zu einem Grabdenkmale, an dem jedenfalls die Trauerfigur eine würdige und edle Empfindung andeutet. Die Wirkung des Ganzen wird bei der Ausführung wesentlich vom Hintergrunde abhängen. Seine Bildnisbüste nach seinem Lehrer Schad ist vortrefflich in Form, Flächenbehandlung und Tönung, wenn mir auch im Ausdrucke der freilich nicht einfachen Persönlichkeit ein unausgedrückter Rest geblieben zu sein scheint; er ist's, aber er ist's nicht ganz. Die in Steiermark einst blühende und in den letzten Jahrzehnten - nicht immer zum Vortheile der Künstler - mit dem gleichmacherischen akademischen Thon und Gips vertauschte Holzbildhauerei wird vom heimischen Künstler Wilhelm Gösser in einem Bauernkopfe mit Glück wieder aufgenommen. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß sich in Thon und Gips nichts leisten läßt. Man betrachte nur den von außergewöhnlichem Talente getragenen weiblichen Studienkopf des Schülers Bengen, der in Form, Umriß und Ausdruck von erstaunlicher Entschlossenheit ist. Einen besonders begabten Schüler zu haben, ist für jeden Lehrer ein Glücksfall, dessen Eintreffen oder Ausbleiben keineswegs sein Verdienst oder seine Schuld zu sein braucht. Daß aber dieser und andere Schüler die weite Reise von Hannover machen, um hier Unterricht zu nehmen, ist denn doch eine für Graz so neue Thatsache, daß sie auch jenen zu denken geben sollte, welche Schads künstlerische Persönlichkeit ablehnend gegenüberstehen.

An diese Ausstellung des Grazer Künstlerbundes und einiger aus der ersten Serie verbliebenen Werke schließt sich eine durch Zufall gebotene kleine Ausstellung der Wiener Secession an, Kunstdrucke aus der Zeitschrift "Ver sacrum", welche seit einigen Jahren nur mehr für die Mitglieder erscheint und daher weiteren Kreisen nicht zugänglich ist. Ich kann über diese Sachen nicht recht schreiben; denn ich liebe zwar Alois Hänischs an den Japanern geschulte, flotte Präcision und pikante Fleckenverteilung, freue mich an Ferd. Andris farbenfroher Menschendarstellung, achte auch bei allen übrigen ihr technisches Geschick und ihr rein künstlerisches, keine Nachgiebigkeiten kennendes Streben, aber ich kann an den meisten nicht warm werden, ich fühle, nachdem ich den Reiz ihrer Technik ausgekostet habe, hinter ihren Werken zu wenig feste Persönlichkeit und gesundes Menschenwesen, welche durch die Mittel des Künstlers zu empfangen doch schließlich - für mich wenigstens - der Sinn und Lohn aller Kunstbertrachtung ist; es fehlt mir also am Organ, ihren Absichten gerecht zu werden.

Im letzten Saale sind die Prämienblätter und Hauptgewinne für die nächsten Tage stattfindenede Vereinsverlosung aufgehängt.

Dr. v. Drasenovich.

Hannoverscher Courier, 19.10.1902

 

(Hannoverscher Kunstsalon)

 

[...]

Auch ist es der Leitung des Kunstsalons gelungen, den berühmten Grazer Künstler Schad-Rossa zu veranlassen, mit 25 Arbeiten zum ersten Male in hannover auszustellen. Diese Kollektion, welche aus Oelgemälden, Farbstiftzeichnungen und Reliefmalereien besteht, zeichnet sich durch originelle Behandlung des Sujects sowohl als auch namentlich durch die Anwendung verschiedenster Techniken aus.

 

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 6.11.1902

 

Aus dem Kunstsalon. Paul Schad-Rossa. I.

 

Ich befinde mich seit einigen Tagen in einer herzlich unbequemen Stimmung. Ich bin zu gleicher Zeit froh und traurig.

Seit Jahren hatte ich von Paul Schad gehört. Er ist der Freund und frühere Lehrer meines lieben Freundes, des hiesigen Malers Hermann K.-Meyer, und der hat mir ihn so oft geschildert, den Menschen sowohl wie den Maler, daß ich sehr neugierig auf die Werke des Mannes war.

Ich las einige Briefe von Schad, die aus Graz im schönen Steiermark nach der Hildesheimerstraße kamen, und diese Briefe machten mich noch neugieriger. Und als Schad in Graz seine Sonderausstellung hatte, bekam ich auch den kleinen Katalog in die Hände, dessen Einleitung mit dem ehernen Wort begann: "Kunst ist der Gegensatz zur Natur", und da wuchs meine Wißbegier noch mehr.

Nicht, daß mich dieses Schadsche Wort als etwas für mich ganz Neues so ergriffen hätte. Lange vor ihm hatte Zola dasselbe sagen wollen, als er schrieb: "Kunst ist ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament", und Böcklin sagte bei Floerke: "Der Künstler gibt sich alle Mühe, sein Werk als einen Gegensatz zur wirklichen Welt erscheinen zu lassen."

Nein, etwas Neues war dieses Wort für mich nicht, es war mir von dem Augenblicke an, in dem ich mir über den Zweck der Kunst klar war, das Selbstverständliche. Aber wer ein solches Wort ausspricht, der muß es befolgen können, und ob Schad das könne, darauf war ich neugierig. Meine Neugier war sehr stark mit Angst vor Enttäuschung gemischt.

Ich habe keine Enttäuschung erlebt. Meine Befürchtungen verschwanden, als ich den Raum betrat, in dem Schads Bilder hängen, und meine Hoffnungen wurden zur Gewißheit.

Das war der Paul Schad, von dem ich hatte erzählen hören, der ernste Mann, der unbekümmert um Gunst und Geld seinen Weg geht, der heitere Künstler, der gleichgültig gegen Dorn und Distel auf das zustrebt, das für ihn das Leben ausmacht. Von seinem Wollen hatte ich gehört, sein Können sah ich nun, und daß das Wollen und Können des Mannes in einem so schönen Gleichklang zusammentönte, das machte mich froh.

Aber jedesmal, wenn ich an großer Kunst meine Freude habe, überkommt mich eine ebenso große Traurigkeit. Es ist das Gefühl, das ein Mensch hat, der stumm ist und reden möchte, wenn alles in ihm nach Aussprache schreit.

Denn was ich über Schad sagen will, kann ich nicht sagen. Einem Kunstwerk gegenüber gibt es nur eine Kritik, die technische, und die kann wieder nur ein bildender Künstler  ausüben, der mindestens auf derselben Höhe des Könnens steht, wie der, dessen Werk zu richten er wagt. Um seine Kritik aber zur Erscheinung zu bringen, müßte der kritisierende bildende Künstler sich des geschriebenen Wortes bedienen, also eines Materials, das er nicht beherrscht, denn malen oder plastisch ausdrücken kann er seine Kritik nicht. So ist der Schriftsteller in dieser Zeit, in der an alle Künste leider durch eine vollständige Verwirrung der Begriffe die Anforderungen der redenden Künste gestellt werden, gezwungen, die Kritik über die bildende Kunst zu übernehmen, eine Kritik, die in Zeiten, die bildende Kunst verstanden, auf ganz andere Weise in Erscheinung trat. Das kann er im Grunde gar nicht, ebensowenig, wie ein Maler mit seinen Mitteln an einer Dichtung Kritik über kann.

Ein Schriftsteller, der wirklich Künstler ist, nicht nur Handwerker, wird einem großen Werke der bildenden Kunst gegenüber aber ebensowenig kritisieren wollen. Die Wirkung, die es auf ihn ausübt, kann sich nur in Anregung zu eigenem Schaffen auslösen. Es wird dieselbe Wirkung auf ihn haben, wie ein Stück Natur.

Deshalb schließen sich Künstlertum und publizistische Kritik in derselben Person aus. Also wird die publizistische Kritik zumeist von Leuten ausgeübt, die keine Künstler sind, die also notgedrungen einen falschen Maßstab anlegen müssen, auch wenn sie noch so ehrlich zu sein glauben.

Uns fehlt jeglicher künstlerische Instinkt, dem Volke wie dem einzelnen Menschen. Seit der Zeit der Reformation ist die organische Entwickelung unserer Kunst durchbrochen, ist die künstlerische Tradition verloren gegangen, soweit sie die bildende Kunst betrifft. Wir haben nur eine gewisse litterarische Tradition.

Der Maßstab dieser litterarischen Tradition wird nun von den rein litterarisch gebildeten Kritikern an die Werke der bildenden Kunst gelegt. Die Folge davon ist, daß die bildende Kunst von ganz falschen Grundsätzen aus angesehen wird. Böcklin malte dreißig Jahre; kein Mensch bemerkte ihn. Klinger schreibt Feuilletons mit Marmor, Bronze und Radiernadel und wird sofort begriffen. Das ist leicht zu verstehen. Klinger ist Novellist oder Feuilletonist oder Essayist oder Philosoph; darum ist er den litterarisch gebildeten Kritikern verständlich, und jeder von ihnen kann darüber schreiben. Er selbst beweist das ja deutlich dadurch, daß er sich in seinem Material nicht genügend ausdrücken kann und genötigt ist, sich außer diesem mit dem geschriebenen Wort an uns zu wenden. So schreibt er zu seinen Bildern Bücher oder läßt sie schreiben.

Seine Verständnislosigkeit für die Ziele der bildenden Kunst merkt man gerade an der scheinbaren Gedankentiefe seiner Werke, die nur der Ausdruck für die selbstquälerische Ehrlichkeit eines Mannes ist, der mit Stein und Farbe das schaffen will, was nur mit Wort und Schrift auszudrücken ist.

Nie ist ein Werk von Klinger ein Ding an und für sich, es ist nie selbstverständlich wie die Natur. Man denke nur an eine Plastik der Egypter, wie sie die Glyptothek besitzt; kein Mensch weiß, wer sie schuf, keiner, wen sie darstellt, und doch geht die größte künstlerische Wirkung von ihr aus.

Bei Klinger muß man Bücher und Broschüren haben, um ihn verstehen zu können. Bei den Egyptern kommt jeder zu einem starken Empfinden, der das Organ dafür hat, mag er nun etwas von egyptischer Kultur verstehen oder nicht. Keine wirkliche Kunst braucht eine Ergänzung durch etwas anderes.

Darum spricht Schad nur durch seine Bilder. Die Benennungen stammen von den Kunsthändlern, nicht von ihm. Sie wirken so, als wenn man mit einem brennenden Streichholz die Sonne beleuchten will.

Und das hat doch keinen Zweck...

 

Hermann Löns

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 9.11.1902

 

Aus dem Kunstsalon.

Paul Schad-Rossa.

II.

 

In meinem ersten Artikel über Paul Schad habe ich über Paul Schad sehr wenig gesagt. Es ist möglich, daß es mir bei diesem ebenso geht. Was soll ich, der Nichtmaler, über eines Mannes Werke sagen, der Maler ist?

Soll ich, wie es bei den dilletantischen Kritikern üblich ist, Ihnen erzählen, was auf den Bildern zu sehen ist? Das macht mir kein Vergnügen und hat für den Leser keinen Zweck, denn dadurch bekommt er von Paul Schad doch keinen faßbaren Begriff. Es kommt bekanntlich ja gar nicht darauf an, was ein bildender Künstler darstellt, sondern wie er es darstellt. Das Was kann ich Ihnen schließlich schildern, das Wie niemals. Und auf das Wie kommt es an, nur auf das Wie.

Aber eins soll ich Ihnen doch beantworten, die Frage nämlich: "Wohin gehört Schad, zu den Modernen oder zu den Alten, Glaspalast oder Sezession?"

Tut mir leid, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Schad ist nämlich parteilos, wie alle wahren Künstler, oder, das ist noch richtiger, wie alle bedeutenden Männer, alle großen Individualitäten. Es sind eben keine rubrizierbaren Insekten, die man in Genus und Spezies, Varietät und Subvarietät klassifizieren kann, wie Rüsselkäfer und Heuschrecken und Baumwanzen. Und selbst diese machen sogar dem Spezialforscher oft mächtige Schwierigkeiten.

Eine Individualität läßt sich nicht rubrizieren und katalogisieren. Wo wollen Sie Böcklin hinbringen, wo Rembrandt, wo Dürer, wo Boticelli, wo die unbekannten Bildhauer Griechenlands und Egyptens? Haben Sie für Velasquez eine besondere Schieblade oder für Michel Angelo? Ohne prokrustesmäßige Zwangsmaßregeln finden Sie keine Rubriken dafür.

Sie sind aber an Rubriken gewöhnt. Das kommt daher, daß die Kritik über Litteratur Jahrhundertelang in den Händen von Gelehrten lag. Diese wandten ihre wissenschaftliche Methode auf die Litteratur an. Ein Dichter, der nicht in Klasse A, Familie F, Genus D, Spezies R paßte, war kein Dichter. Später übernahmen die Litteraten das Kritikeramt von den Gelehrten, behielten aber leider die wissenschaftliche Methode bei.

Und daher kommt das ganze Elend in unserer Kunstkritik. Sie leidet an doppelter erblicher Belastung. Erstens an der aus der Wissenschaft übernommenen Rubrizierwut, zweitens daran, daß sie an die bildende Kunst einen litterarischen Maßstab legt und vom bildenden Künstler eine Idee erlangt.

Ein bildender Künstler aber soll keine Ideen darstellen. Ideen kann jeder Esel haben. Ein bildender Künstler soll schaffen, soll eine Welt auf die Beine stellen, die ihr eigenes Leben in sich hat, die etwas anderes ist, als die übermalte Photographie eines Gedanken, als eine in Oelfarben, Petroleum, Tempera oder Stein wiedergegebene Novelle, als ein in Farben übersetzter Witz, als eine verbildhackte Pointe.

Hat Böcklin Ideen gehabt? Sicher mehr als andere Leute. Aber gemalt hat er sie nicht. Er war Maler und hatte deswegen nichts zu tun als Maler. Zufall ist das, was wir in seine Bilder hineinlegen von Ideen, Novellen, Vorgängen.

Ich will mal ganz banal werden. Sie kennen doch sicher des seligen  Defreggers "Salontiroler". Wenn Sie sich das Ding ansehen, was behalten sie davon?  Die Darstellung oder die Pointe? Doch nur die Pointe! Es ist eben ein aus Versehen nicht mit Druckerschwarz, sondern mit Oel und Leinewand wiedergegebener Witz. Sie lachen, weil die Situation so komisch ist, aber sie haben nicht mehr davon, als von einem Kalauer am Biertisch.

Und nun nehmen Sie Böcklins "Schweigen im Walde", das Sie in der Nationalgallerie in Berlin sahen. Was hat sie dabei ergriffen? Die Novelle, der Stoff? Nein, das ungeheure Können des Mannes, der Ihnen ein unbekanntes Fabelwesen mit einem weiblichen Akt darauf malte, heraustretend aus einem sonnenreflex-durchzitterten Walde, daß Sie glauben, es gäbe ein Weib, das auf solchem Ungetüm ritte.

Ehrfurcht faßt sie vor einem Manne, der Ihnen eine Welt glaubhaft darstellt, in der es solche Wesen gibt.

Und in eine ebenso glaubhafte Welt führt Sie Paul Schad. Sie ist anders, wie Böcklins Welt, aber ebenso selbstverständlich. Ob er in seinem "Garten Eden" ein junges Menschenpaar, eng aneinander geschmiegt, träumend hineinsehen läßt in die sonnenbeschienen Landschaft, ob er, wie in den "Heiligen Blumen", eine Frau sinnen läßt in einem Zauberwalde, das ist so wahr, wie alle Märchen wahr sind, die wir träumten, als wir Kinder waren.

Was Schad malt, lebt. Wer es für unwahr hält, der ist eben noch niemals in seinen Träumen dahingekommen. Er malt die Sehnsucht unserer Seelen und den Hunger unseres Herzens, er malt unser Schreien und unser Lächeln, weil er alle unsere Sehnsucht kennt und allen unseren Hunger.

Und wie macht er das, wie ist seine Technik? Das ist ja seine Sache. Er hat keine. Ihm liegt nichts dran. Er macht sich nichts draus. Fragt Ihr beim Dichter, ob er mit Bremer Börsenfedern schreibt oder mit Gänsekielen? Er hat alle Techniken durchgearbeitet, der Schad, aber so nebenbei.

Solange, bis er genau wußte, wie er es in jedem Falle anfangen mußte. Zwanzig Jahre Studium sind darauf gegangen. In diesen zwanzig Jahren hätte er sich einen Namen machen können als guter Landschafter, als beliebter Porträtiste, als gut bezahlter Genremensch, als wohlfundierter Tierspezialist oder dergleichen. Er verzichtete. Er arbeitete, schlug sich mit Sorgen und Not herum, weil er keine Lust hatte, sich zu verkaufen.

Solche Leute werden immer etwas. Siehe Böcklin! Sie haben eine Mission, die erfüllen sie. Ohne einer Clique anzugehören, ohne in Kompagnie zu marschieren, brechen sie durch, heute oder morgen, bei Lebzeiten oder am Tage darauf. Das wissen sie, darin liegt ihre Stärke, ihre Größe.

Auch die Größe ihrer Auffassung. Sehen Sie sich Schads Dolomiten an. So kleine Bilder im Format und doch packt sie daraus die Riesenhaftigkeit der alpinen Welt. Es kommt immer auf die Größe des Auges, nicht auf die der Leinewand an. Einer, der mit Meilenaugen sieht, malt Bilderchen, und wirkt groß; ein anderer bemalt Wände, und die Wirkung ist winzig.

Wollen Sie ein litterarisches Exempel dafür? Zola und Frenssen. Bei Zola ein Aufwand von Milieu, eine seitenlange Detailschilderung, eine raffinierte Kleinmalerei, eine Häufung von Einzelheiten. Bei Frenssen zwei Bauernjunges als Silhouetten in der grauen Ebene, zwei, drei Ausrufe, ein Schrei.

Und die Wirkung? Bei Zola kommen sie nie und nimmer in die Schlacht hinein, trotz alles Gelehrtenfleißes nicht, trotz alles Sitzfleisches nicht, das man aus jeder Zeile sieht. Aber bei Frenssen sind sie auf einmal mitten drin.

Zola ist tot, Frenssen lebt. Und wenn Frenssen tot wäre und Zola lebte, so wäre Zola doch tot und Frenssen lebte.

Es gibt Leute, die nie lebendig waren, und solche, die den eigenen Tod überleben.

Das wird bei Paul Schad.

 

Hermann Löns

 



Hannoversches Tageblatt, 9.11.1902

 

Hannoverscher Kunstsalon

 

Neu ausgestellt ist eine hervorragende Sammlung von Jagdbildern, 80 Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen, darunter Werke von Wagner, Strebel, Kröner, Voigt, Kuhnert, Stenglein, Marx, Prof. Recknagel, Biedermann-Arndts u.a.m. Die Ausstellungsräume sind den Bildern entsprechend mit einer Collection der schönsten Geweihe und Rehkronen geschmückt. Von den so großen Beifall findenden Werken Paul Schad-Rossa's sind bis jetzt 7 Bilder in Privatbesitz übergegangen. Auch ist Aussicht vorhanden, daß noch mehrere Arbeiten dieses bedeutenden Künstlers hier angekauft werden.

 

 

Hannoverscher Courier, 12.11.1902

 

Paul Schad-Rossa

 

Von E.W.Baule

 

Im kleinen, hofwärts gelegenen Saale des Hannoverschen Kunstsalons ist seit einigen Tagen eine Sammlung von Arbeiten des Grazer Künstlers Paul Schad-Rossa zu sehen, die die Aufmerksamkeit der Künstlerkreise in hohem Maße verdient. Es ist erfreulich, wenn Künstler dort, wo man sie bisher nur dem Namen nach kannte, mit einer größeren Auswahl ihrer Werke vor das Publikum treten. Separatausstellungen setzen den Betrachtenden in den Stand, einen weit reichenden Ueberblick des Gesammtschaffens zu gewinnen. Wenn sie, wie diese, auch Studien des Künstlers enthalten, sind sie doppelt werthvoll für die Erkenntniß der künstlerischen Anschauung des Ausstellers.

Ohne Frage: Schad ist eine starke Persönlichkeit. Erquickend wirken nach der zum Haupttheil unfruchtbaren Menge von Staffeleibildern in unseren Ausstellungen diese kräftige Eigenart und das unbeirrbare Streben nach höchstem künstlerischen Ausdruck. "Gequält von der süßen und guten Leidenschaft der Kunst," um des großen Hirtenjungen Segantini Worte zu gebrauchen, schreitet dieser Süddeutsche rastlos weiter in der sicheren Erkenntniß des fernher winkenden Zieles, das keine Rücksicht auf schnöden Beifall Verständnißloser, kein Hinschielen auf führende Tagesgrößen nebelhaft trübt. Dieser selbstsichern Art, der der Lohn eigenartiger Ausdrucksfähigkeit nicht ausblieb, muß man sympathisch gegenüber stehen, selbst wenn auch manches zu unvermittelt schroff mit dem bricht, was landläufige Anschauung von Kunst bisher zu sehen gewohnt war. Doch sagen möge sich der Betrachtende, daß er nicht ein Schulmeister dem Künstler gegenüber steht, dem Verkünder der Schönheit, sondern als Empfangender, dem sich das Werk offenbart, so er seines Vorurtheiles genussschmälernde Thorheit mit seinem Ueberrock im Eingange ablegt. Und wenn des Unwissens nörgelndes Murren ihm aufsteigt, weil er fand, daß der Künstler den Stoff anders formte, wie er sich dachte, ist es heilsam zu erwägen, ob nicht der Gestaltende einen Gemeinplatz mit Bewusstheit mied, weil er neue Schönheit auf beschwerlich aufwärts führendem Pfade in nie erlahmender Begeisterung suchte und fand. Dann wird den Schauenden zunächst das Gefühl der Hochachtung vor solcher künstlerischer Mannhaftigkeit mählich in Besitz nehmen und bei weiterer aufmerksamer Betrachtung die Werthschätzung, die jene Wenigen verdienen, die mit Muth eigene Wege wandeln, deren Erkenntniß in hartem Kampfe mühevoll errungen wurde.

Wie viele Zweifel den Künstler bei Konzipiren marternd quälen, wie viele zeitraubende Studien und Versuche nöthig, bevor das fertige Kunstwerk vor dem Beschauer steht, sieht man den Werken nicht an. Aber die Besucher der Ausstellungen sollten in gerechter Beurtheilung künstlerischer Arbeit solches bedenken. Dann wird ihnen auch vielleicht zum Bewusstsein kommen, weshalb der Künstler gerade diese Stellung bevorzugte, welche Absicht die sorgsam wählende hand bei jener Farbe leitete, und der Weg zur Künstlerschaft im Sinne des Bildenden, aber im Sinne des nachschaffend Genießenden, dessen Mitfühlen Schlüssel wird der nun weniger befremdlich wirkenden Schönheit.

Schad ist ein starker dekorativer Künstler, dieses aber in des Wortes bester Bedeutung. Noch spukt in manchen Köpfen der wirre Wahn, dekorativ sein heiße ein Hinpatzen mit den brave Unkundige verblüffenden Mätzchen des genialen "flotten" Striches. Aber bald wird dieser kindliche Glaube nur noch seine Jünger finden unter den "Spezialisten" des Malergewerbes, die unsere Hausflure verunzieren. Dekorativ im besten Sinne ist jede gute Kunst. Dekorativ im besten Sinne ist die Kunst der alten Italiener, die unseres Dürers, die Böcklins. Das Wort "dekorativ" brachten die Tapezierkunststücke jener in Misskredit, die der parvenüstischen Wohlhabenheit im letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts aus der Trödelstube alter Kultur die Ausstattungen zusammensuchten. Dieser üble Sinn soll jetzt der alten, guten Bedeutung wieder weichen, soll verdienter Weise zum alten Eisen geworfen werden, und hier ist ein Künstler, der dazu wacker hilft.

Schad ist ein starker und feiner Stilist. Das Jahrhundert der Naturwissenschaften nennt man das verflossene. Auch die Künstler wurden Naturwissenschaftler. Die unbedingte Treue der Kamera war ihr Ziel, genaues Abmalen das Erstrebenswertheste. Freier wurde die Wissenschaft, während die Kunst sich wissenschaftlich fesselte. Mancher Maler war stolz darauf, ein tüchtiger Anatom zu gelten, während er in Wahrheit ein schlechter Künstler war. Der Umschwung blieb nicht aus. Man machte sich frei von dem Abhängigkeitsgefühl gegen die Natur von dem sklavischen Abschreiben. Man wurde vom Nachbildner Schöpfer. Allerdings benebelte das Wort vom "überwundenen Naturalismus" manchen Unreifen. Die Frucht der ersten Phase war ein solides Können in technischer Hinsicht. Es erschienen "Kunstgigerl", die sich genial mit ihrem Mangel an Naturstudium geberdeten, denen man aber in der Nähe schon ansah, welche rein äußerlichen Macher sie waren. Nur strenge Selbstzucht konnte diese Freiheit segensreich für das Schaffen machen, konnte bei allem bewussten Gegensatz zur Natur viel mehr natürliches Leben in den Stoff bannen, als die in blinder Abhängigkeit sich mühende Unpersönlichkeit. Nicht das Nichtkönnen im naturalistischen Sinne gab den Arbeiten alter Meister ihren Stil, sondern die Persönlichkeit der Anschauung ihres Schöpfers. Und diese Persönlichkeit der künstlerischen Anschauung wuchs sich ohne gewaltsames Zuthun bei Schad zu jener stilistischen Art aus, die seine Werke so angenehm von der Unzahl unpersönlicher, temperamentloser Arbeiten scheidet.

Fünf große Bilder bilden den Hauptbestand der Sammlung. Ausgehend von der zeitlichen Entstehung, ist zuerst die dreigetheilte Tafel zu nennen, der man den Titel gab: Belauscht. Ein Schrat beobachtet ein Weib, das im stillen Waldwasser die blendenden Glieder kühlen will. Das Gierige des faunischen Waldgeistes drückt der thierisch vorgestreckte , geduckte Leib, die harmlose, sich unbeobachtet glaubende Sorglosigkeit der weibliche Akt überzeugend aus. Die Poesie des lauschigen Waldwinkels ergänzen diese Wesen, oder vielmehr, sie stellen sie dar, sind wie im Mythos die personifizierten naturwunder.

In dem "Menschenpaar" erklingt der Hymnus der Liebe. Das wonnetrunkene Beben zweier leidenschaftlicher Seelen, die heiße Sehnsucht treibt, sich ineinander zu drängen, zuckt in diesen Leibern. Dem Laubwerk der Bäume vermählt sich die glühende Spätsonne des heißen Sommertages, in dem alles lebendig zur Fruchtbarkeit drängt. Dieses Bild ist sinnlich und keusch zugleich. Sinnlich, wie alle lebenswarme Kunst sinnlich sein muß, keusch im Sinne der schönheitstrunkenen Antike, wo noch kein "von zitternden Asiaten ersonnener Rachegott" dreuend dem heftigen Verlangen nach Schönheit das finstere Antlitz zeigte. Der Rahmen scheint ursprünglich nicht für dieses Bild bestimmt zu sein, wenn er auch die senkrechte Feierlichkeit der Figuren in seiner tektonischen Gliederung wiederholt. So ernst und erhaben wie ägyptische Architektur wirkt er in seiner Straffheit der Linien, die nur das im Vergleich zur Architektur naturalistisch zu nennende Ornament stört. Auch der kahlköpfige Geier, der im oberen Theile mit abwärts gerichtetem Schnabel wie ein feindliches Geschick schwebt, hätte herberer Formen bedurft, um im ganzen ohne Rest aufzugehen.

Von der Unberührtheit der ersten Schöpfungstage, des heitersten Kapitel der Genesis, breitet sich etwas aus über dem weiten Flußthal im "Garten Eden", auf dessen Herrlichkeit das sinnende Auge der beiden im Vordergrunde hingekauerten Gestalten ruht. Leuchtender als in der Wirklichkeit sind hier die Farben, deren koloristische Werthe souveränes Künstlerthum in freier Weise sinfonisch gestaltete. Dürre Worte sind zu unbiegsam, zu wenig geschmeidig und erschöpfend ist die Sprache, dem seinen weiblichen Akte adäquate Ausdrücke zu finden, dem ebenso feinen Sinne für den Rhythmus der Bewegungen beizukommen.

Im "Scherzo" und im "Reigen" tritt das überraschende Verständniß für das Ausdrucksvolle der Linie für die Musik der Körperfunktionen noch ausdrucksvoller hervor. Im "Scherzo" ist alles Leben, alles Bewegung, selbst die Landschaft scheint nur vorhanden, den lebendigen Eindruck wirkungsvoll zu verstärken. Auf der Tafel "Heilige Blumen" herrscht handlungslose Ruhe, tönt dämmernder Wald der Wunschlosigkeit sanfte Melodien. Hier wie im Menschenpaar steigert der Rahmen die Wirkung zu sakraler Art, wenn auch hier die dunklen Bäume auf den Säulen in stilistischer Hinsicht nicht ganz einwandfrei sind.

Ausgeprägter plastischer Sinn treibt Schad, schon in seinen Bildern durch Unterlegen der Körper in Modellirmasse die Wirkung zu steigern. In der dimensional kleinen Arbeit: "Ihr werdet sein wie Gott" zeitigt dieser Drang seine größte Wirkung und feiert im Verein mit dem feinen Kolorismus, dem schön gestalteten Rahmen Triumphe, die rückhaltlose Bewunderung erzwingen.

Die räumliche Tiefe, die schön bewegten Laubmassen wie im Garten Eden finden wir wieder im "Verlorenen Paradiese". Auch hier ist die Wirklichkeit nicht mit dem kalten Auge des Kopisten betrachtet, sondern mit dem liebend umfassenden des Künstlers, der zur Palette greift, nicht um gewissenhaft Natureindrücke zu registrieren, sondern um Stimmung hervorzurufen, dem selbst der Rahmen wichtig genug erscheint zum Mitklingen in der großen Sinfonie von Linie und Farbe.

Den reichen Ueberblick des Künstlerthumes Schads verstärken noch die kleineren, meist schon verkauften Naturstudien, bekundend, wie zahlreiche Ausdrucksweisen dem Künstler zu Gebote stehen für die stets wechselnden Eindrücke der Außenwelt.

Wenn von den großen Werken eines für unser Museum gekauft werden würde! – Thörichter Wunsch! –

 

 

Hannoverscher Anzeiger, 16.11.1902

 

Hannoverscher Kunstsalon

 

Paul Schad-Rossa

 

Paul Schad-Rossa – Graz hat im Salon eine Reihe von Studien und Gemälden ausgestellt, über welche ein Theil der hiesigen Presse in Verzückung geräth. Ohne Frage eine markante Persönlichkeit, ein hervorragendes Talent, vereinigt Schad in sich eine Reihe von Vorzügen und Fehlern, die zugleich fesseln und abstoßen. Aus all seinen Werken spricht etwas so gewollt Originelles, gewaltsam Bizarres, gesucht Absichtliches, daß jede in künstlerischen Dingen halbwegs feinfühlige Natur im ersten Moment vor diesen sammt und sonders in ungesunden, schmutzig graugrünen und violetten Tönen gehaltenen Bildern sich peinlich berührt, ja abgestoßen fühlen muß: erst allmählich wirkt die Schönheit der Zeichnung, die scharfe Beobachtung und geschickte Mache, man kommt zur Besinnung, hier, trotz des ersten, befremdenden Eindrucks, einer über das Mittelmaß ragenden künstlerischen Erscheinung von Temperament, starkem Wollen und in gewisser Hinsicht bedeutendem Können gegenüberzustehen. Gewiss, große Künstler, Genies, gehen ihren einsamen, meist unverstandenen Weg, und wohl ist es dann Ehrenpflicht der Presse, falls ihre Vertreter überhaupt dazu im Stande sind, jenen Großen zu folgen, ihnen Bahn und Licht zu schaffen zum Ärger des Philisteriums und lieben Salonpöbels, welche Gattungen ungebührliches Abweichen und Ausnahmen vom gewohnten lieben Schlendrian nun einmal nicht vertragen können.

 

Aber Herr Schad ist nur ein allerdings beachtenswerthes Talent, mäßiger Maler, vielleicht Bildhauer, aber kein Genie; er kann aus vollster Ueberzeugung rufen: Gott schütze mich vor meinen Freunden! Denn besagte Freunde und Anhänger in hiesiger Stadt erweisen ihrem Messias sowie dem Publikum mit Lobhudeleien, die an Geschmacklosigkeit alles hier Gewohnte und Erlebte hinter sich lassen, wahrlich keinen Dienst. Ein die Form beherrschender Zeichner, unmöglicher Kolorist, ein Künstler, der es nicht verschmäht, sich in Bizarrerien und Künsteleien zu ergehen, die mit seinem sonstigen Ernst – und Schad will sehr ernst genommen sein – durchaus unvereinbar sind, ist Schad bei aller Begabung durch und durch Manierist, will originell sein, uns neue Wege zeigen, verliert den Boden unter den Füßen und geräth auf schlimmste Abwege. Man beobachte jene an sich gut gezeichneten Akte, welche wahrscheinlich auf Modellirmasse gemalt, reliefartig herausgearbeitet, das Bild und Kunstwerk zur Künstelei herabdrücken. Um den Eindruck vollends unerquicklich zu gestalten, sind diese fahlen, grünen violett schildernden Bilder in Rahmen gespannt, für welche die Bezeichnung "barbarisch" eine höfliche ist. In dürftiger Symbolik, plumper, gesucht roher Ausführung, könnten diese Monstrositäten direkt von den Fidschiinseln importiert sein. Nein, derartiger Scherze sind eines Künstlers – und Künstler ist Schad trotz alledem bis in die Fingerspitzen – unwürdig, absurd, lächerlich, und wenn gelegentlich der Besprechung eines Schadschen Bildes der geschmackvolle Passus irgendwo zu lesen stand: "auf der Tafel "heilige Blumen" herrscht handlungslose Ruhe, tönt dämmernder Wald der Wunschlosigkeit sanfte Melodien. Hier wie im Menschenpaar steigert der Rahmen die Wirkung zu sakraler Art" – muß ich redlich bekennen, daß Bild und Rahmen dieselbe Wirkung auf mich hervorbringen, wie die harmlos ungesuchte Komik jener Worte.

Wäre Schad mit nur wenigen, auserlesenen Werken erschienen, würde das den Eindruck der bis zur Unerträglichkeit gesteigerten, immer wiederkehrenden koloristischen Manier, erheblich gemildert und die Erkenntniß seiner Künstlerschaft sicher erleichtert haben. Schad ist zweifellos einer jener Maler, deren ideales Streben, ernstes und bewusstes Wollen, trotz aller Fehler und Untugenden, Respekt und Beachtung geradezu erzwingt, aber nochmals, ein Genie ist er nicht und ihn vollends zum Messias der deutschen Malerei auszurufen blieb einem Theil der hiesigen Presse vorbehalten, nur der hiesigen, und das ist gut für ihn.

Heilige Stille um mich her: einige Jünglinge, das Denkerhaupt tief in die sezessionistische Kravatte vergraben, stieren, in die Sessel versenkt, wie verzückt auf die Bilder. Ab und zu steigt dumpfes Gemurmel aus der Binde, Ausdrücke gluthvollster Begeisterung ; dann wieder drückendes Schweigen. Mir wird bänglich. Im Nebensaal winken Porträts und Jagdbilder in gleißenden Rahmen, aber nein, in mir "tönen der Wunschlosigkeit sanfte Melodien" und ich entfliehe.

 

Christian



Linzer Volksblatt, 22.3.1903

 

Die diesjährige Frühlings-Kunst-Ausstellung auf der Promenade

 

Der löbl. Kunstverein hat vollkommen recht getan, daß er der oberösterr. Bevölkerung, welche nicht nach Wien reisen kann, um die vielgenannten Sezessionsbilder kennen zu lernen, Gelegenheit gaben, dieselben hier in Linz wohlgemut genießen zu können.

  

Es sind 29 Objekte, die ausgesprochen der Sezession angehören, und beiläufig ebensoviel von konservativen Malern ausgestellt. Was die große Menge Kunstliebender zu den paradoxen, modern gewordenen Kunstproduktionen des Künstlers Schad Rossa sagen wird, entzieht sich noch unserer Beurteilung; unter den Bildern des genannten Malers befinden sich einige sowohl figurale, wie landschaftliche Motive, welche durch das subjektive Auffassungsvermögen in der Darstellung eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. So z.B. das Bild Nr. 56, "Belauscht", gehört durch die originelle Komposition und die malerisch dekorative Ausstattung der architektonischen Einrahmung zu den besseren in dieser Gesellschaft. Daran reiht sich unbedingt an, eine Pastellzeichnung "Faun und Nymphe", gleich gut durch die Darstellung und Vergegenwärtigung des Gegenstandes.

Jedoch was die Hauptfaktoren der Kunst, Farbe und Form, anbelangt, so kränkeln sie alle an Verzeichnungen, wie Nr. 47 "Paradies-Landschaft", welche mit einem Selbstbewusstsein monogrammiert ist. Unter einem Paradiesbild stellt man sich eine Landschaft in mannigfaltigster Urgestaltung der Bäume, Hügel und Täler vor, wie wir es seinerzeit von dem Novara-Reisenden Maler Szeleny und dem Geologen Hofrat Hofstätter gesehen und bewundert haben. Ein großer Fleck Leinwand mit schlecht gezeichneten Baumkronen, und sonst nichts – genügt nicht, um sagen zu können, seht, das ist eine Paradies-Landschaft.

Unter den mit Rohrfedern gezeichneten Landschaften desselben Meisters befinden sich einige recht hübsch bravourmäßig dargestellte Objekte, darunter eine mit Farben kolorierte Landschaft, Nr. 46, "Die Straße".

Es wirkt von der Distanze gesehen ganz vorzüglich. Diese, sowie die anderen, sind aber mehr geschrieben, wie gezeichnet. Sie haben einen schwungvollen Charakter, was in der Natur selbst nicht vorkommt – das sind gefällig modern gewordene Manieren. Unter den Bildern der konservativen Maler finden wir [...] 

 

(Linzer) Tagespost, 22.3.1903

 

Frühjahrsausstellung des Oberösterreichischen Kunstvereins im Landhauspavillon auf der Promenade

 

[...]

Auch Paul Schad-Rossa, der auf der gegenwärtigen Frühjahrsausstellung des Kunstvereins durch zwanzig Bilder vertreten ist, fand keinen anderen Ausweg für die Darstellung der nackten menschlichen Figur als wie die Schöpfungsgeschichte. Fast den ganzen Saal nehmen die Arbeiten dieses hochmodernen Künstlers ein, dessen Auffassung, Farbengebung und technische Darstellung höchst originell, dessen Zeichnung nicht immer einwandfrei ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Schad-Rossa eine bedeutende künstlerische Individualität ist, ein durchaus selbstständiger Charakter, dessen Schöpfungen den Stempel der Unmittelbarkeit tragen. Seine Arbeiten sind für uns ebenso lehrreich wie interessant, sie repräsentieren ein gutes Stück der modernen Kunst jener impressionistisch-symbolistischen Richtung, die ebenso viele Feinde wie Anhänger findet. Es ist bedauerlich, daß Schad-Rossa die Zeichnung nicht strenger nimmt; wenn eine nackte Figur allein durch ihre Schönheit wirken soll, so muß sie zuvörderst in den Proportionen richtig sein, diese sind fast wichtiger als wie die Farbe. Die meisten Menschen, auch solche, die sich mit der Kunst nur sehr wenig befassen, haben einen sehr richtigen Blick für die menschlichen Größenverhältnisse; ein zu schwacher Arm, eine zu kleine Hand, eine über das erlaubte Maß hinausgestreckter Leib, fallen selbst den Laien auf, das Urteil über ein solches Bild ist dann zumeist ein sehr hartes. Selbst Farbendissonanzen, die in der Regel sehr kräftig auf unsere Nerven wirken, vermögen einen recht ernstlichen Zeichenfehler nicht zu übertönen; immer wieder wird unser Auge nach der zu klein geratenen Hand oder nach den übermäßig langen Füßen gezogen; einmal auf der Suche nach Fehlern, finden wir solche auch dort, wo vielleicht gar keine zu finden sind.

Es ist nicht die Aufgabe der Kritik, ein Kunstwerk zu zerblättern, wie ein Detektiv nach Fehlern zu suchen, und wenn ein solcher glücklich gefunden ist, ihn jubelnd der Welt zu verkünden. Schad-Rossas Gemälde haben unleugbar große Vorzüge, sie wirken verblüffend – aber sie erheben nicht. Die Verbindung von Relief und Malerei ist nun einmal keine glückliche; in der Kunstindustrie läßt man sich das gern gefallen, der Rahmen am Paravent ist ein glänzendes Beispiel dafür, - in der Kunst, die keinerlei dekorative Zwecke verfolgen soll und darf, die lediglich Selbstzweck hat, ist das nicht am Platze. Die Reliefperspektive ist eine ganz andere, als wie die der Malerei, sie beruht auf völlig anderen Prinzipien, ist daher für Gemälde absolut nicht zu gebrauchen. In dem Bilde "Belauscht" wirkt das Größenverhältnis der Figuren, welches durch das Relief bedingt ist, geradezu störend: das badende Mädchen ist ein Püppchen und der sie belauschende Jüngling ein Riese.

Als Landschafter ist uns Schad-Rossa fast lieber als wie als Historienmaler, seine Federzeichnungen haben einen Strich, der an Rubens erinnert, seine Landschaften eine Kraft und Tiefe, die man sonst nur an Freskobildern findet. Allerdings sind letztere von einer gewissen Maniriertheit nicht ganz frei zu sprechen, er stilisiert gern, er fasst nicht die Einzelheiten, nein, er fasst gleich den ganzen Gegenstand zusammen, er gibt uns immer geschlossene Bilder, die in ihrer festen Umgrenzung sich noch am ehesten mit Mosaiken vergleichen lassen.

Neben Schad-Rossa haben die anderen Künstler, die unsere Frühjahrsausstellung beschickten, einen schweren Stand. [...]

 

Lychdorff

 

(Linzer) Tagespost, 5.4.1903

 

Frühlingsausstellung des o-ö. Kunstvereins im Landhauspavillon auf der Promenade

 

(zweite Serie)

 

Im Landhaus-Pavillon hat ein Wechsel der bisher ausgestellten Gemälde stattgefunden. Schad-Rossas große Bilder sind nach einer anderen Stadt abgegangen, die übrigen Gemälde, soweit selbe nicht Käufer gefunden haben, sind bescheiden in den Hintergrund getreten und begnügen sich mit den weniger gut beleuchteten Plätzen; für die neu angekommenen Gäste ist hinlänglich Raum geschaffen worden.

[...]

 

Lychdorff

 

Linzer Volksblatt, 5.4.1903 

 

Frühlings-Ausstellung des o-ö. Kunstvereins

 

II. Serie

[...] Dumpf und düster schaut "Das verlorene Paradies" von Paul Schad Rossa, Graz, auf einen hernieder. Eine Minaralfarbenzeichnung, schwer und massig aufgetragen, der ich ebenso wenig wie den zwei anderen Bildern Rossas "Am Hang" und "Die Straße", auf welch letzterem er auch kurios gestaltete blaue Tannenbäume produziert, nicht besonders Geschmack abgewinnen kann. Zu seinem erstgenannten Bilde hat Rossa auch einen Rahmen geschnitzt, zwei nackte, menschliche Figuren mit Schlangen unter den Füßen, wahrscheinlich Adam und Eva, die wegen des Verlustes des Paradieses wirklich kopflos geworden zu sein scheinen; mein unkünstlerisches Auge konnte lange die beiden Häupter nicht entdecken, ich ahnte nur, daß sie wohl auch an der Stelle seien, wo gewöhnliche Sterbliche sie zu tragen pflegen. [...] 

 

Linzer Volksblatt, 7.4.1903

 

Frühlings-Ausstellung des o-ö. Kunstvereins

 

III. Serie (Schluß)

[...]

Malt Paul Schad Rossa, Graz, blaue Tannenbäume, warum sollte er denn nicht auch eine grünliche Jungfrau mit grünlichen Lilien zeichnen? Und in der richtigen Konsequenz hat er es auch wirklich getan. Die Jungfrau ist aber darob so betrübt, daß sie ganz tiefsinnig wurde – auch so ein Stück "Verlorenes Paradies". [...]

 

Grazer Tagblatt, 8.5.1903

 

Kunstausstellung

(Frühjahrsausstellung 1903 des Steiermärkischen Kunstvereines.)

 

II.

 

[...]

Nicht nur räumlich, sondern auch an innerer Bedeutung das größte Bild ist wohl Paul Schad-Rossas "Fronleichnam". Der Künstler bezeichnet es nur als Freilichtstudie und spricht ihm damit die Eigenschaft eines geschlossenen Bildwerkes ab. Es ist eine alte Erfahrung, daß jeder richtige Künstler sich in fortwährender Entwicklung befindet und das Interesse für abgetane Arbeiten verliert. Wir haben also den Standpunkt Schads zu ehren, welcher nur die stilisierten, freien Kompositionen seiner jetzigen Periode (mit welchen er nicht nur in Graz, sondern kürzlich auch in Wien, Dresden, Hannover und Linz große Erfolge errungen hat) als Bilder betrachtet wissen will. Man kann aber andererseits auch jenen Beschauern nicht wehren, welche die getreue Wirklichkeitsdarstellung jeder Stilisierung vorziehen, ja es liegt sogar im Bereiche der Möglichkeit, daß die Generation, welche nach Ablauf der gegenwärtigen Kunstperiode zurückblicken wird, ein ähnliches Urteil fällen werde, gerade so wie wir heute die Bildnisse und Studien von David und Ingres ihren vor hundert Jahren hochberühmten Historienbildern vorziehen; denn nicht nur die Kunst, auch der Geschmack entwickeln sich in Aktionen und Reaktionen. Hier mag also jeder die Freiheit seiner Neigung haben; jedem gerecht Denkenden aber hat Schad mit der Ausstellung dieses 1890 gemalten Bildes bewiesen, daß seine Stilisierung nicht auf einer verzichtenden Flucht vor der Natur, sondern auf ihrer bewußten Überwindung beruht. Mögen seine Schüler und Bewunderer sich hieran ein Beispiel nehmen und nicht stilisieren, ehe sie die Natur nicht durchaus beherrschen, sonst werden sie eines Tages als heillose Manieristen dastehen. - Was Schads "Fronleichnam" auch mir über die Studie hinaus zum wirklichen Bilde erhebt, ist neben der bei allem Detail festgehaltenen Gesamtstimmung auch die stark wirkende Komposition (Aufbau und Raumteilung), welche sich allerdings mit gewohnten Regeln nicht ausdrücken läßt. Ich sehe sie in der bewegten Linie, welche in jedem Weg, Fluß und Hügel liegt, wenn sie nicht vom Ingenieur abgezirkelt und liniert, sondern durch freies Spiel der Kräfte unabsichtlich geworden sind; hier zeigt sich diese Bewegung in dem Menschenzuge, der sich aus dem Dorfe schlängelt und nun aufs Zeichen des Priesters in die Knie gesunken ist. Diese Linie scheint mir das Auge des Beschauers zu zwingen und die vielen einzelnen Figuren und Gruppen zu einer höheren Einheit zusammenzuschließen. [...]

Dr. v. Drasenovich

Wiener Abendpost (Beilage der Wiener Zeitung), 25.5.1903

 

Von Grazer Kunst-Ausstellungen

 

Man ist in Wien, wie vielleicht in jeder Weltstadt, ein wenig mißtrauisch gegen die Provinzkunst, und wenn man an Graz denkt, fällt einem zuallererst der schöne Stadtpark ein und der Schloß- und Rosen- und Ruckerlberg, die sich zu Terrainkuren so gut eignen. Mancher eilige Großstädter, der zwischen zwei Zügen die anmutige Max-Stadt "mitnimmt", meint hier lebe man vorwiegend seiner Gesundheit - mit dem blauen Bogen in der Brusttasche; es überkommt ihn die still-verzichtende Stimmung einer Novelle von Saar.

Aber auch wer das nicht unbeträchtliche geistige Leben und Streben von Graz kennt und würdigt, seine Hochschulen, seine regsamen Bühnen, seinen verhältnismäßig großen Anteil an deutscher Musik und Literatur, wird mit Verwunderung hören, daß es seit einigen Jahren den Ehrgeiz hat, auch in der bildenden Kunst etwas zu bedeuten. Die Vorbedingungen hierfür sind nicht eben günstige. Für ein Maldorf wie Dachau oder Worpswede ist Graz zu groß, als Kunststadt ist es vielleicht zu klein und zu arm an einheimischen und durchreisenden Mäcenen. Aber an Begabungen ist die steiermärkische Kunst allerdings reich - nur darf man den Begriff ebensowenig wie etwa den der Münchener Kunst lediglich auf Grund des Geburtsscheines abgrenzen.

Der Steiermärkische Kunstverein, welcher umfassende Vorbereitungen für die seltene Feier seiner hundertsten Ausstellung trifft, die er nächsten Herbst eröffnet, hat während der letzten Jahre für Graz - in entsprechend verjüngtem Maßstabe natürlich - dieselbe Funktion übernommen, welche die "Vereinigung" für Wien erfüllte: er zeigte das Beste und Feinste an auswärtiger Kunst , was ihm zugänglich war, in zusammengehörigen Gruppen und entsprechend abgestimmter Umgebung. Vielleicht ist sein künstlerischer Wille, der vielfach durch die verfügbaren Mittel beschränkt war, nicht ganz ohne Einfluß geblieben auf die Entwicklung der hiesigen Künstlerschaft, der er dazwischen, soweit sie bei ihm ausstellen wollte, Gelegenheit gab, ihre eigenen Arbeiten vorzuführen. In der gegenwärtigen Ausstellung im Landesmuseum  bringt er einen schönen Saal mit wertvollen Arbeiten der Münchener "Scholle" und eine gegen anderthalbhundert Nummern zählende Abteilung "Heimische Kunst".

Die anheimelnde Kunst der "Scholle" ist uns aus der "Jugend" bekannt. [...]

Die Abteilung "Heimische Kunst" enthält viel Schülerhaftes und Unreifes. Ein paar gesunde Talente, vorwiegend dem "Grazer Künstlerbund" angehörig, treten immerhin hervor: Konrad von Supanchich, der sich vielseitig in Öl, Pastell, Kohle, auf dem Gebiet des Porträts, der Landschaft ("Im Moor", "Wintertag") und der Marine betätigt. Leichter und graziöser als der im Bildnis stärkere Pauluzzi, der mit ehrlicher Eigenart den Charakter erfaßt und mit derbem Pinselstrich festhält, wird er mehr durch den Zufall seines Vorwurfs, als durch die feste Richtung seines künstlerischen Willens bestimmt, weshalb ein volles Gelingen zwar nicht selten, aber doch auch mit Zuverlässigkeit sich einstellt; eine Erscheinung, die fast in der gesamten "heimischen" Kunst, nicht bloß dieser Gruppe, zu beobachten ist. Kräftige Förderung würde manche Begabnung unerwartet schön entfalten. Es wird in deutsch-österreichischen Provinzländern unter schweren Bedingungen gearbeitet. Wie könnte unter günstigerer Sonne die kecke, frische Sicherheit eines Béla Konrad sich entwickeln! Wie versteht er es, in seinen aquarellierten Offizierstypen, Porträtskizzen und Karikaturen die bezeichnende Bewegung in ihrer gleitenden Flüchtigkeit festzuhalten! Ein künstlerisches Witzblatt großen Stiles könnte sich kein flinkeres Auge, keine geschicktere Hand wünschen. Aber auch seine Landschaft bleibt in der Skizze stecken: tonig zusammengezogene Massen, die durch ihre Lebendigkeit  das Auge zu gutem Willen zwingen. Ausschließlich mit der farbigen Lithographie beschäftigt sich Ludwig Presuhn. Er verwendet sein Material so sachlich und beherrscht es so sicher, daß sein Name guten Klang haben könnte, lebte er in Karlsruhe oder München.

Wurden die genannten Künstler durch den anregenden Einfluß Paul Schads, des geistigen Führers des "Künstlerbundes", mehr oder weniger gefördert, so stehen andere noch allzu sehr unter dem Einflusse seiner scharf umrissenen Persönlichkeit. Bemerkenswert ist, daß dieser starke Könner, dem zum Ruhme leider Maß und künstlerische Besonnenheit fehlen, auch einen Plastiker zu seinen Schülern zählt, Georg Brucks, der durch eine lebensgroße, in Laaser Marmor ausgeführte Grabfigur von fast antiker Zartheit der Linienführung überrascht. Er selbst hat diesmal nur ein einziges (älteres) Werk beigestellt, eine ländliche Fronleichnams-Prozession von riesigen Dimensionen, mit sympathischen Mädchen- und Bauerngestalten, lebenswahr geschaut, ohne jenes entschiedene Zusammenfassen von Linie und Farbe, das heute für ihn, den Stilisten, so bezeichnend ist. Hier erscheint er noch, den meisten Ausstellungsbesuchern zur Genugtuung, als der ins silberne Licht eines bedeckten Sommertages entflohene Schüler Defreggers.

Während der "Gastgarten" und das "Motiv aus Wetzelsdorf" von H. von Lattermann die farbige Impression festhalten, sind die zartfarbigen Landschaften der Baronin Berta von Ecker und Karl Bergers "Märzschnee" ganz auf die Wirkung stiller Tonwerte gestellt. Hier tritt sichtlich der Einfluß Dachaus zu Tage, der durch die Lehrtätigkeit Professor von Schrötters, des Leiters der hiesigen Meisterschule, nach Graz verpflanzt, in der neueren steirischen Kunst nicht selten nachzuweisen ist. Auch in der nach Scherrebeker Art gewebten Teppichen der Damen André und von Baselli tritt er teilweise zu Tage.

Neben dem "Künstlerbund" und der Gruppe Schrötters entfaltet der an Mitgliederzahl stärkere "Verein bildender Künstler Steiermarks" eine emsige Tätigkeit. [...] Wie sehr die steierische Kunstproduktion die Nachfrage übertrifft, zeigt der Umstand, daß in diesem Frühjahr der "Verein bildender Künstler" eine Ausstellungs-Einladung in Brünn nachkommt, während gleichzeitig der Kunstverein mit Werken des "Künstlerbundes" und der "Schrötter-Gruppe" in Laibach debutieren wir. [...]

 

 

(Grazer) Tagespost, 27.9.1903

 

(Grazer Künstlerbund.) Der Obmann Paul Schad-Rossa beabsichtigt zum Abschied noch eine Ausstellung seiner Werke zu veranstalten. Da dieselben bald nach Deutschland gehen müssen, wird die hiesige Ausstellung nur noch eine Woche geöffnet bleiben.

 

Grazer Volksblatt, 8.10.1903

 

Steiermärkischer Kunstverein. Herr Paul Schad-Rossa veranstaltet gegenwärtig eine Kunstausstellung in den Redoutensälen (Theater am Franzensplatz). Der steiermärkische Kunstverein hat, um seinen Mitgliedern möglichst viel zu bieten, mit Herrn Schad die Vereinbarung getroffen, daß die Mitgliederkoupons des Kunstvereins auch für diese Ausstellung als Freikarten gelten. Die eigene (100.) Ausstellung des Kunstvereines, zu der die Mitgliederkoupons gleichfalls freien Zutritt (auch zur Eröffnungsfeierlichkeit) gewähren, dürfte in etwa acht tagen eröffnet werden.

Grazer Tagblatt, 15.10.1903

 

Schad-Ausstellung. Da dieselbe erst Ende dieses Monats Graz zu verlassen hat, bleiben die Redoutensäle noch eine weitere Woche von 9 bis 5 Uhr geöffnet.

Grazer Morgenpost, 15.10.1903

 

Schad-Rossa - Ausstellung

 

Duobus certantibus tertius gaudet! Übersetzen wir das antike Sprichwort ins Grazerische, so lautet die allerdings etwas freie Übertragung: Wenn sich Tradition und Sezession zanken, gibt es statt e i n e r Ausstellung zwei oder drei, und die Freunde der Kunst können sich dazu vom Herzen gratulieren, denn beide sind in ihrer Art vorzüglich. Dem Banner der Sezession sind bisher alle jene zugeströmt, die an das "Ver sacrum" der Kunst geglaubt haben, alle, die unter ihrem Panier für die junge Moderne kämpfen wollten; die Großen und die Kleinen strebten mit ungleichem Können demselben Ziele entgegen und derselbe Geist beseelte sie, er atmet in den lauschigen Waldwinkeln, wo es sich so gut plaudert, er färbt den Katalogverkäuferinnnen die Haare und lehrt sie die müden und die feierlichen Gesten. Auf diese schöne Einheitlichkeit hat aber die Tradition schlechthin Verzicht leisten müssen, ihre Ausstellung bleibt eine offizeille Veranstaltung und mit dem Begriff offiziell ist in der Kunst - man weiß eigentlich nicht recht, warum - stets der Begriff Überlieferung eng verbunden gewesen.

So hat denn auch unser guter Meister der Sezession, Professor Paul Schad-Rossa, diesmal seine wertvollen Arbeiten für sich allein in den Redoutensälen am Franzensplatz zusammengetragen, um, wie es scheint, der traditioneller Kunst gegenüber, die sich im alten Hause über die Gasse drüben ein vorteilhafteres Heim gewählt hat, einen tüchtigen Vorstoß zu gewinnen. Es gelingt ihm auch.

55 Kunstwerke des Meisters sind hier ausgestellt, denen etliche treffliche Arbeiten seiner Jünger, Bela Konrad, Mikschowsky, Presuhn, Margarete Supprian und des herrlichen Konrad von Supanchich, als Folie dienen. Schad-Rossa ist eine eiserne Kraft, ein Künstler von seltener Begabung, reicher, kühner Phantasie, vielseitigem Wissen und unermüdlichem Fleiße. Seine Ausdrucksweise ist ebenso apart wie bestechend, sie bleibt aber nur s e i n Stil, der in Manierismus ausartet, meine ich, sobald ihm nachzuahmen versucht wird und dabei Charakter und Talent des Kunstjüngers anders geartet sind. Ein moderner Romantiker. So sehen sie im Zeitalter der Hypnose aus. Die Jungen haben ihn ja auf den Händen getragen und in München bei herzlichem Gelage gefeiert. Man konnte ihn da fragen, was er sich bei diesem und jenem Werke gedacht, was das symbolische Dritte daran sei, wo die Gedankenmalerei hinauswolle oder wo das suchende Experiment einzudringen suche, und er hat für alle Fragen eine Antwort gewußt.

Man darf eben an dem Pariadzyklus nicht gedankenlos vorübereilen. Das sind keine Blätter, die nur für den Augenblick interessieren, die das oder jenes religiöse Gefühl in uns auslösen, wie etwa Führichs oder Overbecks fromme Malereien, der Geist Klingers und Khnopffs spricht aus ihnen. Schad schafft sich da seine eigene Welt und geht in ihr spazieren, er träumt selig in biblische Landschaften zurück und versucht hier psychologische Probleme künstlerisch zu lösen. Was anders will sonst seine "Todessinfonie" (53), "Wonne" (55), "Berge der Sehnsucht" (13), Mysterium der Liebe (35), "Ihr werdet sein wie Gott!" (26), "Die Verfluchten" (15), und das düstere Bild "Erlösung!" (20).

Die Leute stehen ab und zu ratlos vor diesen Gemälden, in denen vielleicht zu viel Literatur steckt. Der Kultus der Nacktheit wird Schad-Rossa übelgenommen. Aber vor dem echten Ebenbilde Gottes, das doch unbekleidet auf Erden erschien, brauchten wir ja keinen heiligen Abscheu empfinden! Es gibt aber Leute, die eine Gänsehaut überläuft beim Anblick einer gemalten Menschenhaut. Die Erscheinung ist nichts weniger als neu. Vor etwa dreiundeinhalb Jahrhunderten ging's Michelangelo mit dem "Jüngsten Gerichte" gerade so. Allerdings hält Schad diesen Vergleich nicht aus. Um aber die Wahrheiten des Schöpfungsberichtes darzustellen, muß dem Künstler auch die Wahl des archäologischen und historischen Beiwerkes freistehen. Schad kennt bei seinen Paradiesgestalten nicht den Frohsinn und die Glückseligkeit des Quatrocento. Ernst, ja düster ist das Kolorit und ebenso düster sind die Stimmungen. Die Menschen haben ihre Herzensruhe verloren, Kummer nagt an ihrer Seele, Verzweiflung wandelt sie an. ("Die Verfluchten", 15), "Kain" (9) ist durch und durch der Unglücksmensch des Lord Byron. Wir haben im Herbst 1901 denselben Vorwurf in Extempora gesehen. "Eva" (21 und 24) ist das gefallene Weib, sie hat mit dem Eden ihre Jugend und ihre Herzensfreude eingebüßt. Sie beseligt nicht die goldene Hoffnung, sie tröstet auch nicht das Engelswort und irdische Liebe kann ihr keinen Ersatz bieten. Solch glückstrahlende Gesichtchen, wie die ersten Eltern bei Lipi, Correggio u.a. zur Schau tragen, kennt Schad nicht. Seine Paradiesmenschen haben zumeist weniger edle Gesichtstypen und das gleiche düstere Kolorit paßt trefflich hiezu. Er erinnert uns da an Max Klinger, der die griechischen Götter, in denen wir die höchsten Ideale menschlicher Schönheit zu verehren gewohnt sind, so wenig schön gibt. Dieser wollte eben nicht die Götter Homers, sondern die verfallenen Götter des dekadenten Rom charakterisieren. Weniger glücklich finden wir in Schads Gemälden die Übersättigung des Kolorits durch Lapistöne. Blau ist in seinen Farben das Lieblingsgewürz. Diese unirdischen, geisterhaften Töne des Fleisches machen aber die Gestalten zu Wesen, die einer anderen Welt angehören. Bei der "Nymphe" (36) lassen wir es ja gelten, aber in "Jugend" (24), "Ewig heilig" (22), "Der schöne Tag" (11) wirkt es störend.

Schad-Rossa wagt sich mit Glück und Geschick an die Lösung philosophischer Probleme. Diese Art von Gedankenmalerei ist aber nicht immer lohnend. Das Publikum wenigstens bringt ihr nicht das richtige Verständnis entgegen. So wirkt "Todessinfonie" (53) weniger durch eine grausige Handlung - Walther Püttner hat uns seinerzeit ein ähnliches Bild geboten - als durch eine der Wirklichkeit entrückte starke Erfassung und dekorative Darstellung des Todesproblems. Aus dem Untergang entspringt neues Leben. Trefflich ist hier in Farbenton der Kontrast zwischen Sterben und neuem Erwachen gekennzeichnet. Den Ehrenplatz im großen Saale nimmt mit Recht das Triptychon "Dem freien Menschentum" (10) ein. Der Mensch ist zurückgekehrt unter den Baum der Erkenntnis, Erkenntnis fordernd. Das gefallene Paar fühlt sich vor Gott nicht schuldig, hochmütig steht Adam da, weshalb sollte er sich schämen, daß er nackt ist. Das ist die urechte Philosophie Descartes', die auch aus dem tiefsinnigen Gemälde "Erlösung" (20) spricht.

Schad-Rossa betont in seinen nackten Gestalten hier und da gern den lüsternen Zug. Es ist etwas von Tizian dabei. So in "Belauscht" (5), Aktstudie" (1), "Einsamkeiten" (16), "Jugend" (29). Das Prachtbild "Nymphe und Faun" (37), das alle gern besehen, beleuchtet das niedere Triebleben des Menschen vorzüglich. Amor ist bei Schad nicht als Genius der Liebe, sondern als Dämon unbezähmter Leidenschaft aufgefaßt, die abgehärmte Gestalt der Psyche verrät die Leiden der Dienstbarkeit und Verkennung, die ihr an seiner Seite zuteil geworden ist, Venus ist leichtfertig und selbstgefällig, mit sorgloser Eitelkeit ordnet sie ihr goldblondes Haar. So schwindet dem Meister die Keuschheit der Olympischen unter den Händen hinweg, er hat ja auch niemals an diese geglaubt. In seiner Formensprache ist Schad ein Charakteristiker. Alle Schönheit liegt für ihn im Ausdrucksvollen beschlossen. Er bildet die Form zu einem Mittel aus, durch das ein innerlicher Zustand bezeichnet werden kann. Von seinen Gestalten gilt das Milletsche Wort: La beauté c'est l'expression.

Trefflich ist bei Schad die Wahl landschaftlicher Vorwürfe. In den Dolomiten, in Tirol und Bayern findet er sein Paradies und seinen griechischen Göttergarten. "Der schöne Tag" (11) behandelt reizende Motive aus den Padonbergen, "Erlösung" (20), "Der Weg des Grauens" (12), "Einsamkeiten" (16) sind gut geschaute Ausschnitte aus der Sella und dem Fassatale. Freundlichere Tinten sollten indes über diesen Tälern schimmern, nicht überall ein so düsteres Firmamant, so eine traurige Luft- und Lichtperspektive! Nur selten rafft sich Schad zu heiteren Tönen auf. Das gelingt ihm in den steirischen Landschaften: "Im Grünen" (28), "Hütte im Graben" (14) und in den gelungenen Tiroler Bildern "Schönau" (43-47). Den "Tinninger See" (52) sahen wir bereits vor Jahren in einem Kreidepastell, wie "Gefilde im Paradies" (45) als fixierte Mineral-Farbenzeichnung. Manche dieser Landschaftsbilder gemahnen durch die stark gesättigten Farben und die geschickten Konturen an Dantesche Miniaturen, was den Kunstwerken nur zugute kommt. ("Sommertag" 17; "Höhenmoos" 25; "Erlösung" 20). Starke Lichteffekte liebt Schad überaus. "Wir sind so empfindsam geworden", schrieb er einmal, "daß wir glauben, die Lichtwellen auf einen Gegenstand aufprallen zu sehen, bald wie Regentropfen, bald wie der reißende Strom, so empfindsam, daß wir meinen, die Gemütsverfassung eines anderen schon, ich möchte sagen, in einer seiner Rockfalten, zu erkennen."

An den Meister reihen sich dann in den zwei angrenzenden kleinen Sälen einige Arbeiten seiner Schüler. Bela Konrad bringt zwei vorzügliche Porträts (58 und 59). "Ein Ende" (56) ist so düster wie seines Meisters "Der Weg des Grauens" (12). Ungünstig beleuchtet ist sein sinniges "Draußen rauscht der Strom der Zeit" (57). Ja, glücklich die Zeit im Leben des Menschen, in der noch nicht das harte Leben kommt. Vier meisterhafte Leistungen stellt Konrad Supanchich aus (71-74). Sein Farbenglanz ist unübertrefflich. In Berlin und München ist gerade vieles jetzt von ihm auf dem Kunstmarkte, was wir seinerzeit hier in Graz bewundert haben. Margarete Supprian bietet etliche gute Landschaftbilder, die allgemein gefallen. "Ein Sonnenblick am Rosengarten" (76), "Waldwiese" (81), "Zypressenstraße beim Tobliner See" (83). "Auf ewigem Schnee" (75) ist ein Huldigungsbild Schad-Rossas, das uns besser zusagen würde, wenn die Dolomitenzinnen nicht gar so düster gemalt wären. Reizend ist "Waldmärchen" (78), zugleich ein treffliches Blumenstück. Presuhn und Mikschowsky bringen auch etliche gelungene Kunstwerke, meist Landschaftsbilder (61-65) und (66-70). Freilich ist auch manches Skizzenhafte darunter, das sie ihrem Meister nacharbeiten. Für jene flotten Pinselzüge mangelt ihnen aber die Kühnheit und Übung des Meisters.

Noch sei kurz erwähnt, daß den Bilderrahmen, die man lange sorglos der fabriksmäßigen Herstellung überließ, jetzt von den Künstlern größere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Schad-Rossa führte mehrere holzgeschnitzte, polychromierte Rahmen selber aus und schuf so seinen Werken eine gefällige und zusagende Abgrenzung. Allerdings müssen wir hervorheben, daß diese durchwegs dunkel gehaltenen Naturrahmen in den schwarzen Drapierungen sehr viel verlieren. Freundlicheres Beiwerk täte gerade in den sehr schlecht beleuchteten Redoutensälen allen diesen sehenswerten Kunstblättern dringend not!

Graz, im Oktober 1903

Dr. Hans Schukowitz



Grazer Volksblatt, 16.10.1903

 

Schad-Ausstellung. Einem allgemeinen Ansuchen entsprechend, wird der Eintrittspreis von heute Freitag ab auf 60 Heller ermäßigt.

 

(Grazer) Tagespost, 17.10.1903

 

Kunstausstellungen

I.

 

Nächsten Sonntag wird die dritte eröffnet. Und zwar nicht etwa als Ablöserin, sondern neben zwei anderen einherlaufend. Schlimmer und deutlicher kann sich die Zerfahrenheit unseres Kunstlebens wohl nicht zeigen. Eine Uneinigkeit, ein gegenseitiges Überhasten und Überbieten, welches in ganz anderen Ursachen zu wurzeln scheint als in den Gegensätzen verschiedener Kunstrichtungen. Graz ist eine große Stadt, aber noch lange nicht eine Großstadt und jener Teil seiner Einwohnerschaft, welcher überhaupt Kunstausstellungen mit einer Art Regelmäßigkeit zu besuchen pflegt, von so bescheidener Zahl, daß man ihn umsoweniger einer Zersplitterung aussetzen darf. Diese Zersplitterung ist aber unvermeidlich, wenn man in der argen Zeit der Herbstnebel, in der klare und lichte Tage eine Seltenheit sind, einen derart übertriebenen Wettbewerb schafft. Daß dann später lange Zeiträume unbenützt bleiben, in welchen man sich gerne wieder einmal dem Studium e i n e r Ausstellung mit Gründlichkeit widmen möchte, ist eine der unliebsamen Folgen dieser künstlichen Mästung und Überladung. Aber da predigt man tauben Ohren, wobei es ein magerer Trost ist, sich mit einem "Auf Wiedersehen beim Künstlerhaus-Philippi!" revanchieren zu können.

Diese Anhäufung ist umso bedauerlicher, als jede der drei Ausstellungen auf ein besonderes, nachhaltiges Interesse Anspruch zu erheben berechtigt ist. Von der Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereines heißt es, daß sie mit einer reichen Fülle allgemein wirkender Sehenswürdigkeiten ausgestattet sein wird, die Ausstellung des Vereines der bildenden Künstler ist ein so anmutiger Blütenstrauß, wie seit langem keiner mehr auf unseren Tisch gestellt wurde, und in dem alten Redoutensaale erklingen Akkorde aus einer ganz merkwürdigen anderen Welt. Man kann nämlich über Schad-Rossa urteilen wie man will, aber man kann es mit Gerechtigkeit nur dann tun, wenn man ihm vollständige Ursprünglichkeit zuerkennt. Es sei an seinen Werken alles gesucht, klagen diese und jene; aber ich meine, jeder Künstler, der überhaupt sucht, erwirbt sich dadurch das Recht, als ein Schaffender an sich betrachtet und beurteilt zu werden. Und gerade bei Schad-Rossa ist nichts gesucht. Er gerät sehr oft ins Exaltierte, aber kokettierendes Geistreicheln ist ihm fremd. Ich halte ihn für Einen, der es immer und allezeit ehrlich meint. Als er zu uns kam, schrieb er im Vorworte des Kataloges seiner ersten Kunstausstellung: "Wir glauben an das Mysterium des freien Menschentums und wir schaffen ihm unter dem Banne der tollsten Begeisterung eine Heimstätte im neuen Stil!" Das war allerdings eine Herausforderung, welche auf die gebührende Antwort nicht lange zu warten brauchte, aber sie war doch nicht - als was man sie im ersten Augenblicke leicht halten konnte - die Radamontade eines Charlatans oder Quacksalbers. In Schad-Rossa pulsiert und pocht und treibt eine in und für sich abgeschlossene Welt, eine Mischung von Allegorie und Symbolismus, von rätselhaften Schwingungen von Seele und über die Grenze der menschlichen Erkenntnis hinaustastenden Gedanken. Er ist alles eher denn ein moderner Maler und ganz gewiß keiner, der für den Markt malt. Die ihn grob behandeln wollen, weil er ihnen nichts nur zum vergnüglichen, mühelosen Gucken hinmalt, nennen ihn einen Sektierer, einen Säulenheiligen, einen malenden Derwisch, aber die tiefere Kunstempfindung kann ihm jenes Ansehen nicht versagen, welches Selbständigkeit, Überzeugungstreue und ungewöhnliches Können allzeit verdienen.

Schad-Rossas Schaffen wird zum größten Teile von einem starken Zug ins Mystische beherrscht und hiedurch gerät seine Selbständigkeit in eine für die Allgemeinwirkung seiner Darbietungen ungünstige Isoliertheit. Die heutige Zeit ist für den kontemplativen Kunstgenuß nicht zu haben; ihr nervöses Hasten kann sich zu ruhigem, eindringlichen Mit- und Nachempfinden nicht bequemen. Wir wollen überall zweihundert Kilometer in der Stunde fahren. Daraus erklärt sich ein namhafter Teil der Schwierigkeiten, mit welchen Schad-Rossa zu ringen hat. Seine Bilder sind alles Andere eher denn auf augenblicklichen Effekt berechnet. Im Gegenteil, man hat sich bei manchem förmlich durch eine Dornenhecke durchzuwinden, bis man in die Nähe des eigentlichen Motivs gelangt. Ebenso seltsam wie befremdend ist vor allem die saloppe Behandlung des nackten Frauenkörpers. Wenn unser Herrgott in seiner unerschöpflichen Güte es mit uns nicht viel besser meinen würde, dann hätten die Liebeslieder der ganzen Weltliteratur in einer Nummer der Reklamschen Universalbibliothek leicht und behaglich Platz. Einer meiner Freunde, dem die Sache besonders in die Seele schnitt, meinte gar, Schad-Rossas Even und, was die Toilette betrifft, anverwandte Frauengestalten könne man gefahrlos im Schlafsaale eines Priesterseminars aufhängen. Schad-Rossa hat so vortreffliche Augen wie nur irgend einer von uns und so muß in dieser Vernachlässigung irgend eine Absicht liegen; vielleicht die, das symbolische Moment von der Verweichlichung durch das Erotische ferne zu halten und hiedurch energischer zum Ausdruck zu bringen. Allerdings ein unzureichender Behelf, da die Wahrheit im Gegenteile liegt. Je mehr sich nämlich die Darstellung des Frauenkörpers dem klassischen Urbilde nähert, umsomehr verblaßt die erotische Färbung.

Von einem der bedeutenden Bilder dieser Ausstellung, von der "Erlösung", habe ich bereits in meinem Vorberichte gesprochen. Es erscheint mir, abgesehen von der Tiefe des in ihm ausgedrückten Gedankens, durch seine Technik als hervorragend durch die geradezu virtuose Farbengebung, in welcher überhaupt die technische Stärke des Künstlers liegt. Überall, wo die Form Nebensache und die Farbe Hauptsache, kann er mit dem Erfolge jonglieren, wie es ihm beliebt. Er braucht nur zu wollen, um einer der ersten Koloristen zu werden. Seine unverrückbare Selbständigkeit wäre hierbei die stärkste Triebfeder, denn sie bewahrt ihn vor Umwegen und Rückständen, welche das Anklammern an fremde Malereien unausweichlich mit sich bringt. Man kann Schad-Rossa mit niemandem vergleichen, nur wenn man es tut, so geschieht es nur, um in dieser verschleierten Form ein Stück Hochachtung auszudrücken.

H.N.

Adalbert von Drasenovich, Grazer Tagblatt, 18.10.1903

 

Kunstausstellung

(Schad-Rossa und der Grazer Künstlerbund im Theater-Redoutensaal)

 

Mit widersprechenden Gefühlen betritt man diese Ausstellung; denn sie bedeutet einen Abschied. Paul Schad geht, zunächst nach Berlin, um dort bei Keller und Reiner eine Sonderausstellung seiner Werke einzurichten. Graz und Österreich vermochten ihn nicht zu halten; was sie ihm boten, blieb selbst hinter seinen bescheidenen Lebensansprüchen zurück. Anhänger, Mitstrebende und Freunde seiner Kunst hat er in den drei Jahren ja vielleicht genug gefunden, aber zu wenig bedeutende Aufgaben und tatkräftige Hilfe. Außer dem Kunstverein, dessen Mittel nur all zu beschränkt sind, haben unsere Verwalter öffentlicher Gelder nichts für ihn übrig gehabt. Für die moderne Galerie in Wien wurde wohl ein Bildchen erstanden, dessen Preis aber kaum die Kosten seiner dortigen Ausstellung deckte. Da ihm viele Versprechungen gemacht worden waren, frägt man sich erstaunt, welches die Ursache dieser Vernachlässigung war. Vielleicht weil er kein Steirer und kein Österreicher, sondern Reichsdeutscher ist? In Musik- und Theaterfragen denkt man nicht so kirchturmpolitisch, auch in der bildenden Kunst wurden oft Aufträge an auswärtige Künstler vergeben; Wien bemühte sich erst kürzlich wiederholt um Klinger und auch Deutschland denkt seinerseits nicht so engherzig gegen Österreicher. Also vielleicht, weil seine Kunst dem Geschmacke der Machthaber nicht entsprach? Das kann wohl sein, wäre aber keine ausreichende Erklärung. Denn es ist kein Zweifel, dass er an Eigenart, Tatkraft, Fleiß, Fördersamkeit, Reinheit der künstlerischen Gesinnung, Höhe der Ziele weit über dem Durchschnitt steht und solche Leute sind nicht so dick gesät, dass man wegen eines privaten Empfindens wegen an ihnen vorüber gehen dürfte. Also vielleicht, weil seine schroffen, herrischen Meinungen, sein überstarkes Selbstbewusstsein, seiner Missachtung gegnerischer Anschauungen und Leistungen verstimmten? Aber diese allerdings unbequemen Eigenschaften sind bei ihm begleitet von charakterfester Unbeugsamkeit, Geradheit und Nackensteife. Der ganze Wert der Künstler für Volk und Kultur ruht auf der Echtheit ihrer Persönlichkeit; wenn Mannesart an ihnen nicht geschätzt wird, ist es übel bestellt: das Kapitel Schad wird in der heimischen Kunstgeschichte auf keinem Ruhmesblatt stehen.

Seine Kunst ist ihrem Wesen schon von mehreren Ausstellungen bekannt; sie bringt dem Betrachter das erwünschte Recht, sein Herz sprechen zu lassen und die ehrenvolle Pflicht, einen hohen Maßstab anzulegen. Gedanken- und Gefühlsarmut kann man ihr keinesfalls vorwerfen. Witz, Lehrhaftigkeit, Sinnenkitzel und alle anderen kunstfremden Assoziationen sind ihr fremd, aber sie ruht auf einer reichen dichterischen (er selbst nennt es: musikalischen) Phantasie. Die höchsten Menschlichkeitsprobleme, losgelöst von Zeit und Gesellschaft, sucht er für das Auge zu gestalten. Er hat Gesichte und verkündet sie als Priester und Prophet. Von wieviel lebenden Künstlern kann man das sagen? Und wäre er selbst mehr Dichter oder Gesamtkünstler als reiner Maler, wo ei so starkes Lebensgefühl nach Ausdruck ringt, kommt die Sprache erst in zweiter Linie. Auf die Frage, was er eigentlich malt, kann man verschiedene Antworten geben. Man kann sagen, er malt stilisierte Naturmotive und typische, nackte Menschen in idealer Landschaft (nach Marées das höchste Problem der Malerei); man kann sagen, er malt Dekorationen für erst zu schaffende Räume; man kann aber auch sagen, er malt phantastische Träume über durchpilgerte Landschaften, das Werden, Blühen und Vergehen des Erdengeschöpfes, seine beflügelnde Liebe und seine quälenden Zweifel, seine tanzende Freude und seinen erdrückenden Schmerz; er malt den Schönheits- und Freiheitsdurst des Enterbten, die Paradiesessehnsucht des Verstoßenen, die Träume des armen Staubgeborenen von himmlischer Herrlichkeit. Ob jeden Betrachter diese naturreligiöse Inbrunst , diese idealistische Weltanschauung zusagt, ist eine Frage für sich; es gibt natürlich auch Menschen mit Kunstgefühl (z.B. die alten Niederländer), welche fest am Nüchternen und Tatsächlichen halten. Andere wieder (zu denen ich mich bekenne) sind jenem Künstler dankbarer, der ihnen mit bejahender Freude das Tägliche verklärt, als der ihnen mit wildem Sehnen hohe Wunschbilder zeigt. Aber dies sollte nicht hindern, sich in solchen Empfindungskreis einleben und an seiner entschlossenen Gestaltung erfreuen zu können. Jedermann hat das gute Recht, seine Lieblingskünstler zu haben und zu bevorzugen; aber er möge sich, wenn er anderen Werken auch nur subjektiv gerecht werden will, vor Fällung eines Urteiles fragen: Ist mein Leben durch den Eintritt dieses Werkes unberührt geblieben, reicher oder ärmer geworden? Vor vielen sogenannten Kunstwerken muß man sich energisch auf sich selbst besinnen, um ihren verarmenden, verflachenden Einfluss wieder loszuwerden. Zwischen Schads Bildern wandelt man in gehobener Stimmung und muß hierfür als Empfangender dem Schaffenden danken, auch wenn man manches anders wünschen würde. Denn auch wo er uns gegen sich aufbringt, bindet er seelische Kräfte in uns los, die früher schlummerten. Das macht, sein Künstlerwille ist groß, stark und ehrfurchtgebietend. An seinem Künstlerkönnen wird von Fachgenossen manches getadelt, und auch der Kunstfreund, dem die Technik in zweiter Linie steht, empfindet manchmal eine Disharmonie zwischen Gewolltem und Erreichtem. Nirgends zwar vermisst man den eigenartigen Wurf, aber bisweilen die Vertiefung, die liebevolle Durcharbeitung. Der Fleiß, die Arbeitskraft, die Lebhaftigkeit des Künstlers sind bewundernswert, aber die fiebernde hast seiner Hervorbringung ist bisweilen verletzend. Es ist doch ganz natürlich, dass ein Bild, auf welches nur die Arbeit des Tages gewendet wurde, auch den Beschauer nicht so lange festhält, als eines, in welches viele gute Momente, manches langsam reifende Sehnen, oft wiederkehrende innige Liebe hineingearbeitet wurden. Ein Bild, das Generationen hindurch an einer täglich betrachteten Wand hängen soll, steht unter anderen Gesetzen als eine Dekoration für eine schnell verrauschende Feststunde. "Mit dem Kunstwerk (sagt Wilhelm Busch) ist es wie mit dem Sauerkraut. Es müsste gekocht sein am Feuer der natur, dann hingestellt in den Vorratsschrank der Erinnerung, dann dreimal aufgewärmt am Topfe der Phantasie, dann serviert von wohlgeformten Händen und schließlich müsste es dankbar genossen werden mit gutem Appetit." Man gebe Schad doch eine große Aufgabe und die Muße zu ihrer gesammelten, vertieften Durcharbeitung und wenn dann seine Kunst ihre Hemmungen nicht überwindet, nicht zu voller süßer Reife kommt, dann erst hätte man das Recht, ihn eine problematische Natur zu nennen. Man wendet so viele öffentliche Dinge auf kleine, ärmliche Dinge, an denen man vielleicht nicht viel verliert, aber auch sicher nichts Namhaftes gewinnt. Das Problem Schad wäre wert, einen großen Einsatz auch auf die Gefahr des Verlustes zu wagen. Wer eine Gestalt, wie die Kränzewinderin im "schönen Tag" (Nr.11) machen kann, wer diese Melancholie eines im Schatten des Lebens wehmütig sich sehnenden und doch in Armut gefassten Geschöpfes so voll erfassen und so rein und beseelt in Haltung und Ausdruck gestalten kann, wenn (trotz störender Einzelheiten) eine Gesamtstimmung, ein großer rhythmischer Einklang gelingt, wie in dem Bilde "Dem freien Menschentum" (Nr. 10), wer den Reiz einer traulichen Landschaft (Moosinning oder Otterbach Nr. 33 und 38) mit so verblüffend einfachen Mitteln rein festhalten kann, der hat das innere Recht, zu einer würdigen Aufgabe berufen zu werden, an der er beweisen könnte, ob er auch wirklich auserwählt ist. Der Raum verbietet es leider, die einzelnen Werke mit nachfühlenden Worten zu begleiten; für einige hat dies in schönen, begeisterten Versen Hermann Frischauf mit inniger Liebe getan; man kann sie im Katalog nachlesen. [...]

 

Dr. v. Drasenovich

 

 

Grazer Volksblatt, 3.11.1903

 

Grazer Künstlerbund. Derselbe gibt bekannt, daß anläßlich seiner Samstag Abends stattgehabten Abschiedsfeier die in Graz verbliebenen Mitglieder einstimmig die Auflösung des Vereines beschlossen haben.

 

Grazer Volksblatt, 3.11.1903

 

Kunstausstellungen in Graz

Herbst 1903

 

Vor vielen Zeiten mußte man in der steierischen Hauptstadt zufrieden sein, wenn man vielleicht ein- oder zweimal im Jahre Gemälde-Ausstellungen besichtigen konnte. Heute ist es anders. Seitdem sich aus dem Steiermärkischen Kunstvereine gewisse Künstlergruppen ausgeschieden haben, um selbständig nach ihrem vorgesteckten Kunstziele zu streben, löst sozusagen eine Ausstellung die andere ab. Der gegenwärtige Herbst brachte nun den Grazern so vielerlei Genuß hinsichtlich des Schaffens auf dem Gebiete der bildenden Künste, daß man es fast als eine gewagte Anforderung an die Leistungsfähigkeit des hiesigen kunstliebenden Publikums ansehen könnte. Doch dieses scheint die ihm gegebene Gelegenheit bestens auszunützen und alles Dargebotene eingehend und aufmerksam zu würdigen; denn es ist ja sehr Ungleichartiges, was in den gegenwärtigen Ausstellungen zu sehen ist. Wenn man auch gerne alles, was die verschiedenen Ausstellungsräume bargen und noch bergen, als reiflich Durchdachtes und warm gefühltes Kunstschaffen bezeichnen will, so wird sich trotzdem nicht nur eine große Verschiedenheit in der künstlerischen Ausdrucksweise, sondern eine noch viel größere in den Empfindungen und Gefühlen zeigen, welche die in den Kunstwerken verkörperte Welt in dem unbefangenen und vorurteilslosen Beschauer wachruft.

Jedes Kunstwerk, sei es Bildwerk oder Bauwerk, ist hinsichtlich der Art und Weise des Dargestellten als eine in sich geschlossene, unteilbare Einheit anzusehen. Es soll gleichsam die Verkörperung bestimmter Gefühle und Empfindungen einer Künstlerseele sein, welche die gleichen Regungen, eine gleiche Weltanschauung im Beschauer erwecken soll. Je klarer und bestimmter der Künstler sich nun seiner Empfindungen und Gefühle bewußt ist, desto deutlicher und verständlicher wird er dieselben im Beschauer wachrufen können. Freilich spielt dabei auch die Bildung und die Reizbarkeit der Phantasie des Laien eine bedeutende Rolle. Die große Masse des Publikums wird bei der Betrachtung eines Kunstwerkes im günstigsten Falle nur die allgemeinen Züge derselben erfassen; ein kleinerer Teil sieht schon auch feinere Beziehungen; den Künstler eigentlich verstehen aber werden nur jene Auserwählten, die beim Anblicke des fertigen Bildes empfinden können, wie der Künstler bei seiner Konzeption.

Durchdrungen von vorstehenden Gedanken, sollen die folgenden Erörterungen nun nicht aufdringliche Anschauungen, sondern nur führende Winke sein, die dem klarer Denkenden dem großen Publikum gegenüber erlaubt sind.

Den Reigen der gegenwärtigen Ausstellungen eröffnete am 8. Oktober in den dazu ziemlich ungeeigneten Redoutensälen die Schad-Rossa-Ausstellung, die am 25. Oktober Abends bereits wieder geschlossen wurde. Da das "Grazer Volksblatt" gleich nach der Eröffnung einen zusammenfassenden Bericht über die Ausstellung brachte, so sollen die nachfolgenden Zeilen nur einige Nachklänge zu derselben sein. Der Meister selbst hatte 55 Werke ausgestellt; neben denselben fanden sich einige Bilder von Mitgliedern des Grazer Künstlerbundes (Bela Konrad, Franz Mikschowsky, Ludwig Presuhn, Konrad von Supanchich, Margarete Supprian. Paul Schad-Rossa sammelte in Graz einen kleineren Kreis von Kunstjüngern um sich, die bei sehr ungleichem Können mit weniger mal mehr Erfolg dem Ziele der sogenannten modernen Kunst zueilen. Begabt mit seltenem Talente und kühner Phantasie, entwickelte Schad in Graz eine unermüdliche künstlerische Arbeitskraft. Ein eigenartiges philosophisches Grübeln und Experimentieren aber macht die Werke dieses Künstlers dem großen Publikum sicher ungenießbar und bedingt vielleicht auch die unerquickliche, oft vom stärksten Blau durchsetzte Färbung, die besonders in den neuesten Werken Schads (z.B. in den verschiedenen Motiven aus der Sella und den Dolomiten) zu Tage tritt. In diese Stimmungen kann und wird sich das große Publikum nicht leicht hineinleben, und Schad will ja doch gewiß für dieses und nicht nur für einige exaltierte Schwärmer oder Lob räuchernde und Augen verdrehende Kunstenthusiasten oder dergleichen Leute seine Kunst ausüben, die sich wiederholt in wirklich großartiger Weise offenbarte. Man denke nur an "Die Verfluchten", dann an "Wonne", die übrigens nebst anderen ausgestellten Werken Schads (z.B. "Kain", "Eva", "Belauscht" etc.) schon aus früheren Ausstellungen des steiermärkischen Kunstvereines bekannt sind.

Schad liebt es, seine verschiedenen Gedanken und Empfindungen fast ausschließlich und auch dort durch die nackte menschliche Gestalt zu verkörpern, wo es durch den Vorwurf des Gemäldes nicht gerade geboten ist. Dies ist ja an sich gewiß künstlerisch begründet, kann aber durchaus nicht zur Regel erhoben werden, besonders wenn diese Gestalten so wenig Schönheit und angenehme Bewegung aufweisen, wie dies beispielsweise in den Bildern "Mysterium der Liebe", "Jugend", "Im Birkenwald", "Ihr werdet sein wie Gott" u.m.a. der Fall ist. Oder sollte das Nackte nur des Nackten wegen gemalt sein? Warum verschmäht es Schad, auch heute wieder Empfindungen und Gefühle im Beschauer wachzurufen, wie es ihm seinerzeit in seinem "Versehgang" oder "Fronleichnamsfest" so herrlich gelungen ist? Man möchte fast meinen, daß in dem nicht allzu "modern" angekränkelten großen Publikum dafür mehr Verständnis zu finden sein müßte, als für die schier zu tiefe Mystik seiner neuesten Kunstbestrebungen (z.B. "Dem freien Menschentum", "Der Weg des Grauens", "Erlösung", "Todessinfonie".)

Wenn Schads Ausdrucksweise seltsam und doch oft wieder bestechend ist, so wird sie zum unangenehmen, ja lächerlichen Manierismus, sobald sie ein Kunstjünger anderen Charakters und anderer Fassungskraft wie der Meister annimmt. Dies zeigt sich auffallend an einigen Malereien von Margarete Supprian und Bela Konrad, die jedoch so wie Konrad von Supanchich in ihren Bildnissen eine schöne Eigenart aufweisen. Von ganz anderer Art wie Schad und der um ihn gruppierte Künstlerkreis ist Paul R. v. Spaun [...]


 

Dresdner Nachrichten, Sonntag, 27.3.1904 



Schad-Rossa – Ausstellung

 

Im Sächsischen Kunstverein hat augenblicklich ein Künstler ausgestellt, dessen Arbeiten wieder einmal einen Streit der Meinungen nicht nur unter den Laien, sondern auch unter den Kennern zu entfesseln geeignet sind. Die einen zählen Schad-Rossa in enthusiastischer Bewunderung zu den großen Führern der Moderne, die anderen haben für die Gebilde seiner schöpferischen Phantasie nur ein mißtrauisches Lächeln, das sich nicht die Mühe nehmen will, in die Tiefen dieser allerdings oft auf den ersten Blick oft wunderlich erscheinenden Gemälde einzudringen. Jedenfalls ist es ein origineller Kopf, der hier sein Eigenstes gibt: Schad-Rossa darf, was heute selten genug ist, als eine selbständige Persönlichkeit gelten, bei dem die Originalität nicht Pose, sondern die einfache Darstellung seiner selbst ist. Darum gehört der Künstler auch keiner Richtung an, sondern lebt und wirkt allein. Graz, wo er sich aufhält, ist kein Kunstzentrum, aber eine Stadt voll Lebenskraft und umgeben von reicher Natur, der der Maler seine besten Anregungen verdankt. Die Welt der steyrischen Berge, aus der er als Landschafter mit Vorliebe seine Motive wählt, hat es ihm angetan. Freilich geht er nicht in die Alpen, um dort den Photographen Konkurrenz zu machen. – ihm kommt es lediglich auf das Essentielle des Natureindrucks an. Er sieht Stimmungen und malt sie mit raschem, sicheren Pinsel, Sinfonien von Licht, meist etwas schwermütiger, phantastisch-traumhafter Art, um damit packende Eindrücke einer durchgeistigten Natur zu geben. So ist es denn kein Wunder, dass sich ihm die Welt mit allerhand Menschengestalten, mit Geistern, Holden und Unholden in höchst eigener Weise bevölkert. Nicht, dass er „Staffage“ in der Landschaft sehe, - er drückt lediglich die lyrische Empfindung durch Gestalten aus, die aber nicht lebendig agieren, sondern meist nur durch ihr einfaches Vorhandensein und ihren Seelenzustand wirken. Das Selbstverständliche seiner Anordnungen gibt den Werken ihren Reiz: die Gestalten sind nicht komponiert, sie stehen aber immer an der rechten Stelle und wirken als Farbenflecke innerhalb der eigenartigen lyrischen Tönung der Bilder, zumal sie in ihrer Ruhe doppelt bedeutungsvoll anmuten. Das Können Schads ist sehr groß: die Technik beherrscht er vollkommen, man könnte beinahe sagen zu sicher, so daß er sich bisweilen zum Experimentieren verleiten läßt. So kommt es ihm nicht darauf an, die Farben einmal plastisch aufzutragen, wodurch er ein Mittelding zwischen Relief und Malerei schafft, das zwar im guten Sinne dekorativ wirkt, aber nicht nach jedermanns Geschmack sein dürfte. Als das Vornehmste an Schad hat der seltene Vorzug zu gelten, daß er innerlich „voller Gesicht“ ist, um mit Dürer zu reden, d.h. , dass in seinem Kopf die Natur sich alsbald in eine eigenartige Stimmung übersetzt, die in bestimmter Form auftritt. Man sieht es seinen Bilder an, daß sie ohne allerlei Divtelei aus dem im Kopfe fertigen Urbild heruntergemalt sind, daß alles Beiwerk, selbst die Rahmen, stets vom ersten Anfange an im Geist fertig waren, daß die Hand vollkommen der Intention gehorcht, die vom Gehirn und dem geistigen Auge des Malers ausgeht. Er hat daher nicht „Sujets“ zu suchen, und der beurteilt ihn falsch, der glaubt, seine Gestalten durch allegorisches oder mythologisches Wissen erklären zu sollen. Denn das Symbolische ist bei ihm nie ergrübelt gelehrtenhaft, sondern rein künstlerisch. So wenig, wie man genau weiß, wer das „göttlich Weib“ in Goethes Zueignung eigentlich ist, und so wenig ein halbwegs künstlerisch empfindender Leier darnach fragen wird, so soll man Schads Gestalten nicht deuten, sondern sie mit ihm zu empfinden suchen. Die einzelnen Werke, die Schad-Rossa diesmal zeigt, sind nicht alle gleich wertvoll, aber sind alle gleich originell und charakteristisch für die Eigenheit seines Schaffens. Nur an Einem könnte man Anstoß nehmen, an den oft etwas gesucht klingenden Titeln der Bilder und den an sich ja sehr interessanten, aber recht leicht den Eindruck des Bildes empfindlich beeinträchtigenden Rahmen. Schad-Rossa könnte geradezu wieder einmal den Anlass dazu geben, Stellung zu der „Rahmenfrage“ zu nehmen, die es freilich für den Künstler selbst gar nicht gibt, da er, wie schon erwähnt, das Bild fix und fertig auch in dem Beiwerk vor sich sieht. Koloristisch befremdet an einigen seiner letzten Bilder der auffallend dünne Farbenvortrag, der sogar auf mehreren Bildern das Korn der Leinwand mitsprechen läßt. Farbig am schönsten und reizvollsten wirken diesmal die Landschaften Schads, die, in der nötigen Distanz betrachtet, zumeist einen wunderbar geschlossenen Gesamtton aufweisen. Die Bilder von Breitenau, Margaretenried, Moosinning und Schönau sind in dieser Hinsicht wohl die besten Stücke der Kollektion, die sich neben den großen allegorischen Bildern in Ehren behaupten, ja vielleicht von manchen Beschauern über diese gestellt werden. Merkwürdig ist es übrigens, dass diese Landschaften, obwohl sie zum größten Teile stark stilisiert sind, ungemein naturecht und überzeugend wirken. Alles in allem rückt auch diese Schad-Ausstellung jedenfalls nicht nur das fraglos bedeutende Talent des Künstlers in helles Licht, sondern sie gibt zugleich mannigfache Anregungen, denen nachzugehen beim Studium der einzelnen Bilder für jeden, der sich Mühe gibt, in des Malers Fühlen einzudringen, ein seltener Genuß ist.



Vossische Zeitung, 30.04.1904

 

Bei Eduard Schulte beginnt diesen Sonntag eine neue Ausstellung, die elfte des laufenden Abonnementjahres, die Werke enthalten wird von Louis Legrand, Paris, Paul Schad-Rossa, Berlin, und von Paul Trouillebert (gest.), Paris, dem einstigen Schüler von Camille Corot.

 

Berliner Morgenpost, 30.4.1904

 

Berliner Kunstausstellungen.

 

[...] Bei Eduard Schulte beginnt am Sonntag, den 1. Mai, eine neue Ausstellung, die elfte des laufenden Abonnementjahres, die Werke enthalten wird von Louis Legrand, Paris (Radierungen, Zeichnungen, Oelgemälde), Paul Schad-Rossa, Berlin, und von Paul Trouilebert (gest.), Paris, dem bekannten, einstigen Schüler von Camille Corot.

 

Berliner Morgenpost, 15.5.1904

 

[...]

 

Bei Schulte haben drei Künstler sich Stelldichein gegeben: zwei Franzosen und ein Deutscher, ganz voneinander verschiedene Persönlichkeiten, aber jede in ihrer Art anziehend und fesselnd. Schad-Rossa ist ein Nürnberger. Er hat den menschlichen Körper wohl studiert und die Durchbildung seiner Akte besonders in den Muskelpartien verdient Anerkennung. Aber er hat einen Fehler: "er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich". Er spielt mit allerhand symbolischen Gedanken herum, kommt ins Geistreicheln und wird wohl dann flach. Und das Geschenk des Farbensinnes haben ihn die Götter versagt. [...]

 

 

Berliner Lokal-Anzeiger, 19.5.1904

 

Kunst und Wissenschaft

 

E.D. Bei Schulte begegnen wir diesmal einer Anzahl recht interessanter Erscheinungen. Drei Persönlichkeiten von ausgesprochener Individualität, deren Kollektiv-Ausstellungen ebenso viel getrennte Welten für sich bedeuten, fesseln das Auge. Zwei Franzosen stehen gegen einen Deutschen, ein wundervoll ruhiger Landschafter und ein nervöser, brutal realistischer Zeichner gegen einen Farbenträumer und idealistischen Phantasten, Paul Trouillebert und Louis Legrand gegen Paul Schad-Rossa aus Nürnberg. Der verstorbene Trouillebert hat begründetsten Anspruch, an erster Stelle genannt zuwerden. Seine entzückenden, unter Corots Einfluß entstandenen Flußlandschaften sind lauter Sinfonien in zartesten Silbergrau und Braun, köstliche Kabinettstücke, die an Delikatesse der Farben und an Duft der Linien nur vom Meister selbst überboten worden sind. [...]

Gerade hinter diesem Franzosen wirkt nun der Deutsche Schad-Rossa außerordentlich überraschend. Wiederum ist der äußere Abstand ein ungeheuerer. Aus dem Reich der krassen Wirklichkeiten wird man wie durch einen Zauberschlag entführt und mitten hineinversetzt in die phantastischen Wunder eines idealen Traumlandes. Unwillkürlich stockt der Fuß, wenn man über die Schwelle des linken Nebensaales tritt. Aus mächtigen Bildern in seltsam geformten Rahmen leuchtet es in roter Glut und magischen, violett-bläulichen Lichtern dem Auge entgegen. Phantastisch-märchenhafte Landschaften tun sich auf, in denen der schöne Mensch in idealer Nacktheit sich jubelnd seines Lebens, seiner Liebe und all der blühenden Schönheit ringsumher erfreut. "Vom freien Menschentum" lautet der Titel eines großen Triptychons, und es kann gar kein Zweifel sein, daß hier wie in all den anderen Bildern die tiefe Sehnsucht des Künstlers nach dem verlorenen Paradiese eines reinen, freien Schönheitskultus zum Ausdruck gelangt. Ein leidenschaftlicher Protest gegen den ewigen Realismus, gegen die Wirklichkeits-Anbetung unserer Zeit, das ist im Grunde der Kern von Schad-Rossas eigenartiger Kunst. Und kein Werdender, kein hitzköpfiger Stürmer und Dränger betritt da mit hallendem, herausforderndem Ruf den Kampfplatz. Ein Fertiger, in der Stille Gereifter tritt ans Licht - eine hochbegabte, eigengeartete Persönlichkeit, zu der man Stellung nehmen muß, so oder so. Der Spott der Wahrheitsapostel wird ihm nicht erspart bleiben, aber die andern, die gleich ihm hungern und dürsten nach Schönheit, werden auf seiner Seite sein, und sie werden sein Schaffen freudig und dankbar begrüßen.

 

Vossische Zeitung, 20.05.1904

 

Bei Eduard Schulte endigt die Ausstellung von Louis Legrand, Paul Schad-Rossa, Paul Trouillebert, der philosophischen Gummidrucke von H. Henneberg, H.Kühn bereits Sonnabend, 28. Mai. Von diesen Kollektionen wird besonders die Sammlung des als Zeichner wie Radierer gleich berühmten Louis Legrand außerordentlich beachtet.

 

Allgemeiner Anzeiger Erfurt, 21.8.1904

 

Städtisches Museum zu Erfurt.

 

[...] Eine durchaus andere Künstlernatur spricht aus den Werken zu uns, die als Paul Schad-Rossa - Ausstellung seit kurzem ein weiteres Zimmer unserer Permanenten füllen. Dort vornehme Ruhe mit Kraft und Würde gepaart; hier bei nicht zu leugnendem Können ein nervöses Suchen nach Motiven und Ideen - je verdrehter desto erwünschter - eine künstlerische Unsicherheit und Unfertigkeit, die Unbehagen und Unruhe auch auf uns übertragen. Und des Künstlers Werdegang - er ist ein seltener Fall, denn meist ist es umgekehrt, von der Bildhauerei zur Malerei übergegangen - hat davon eine gewisse Schuld und macht sich auch in seinen Arbeiten bemerkbar, die zuerst durch die Modellierung, das Herausholen der Form wirken, dann erst durch den Ton und zuletzt durch die Farbe. Auch in den Motiven spricht sich dies aus. Die Menschen, meist Akte - also unbekleidete Figuren, beherrscht er als ehemaliger Bildhauer erheblich besser als das Drumrum seiner Bilder, Blumen und Landschaften, die zum Teil recht schwach und offenbar "aus dem Kopfe" gemalt sind. Ferner legt der Künstler, und auch hier sieht wieder der Bildhauer heraus, vielen, zu vielen Wert auf die Rahmen seiner Bilder, die, wohl von ihm selbst modelliert und geschnitzt, meist zu reich und ungefällig schwer gewählt sind. Geradezu protzig, wie der Titel "Dem freien Menschentum", ist der Rahmen um dieses dreiteilige Bild. Als Möbelbekrönung, das Mittelfeld, ohne Schaden für das ganze, durch einen Spiegel ausgefüllt, würde er eine gute Verwendung finden können, an dieser Stelle aber bringt er das schwache, durch seine bombastische Etikette an und für sich schon verhunzte Bild um. Wie es überhaupt ein untrügliches Zeichen der "Kleinen" ist, ihren inhaltlosen Arbeiten durch marktschreierische Aufschriften und philosophastrische Titel ein Ansehen geben zu wollen. Das Mittelbild, schwächer als die Seitenbilder, zeigt drei im Adamskostüm aus einem Apfelbaumhain hervortretende Menschen, die mit erhobenen Armen über blumige Wiesen einer Gruppe von roten - der Himmel zeigt Mittagsstimmung - daher angestrichenen Felsen - oder soll es etwa moderne Architektur sein? - zuschreiten. Das rechte Seitenbild zeigt einen männlichen Halbakt, eine Art Kruzifixus und das linke einen weiblichen Halbakt mit Heiligenschein. Die Technik dieser beiden Bilder ist ein Zwischending von flachstem Relief und pastoser Malerei und in der Wirkung - Form und Ton - nicht übel. Die "Verstoßenen" - könnten auch "Adam und Eva" oder sonstwie heißen, es seien uns die "Namen" aller dieser Bilder "Schall und Rauch" - also die beiden Akte eines liegenden Weibes und eines sitzenden Mannes mit schwächerem landschaftlichem Hintergrunde, sind in Ton, Modellierung und Zeichnung und das Weib auch in der Färbung gut, wenn man nicht zu sehr auf die Behandlung der Einzelheiten z.B. der Hände und Füße sieht. Darunter hängt abermals ein dreiteiliges Bild, an welchem die Seitenteile wieder in Flachreliefmalerei gehalten sind und ungünstig erscheinen, während das Mittelbild diesmal besser ist und besonders die weibliche Figur im rechten Vordergrund auch hier wieder, selbst in der zweiten Ganzfigur - ein Mädchen, welches sich horchend soweit über einen Abgrund beugt, daß der Schwerpunkt schon überschritten ist und es im nächsten Augenblicke eigentlich abstürzen müßte - schwächer ist. Das in der Zusammenwirkung der Farben beste Bild ist rechts davon die sitzende weibliche Halbfigur - diese Dame trägt im gewöhnlichen Leben offenbar ein Korsett und ist daher als Modell eigentlich unbrauchbar - wohl im Begriff ins Bad zu steigen, eine andere, weibliche Ganzfigur im Mittelgrunde und im Hintergrunde rotgekleidete tanzende Mädchen auf grüner Wiese. Die heroische Landschaft darunter erinnert etwas an Kanoldt, den Jüngeren, sehr entfernt an Böcklin, und ist eine schwache Leistung. Gegenüber die weibliche Ganzfigur, auf sehr dunkelem, mäßigen Hintergrunde, wieder vom Bildhauer gut modelliert, vom Maler aber in der Farbe etwas zu violett angetönt, führt die schöne Bezeichnung "Ewig heilig"; während links daneben das Bild mit dem, immer mit einem gewissen Können gemalten Mannes-Akte und dem gegenüberstehenden besseren weiblichen tiefsinnig "Geheimnis der Liebe" benannt ist. Wieder einen weiblichen Akt, übrigens des Künstlers Stärke, zur Abwechslung aber einmal ohne Arme, dafür mit weit ausgebreiteten Flügeln in einer Felsenschlucht stehend, die der Maler sicher nie gesehen hat, zeigt uns ein Bild auf der rechten Seite dieser Wand. Als Gesamterscheinung ohne rechte Fernwirkung. Darunter ein anderes Bild: ein Jüngling und eine Jungfrau zwischen Lilien am Bach; im Hintergrunde wieder leuchtend auf grüner Wiese rotgekleidete Mädchen beim Tanz. Als Versuch, farbiger zu werden, wohl zu begrüßen, was aber der große Tragiker Aeschylos - [...], wie in den Rahmen geschnitzt ist - mit diesem Bilde zu tun hat, ist unerfindlich. Wieder nichts als Wichtigtuerei! - Die beiden besten Arbeiten von Schad sind in der rechten Fensternische aufgehängt; der grüne Mädchenkopf auf rosa Hintergrund, und der schwach gelbrosige Kopf mit den fein semitisierenden Zügen um Nase und Mund auf grünem Grunde, beides scharf und gut gezeichnete Profile und im Ton gut. Die Farbe ist auch hier, wie bei allen seinen Bildern, zurecht gemacht d.h. dekorativ, und im letzteren gut abgestimmt. Von seinen Landschaften sind die Pastellzeichnungen unangenehmer durch die Farbe; die farbig angetuschten Federzeichnungen - besonders der "Weg zur Kirche" und der "Timminger See" fallen aber durch ihre breite und einfache, leider aber auch hier stark zurecht gemachte Wiedergabe des Gesehenen auf. An der Oellandschaft "Aus den Dolomiten (?!)", ein wirkungsvoll leuchtender Sonnenstreif auf dunkelem Rasengrunde, ist der Rahmen das Bemerkenswerteste. Warum aber an demselben zwei nackte, weibliche Gestalten, die ihre Gesichter verhüllen, stehen und welche Verbindung dieselben mit der dargestellten Landschaft haben, ist wiederum tiefsinnig - schleierhaft.

Immerhin, diese "Paul Schad-Rossa-Ausstellung" ist für uns hier in Erfurt, die wir durch die Herren Lohmer aus Paris (er ist glücklicherweise, wie wir neulich sahen, bis auf einige wenige, ebenfalls wertlose Blätter - diese Velasquez-Kopie!, an diesen Halbgott wagt sich der! - aus den Ausstellungsräumen verschwunden), Reinh. Feldner-Hamburg, Rüdisühli-Basel und ähnliche Leuchten der bildenden Kunst nicht verwöhnt sind, sozusagen eine Errungenschaft und ihre Besichtigung daher zu empfehlen.

Hans Tilsen.

 

Wiesbadener Tagblatt, 11.11.1904

 

Im Kunstsalon Banger nimmt den Hauptraum eine große Kollektion interessanter Arbeiten von Paul Schad-Rossa ein. P. Schad geht auf den Wegen Ludw. v. Hofmanns. Wie jener möchte er Gedanken und philosophische Empfindungen malen. Während aber bei Hofmann durch die Originalität seines Schauens, durch die Tiefe seines Empfindens und die Kraft seines technischen Könnens das Bild seine starke künstlerische Wirkung auch behält, wenn man ihm den symbolischen Inhalt entzieht, wird bei Schad die künstlerische Ausdrucksform öfter das Opfer des Inhalts. Nach seinen Arbeiten "Dem freien Menschentum", "Die Verfluchten", "Todessinfonie" und noch einigen anderen wäre man fast geneigt, ihn als "Gedankenmaler" im üblen Sinne abzutun. Eine ganze Reihe Bilder aber zeigen, wie unrecht man ihm damit tun würde. Seine Landschaften "Schönau", "Der Jenbach", "Goldener Baum" u.a. lassen die besten Kräfte in seiner Kunst wirksam erkennen. Er sieht die Natur mit ganz eigenen Augen und hat sich hier einen Stil, der auf das Große gerichtet, Details unterdrücken darf, ohne der Wahrheit zu schaden, erobert. Er sieht die Natur in einem Licht, das vielleicht nur über Märchenbildern und –studien liegt, aber er hat die Kraft, uns zum Glauben an dieses Märchen zu zwingen. So erklärt sich, dass in jenen seiner empfindungssymbolistischen Bildern, in denen die Landschaft als Ausdrucksmittel stärker zur Geltung kommt, wie z.B. in "Der schöne Tag", die Kraft und Wahrheit des Eindrucks nicht ausbleiben. Ein Studienkopf "Eva" verrät außerdem ein starkes Vermögen, die verborgenen Rätsel des Menschenantlitzes zum Sprechen zu bringen. Gelingt es P. Schad, diese beiden Kräfte seines künstlerischen Schaffens harmonisch zu verschmelzen, dann werden ihm Aufgaben, wie die heute noch verfehlte "Wonne", sicher gelingen. 

 

J.K. 

 

Badische Landeszeitung, 22.4.1908

 

P. Badischer Kunstverein.

 

[...] Eine etwas manirierte Grazie zeigen die weiblichen Figuren von Schad-Rossa, auch sind sie in Farbe und Form oft konventionell. Das beste Bild ist die "Tänzerin Irene Sanden", welches technisches Können und Rhythmus der Linien aufweist. [...]

 

Karlsruher Zeitung, Sonntag, 10. Mai 1908

 

Karlsruher Kunstverein

 

Das Niveau der hiesigen Kunstvereinsausstellungen ist seit den letzten Wochen nicht eben im Steigen begriffen, und die große Kollektion von Paul Schad-Rossa (Steglitz) trägt auch nicht dazu bei, den Gesamteindruck erfreulicher zu machen – ein oberflächliches Virtuosentum im Stil des Berliner Impressionismus, dessen völliger Mangel an Ernst um so bedauerlicher ist, als sich eine wirkliche Begabung selbst in dieser Fexerei nicht ganz verleugnet. [...]

K.W.



Berliner Morgenpost, 12.3.1911

 

Märzausstellungen der Kunstsalons

 

[..]

Paul Schad-Rossa, ein Berliner, der im Kunstsalon Keller und Reiner in der Potsdamer Straße eingeführt wird, hat den Wannsee mit neuberlinerischem Strand- und Familienbadleben in Bildern von außerordentlich hellen Farben festgehalten, die für ihn eine verlockende Abwechslung nach älteren italienischen Studien mit stärker differenzierten Effekten bilden mochten. Seinen reizvoll geschmeidigen weiblichen Akt "Zwielicht" verdirbt er durch einen koketten Augenaufschlag. Die anderen Akte, im Bett, im Wald und auf der Heide neigen aber zu einer auseinanderquellenden Körperfülle.

 

Der Tag, 12.3.1911

 

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Keller & Reiner

Potsdamer Strasse 118b

 

Ausstellung:

 

Schad-Rossa, Berlin, Gemälde und Skizzen

David Edström, Schweden, Skulpturen

 

Ausstellung von Wohnräumen in

historischen und modernen Stilarten

 

Eintritt M 1.-

Jahreskarte M 3.-

 

Wochentags 10 - 7 Uhr

Sonntags 11 - 2 Uhr

Berliner Lokal-Anzeiger, 19.3.1911

 

ch. Eine Ausstellung Paul Schad-Rossa ist im Kunstsalon Keller & Reiner eröffnet worden. Die 50 Nummern enthalten hauptsächlich Motive aus dem italienischen Straßenleben, Landschaftsstudien, ferner auch mannigfaltige Szenen aus dem Badetreiben am Wannsee. Schad-Rossa wirkt vor allem durch satte Farben und durch die sonnige Heiterkeit seiner Bilder. So erzielt er oft eine blendende Gesamtwirkung, wie in den "Badenden Frauen am Wannsee" oder dem Bilde "An der Chiaia". Rühmend hervorgehoben seien u.a. das "Bildnis Ferruccio Busonis und seiner Frau", "Auf der Terrasse" und manche Farbenstudien aus der Heide.

 

Hannoverscher Anzeiger, 2.3.1912

 

80. Große Kunstausstellung

I. Die Maler der Reichshauptstadt

 

[…]

Vorzüglich in seiner psychologischen Haltung bezw. in seiner Charakterisierungskunst ist das Doppelporträt, das den bekannten Klarviervirtuosen Busoni nebst Frau darstellt, und dessen Schöpfer Paul Schad-Rossa ist, meines Wissens für Hannover eine neue Erscheinung. Weniger gefallen wird das figurenreiche Bild „Auf der Terrasse“, dessen Spachtel-Technik doch gar zu roh gehandhabt ist; man kann sich des peinlichen Gefühls nicht erwehren, daß hier mehr kühle Berechnung, als die Notwendigkeit, innerlich Geschautes mit derartigen Mitteln darzustellen, entscheidend war. Eine pikante Leistung bietet Schad-Rossa in dem Halbakte „Evas Tochter“. Was der Künstler in dem Bilde zeigt, ist beileibe nicht die vollwertige Verkörperung des Weibes, sondern ein Extrakt schwüler Sinnlichkeit ohne Luft und Anmut. In diesem Werke – wir gestehen es gern zu – harmoniert der Gegenstand trefflich mit der in Anwendung gebrachten Technik.

 



Hannoverscher Courier, 9.3.1912

 

80. Große Kunstausstellung im Kunstverein

 

Der fünfte Saal ist besonders interessant, denn hier prallen die verschiedensten Kunstrichtungen unvermittelt aufeinander. Den Blick lenkt vor allem durch seine Farbigkeit Schad-Rossa auf sich, der sich hier in Hannover durch frühere Ausstellungen bereits eine kleine Gemeinde warb. Aber wie hat sich der Künstler gehäutet! Einst erschien er hier – noch im Hannoverschen Kunstsalon war's - als ein Maler von stilistischer Eigenart mit einer feierlichen Gebärde und dem Pathos des dichtenden Gestalters. Eine Art Neuromantik brachte er mit seinem ersten Menschenpaare, mit der Eva, die ganz der trivialen Wirklichkeit entkleidet, auf Goldgrund unter dem Baume der Erkenntnis erschien. Metallisch golden gleißte auch die listige Schlange, die in dem heraldisch geformten Baume schillerte. Faune gab es da, die mit lechzenden Begierden eine Badende belauschten. Das Problem der Bewegung wurde endlos mit jener gewissen Manieriertheit abgewandelt, der man noch heute manchmal in unseren Ausstellungen begegnet, da sie als Schultradition am Leben blieb, auch dann noch, als ihr Erwecker sich längst bereits anderen künstlerischen Anschauungen zugewandt hatte. Sein Irrtum von damals, das Gemalte durch plastische Modellierung einzelner Teile oder Figuren des Vordergrundes zu unterstützen, wich wohl schon längst der Erkenntnis, welch künstlerischer Widerspruch in dieser kühnen Absicht lag. Aber selbst diesem Irrtum, dem mit der ganzen Hartnäckigkeit eines energisch Strebenden die unmögliche künstlerische Lösung gesucht wurde, wirkt noch interessant, so sehr man auch heute noch jene vergebliche Mühe, jenen unfruchtbaren Zeitaufwand bedauert, den der in seine Idee verrannte Künstler der zwecklosen Aufgabe widmete. Schad war schon damals neben dem Künstler ein bedeutender Handwerker, vor dessen Werke man staunend bewunderte, woher der Mann seine Zeit nahm, um neben seiner Fruchtbarkeit im Schaffen großer Bilder noch das Schnitzmesser zu führen. Die schweren Rahmen seiner Werke hatte er selbst geschnitzt und über sie noch einen Reichtum von ornamentaler und figuraler Fülle ausgeschüttet, der, abgesehen von dem Künstlerischen, schon durch die technische Leistung Bewunderung heischte.

 

Diese Epoche seiner Tätigkeit liegt abgeschlossen hinter ihm. Nur die glückliche Verbindung des Künstlers mit dem Handwerker ist noch zu merken, tritt man heute vor seine Bilder, deren Technik sich gänzlich wandelte. Trieb er früher seine dynamischen Absichten bei Wiedergabe der Figuren bis zur bizarren Molluskenhaftigkeit, so fesseln ihn heute ausschließlich die Aufgaben des modernen Malers, dem Luft und Licht die höchsten Probleme bedeuten. Malte er früher schwere, fast undurchsichtige Schatten, spielte auf seiner Palette eine trübe Farbe: Caput mortuum, eine wichtige Rolle, gibt er heute die Schattentöne mit jener Aufhellung, die charakteristisch für den modernen Lichtmaler ist, und verbannt alle schweren Töne vom Malbrett. Die Sicherheit im Beherrschen der Mittel läßt ihn zum Spachtel greifen, der doch wiederum so geschickt geführt wird, daß rohe Wirkungen vermieden werden. Der frühere Stilist suchte einen engeren Anschluß an die Natur und warf resolut jene alte Brille der Voreingenommenheit von sich, die ihm das Motiv gleichsam zurechtfrisiert in der ihm zusagenden Art zeigte. Eines blieb ihm noch: die starke Sinnlichkeit, die in dem Doppelbildnis in der Erscheinung der Frau gebändigt ist, in dem Werke "Evas Tochter" sich jedoch ohne Hemmungen entlädt und eine heiße Schwüle in das Bild bringt. Das ist jener heiße, verzehrende Gluthauch, der schon vor einem Dutzend Jahre sein erstes Menschenpaar umschwelte. Hier ist er nun anders eingekleidet und hat an Stärke eher zu – denn abgenommen. Früher waren die Dolomiten, das süddeutsche Gebirgsland, sein landschaftliches Ideal, denn hier war Bewegung und Rhythmus, die er beide leidenschaftlich suchte, heute fährt er in die nüchterne Mark und findet auch da Malenswertes, denn auch dort gibt es Licht und Sonne, und in bescheidenen Grenzen auch Rhythmik in den Bodenmassen. Das Unmittelbare hat es ihm heute angetan, das Einfach-Natürliche, und darauf konzentriert sich sein glänzendes Können. Aller Romantik, allen romantischen Spekulationen weicht er aus, um mit Hingabe der zu dienen, die er einst zu überwinden trachtete: der Natur. Bei ihm vollzieht sich im Gegensatz zu den Jungen das Schauspiel umgekehrt. Die streben fort von der Natur, die sie zum Teil noch nicht einmal gründlich kennen lernten, obwohl dies die einzige vernunftgemäße Bedingung für die Ueberwältigung wäre. Schad wurde vom Stilisten wieder zum Realisten und findet sein genügen darin, der Natur so nahe wie möglich zu kommen, dies natürlich im künstlerischen Sinne genommen.

 

E. Baule

 

Hannoversches Tageblatt, 21.4.1912 

 

80. Kunst-Ausstellung

 

XI.

[...]

Paul Schad-Rossa in Berlin-Steglitz liebt ein eigenartiges Colorit. So ist z.B. sein Genrebild "In der Schenke" (Nr. 553) im Saale 17 mit ganz merkwürdig anmutenden Farben gemalt, die aber sich zu einer trefflichen Gesamtwirkung vereinigen. Dazu kommt eine sichere Zeichnung und scharfe Auffassung des Fesselnden in einer Situation. Das zeigt sich in dieser an Pariser Apachen-Wirtschaft erinnernden Szene. Noch mehr als in diesem Bilde wird man in dem Doppelbildnis "Ferruccio Busoni und seine Gemahlin" (Nr. 557) an die alten Niederländer erinnert, und auch "Auf der Terrasse" (Nr. 555) hat etwas von der behaglichen Breite dieser Kunstrichtung. In seiner "Tochter Evas" (Nr. 554) hat er den nackten Oberkörper sehr gut behandelt, die Farbe und Weichheit der Haut kommt überzeugend zum Ausdrucke, daneben im Gesichte die ernste Sinnlichkeit des Naturwesens ohne Kultur. Die letzten drei Gemälde finden sich im 5. Saale.

[...]

 

Deutsche Tageszeitung, 27.2.1913

 

Keller und Reimer [sic!] gegenüber kann man nur das oft Gesagte wiederholen; hier fehlt die leitende Kraft, Ausstellungen durch die Heranziehung der geeigneten Künstler zu organisieren. Dem Zufall kann man das unmöglich überlassen. Was soll dieser Plastiker Wilhelm Riedisser, dessen Arbeiten nach unverarbeitetem Modell schmecken. Ja, das „badende Mädchen“, das soeben aus dem Vorhange tritt, der offenbar ihre Badewanne abgrenzt, wirkt geradezu wie eine Reklame für irgendeine Fabrik. Nicht viel besser sieht es mit den Malern, über die sich vielleicht einmal später etwas sagen lassen wird. Heute aber liegen nur gleichgültige Ansätze vor. [...]

 

Berliner Börsen-Courier, 28.2.1913

 

Im Kunstsalon Keller & Reiner [...]

Von Paul Schad-Rossa sind zwei Serien von Gemälden ausgestellt. Die eine stammt aus dem Jahre 1911 und stellt spanische sowie portugiesische Landschaften und Straßenbilder dar, in denen sich die Lebhaftigkeit der leuchtenden Farben des Südens glücklich mit der Unruhe des Treibens und Wogens der Menschen vereinigt. Etwas monoton wirken die von 1912 datierten Darstellungen der Posen des Schuhplattlers und anderer Bauerntänze aus den bayerischen Bergen. [...]

 

Berliner Börsen-Courier, 2.3.1913

 

Im Kunstsalon Keller u. Reiner, Postdamerstraße 18 b, ist die Ausstellung der Plastiken des Florentiner Bildhauers Wilhelm Riediesser und der Gemälde von Paul Schad-Rossa, Eugen Diriks und Albert Hubert noch bis Mitte März zu besichtigen. Am heutige Tage ist die Ausstellung von 11 bis 2 Uhr geöffnet.

 

Berliner Morgenpost, 16.3.1913

 

Märzausstellung der Berliner Kunstsalons

 

[...]

Bei Keller und Reiner (in der Potsdamer Straße) dominiert Paul Schad-Rossa mit etwa dreißig Bildern, von denen ein Dutzend beinahe Tiroler Bauern in Lebensgröße bei ihren nationalen Vergnügungen darstellt. Aus dem Handgelenk gemalt sehen diese Riesendinger freilich aus, und man kann hinter ihnen auch einen klugen, vielmehr geistreichen Künstler vermuten; ein bißchen sehen sie aber auch nach dem aus, was der Münchner "Grelnas" nennt. Viel höher als diese Tiroler Bauern stehen die aus Spanien mitgebrachten Bilder Schad-Rossas, mit Temperament und Kraft wiedergegebene Ausschnitte der südländischen Natur. [...]

 

Vossische Zeitung, 19.3.1913

 

Keller und Reiner. Der Berliner Paul Schad-Rossa zeigt ältere und neuere Arbeiten – Spanisches und Bayerisches. Er ist in neuerer Zeit etwas zurückhaltender, gedämpfter geworden und gleichzeitig mehr illustrativ, hat zeichnerische Elemente in seine Farben hineingezogen. Es ist geschickte Malerei – vor der man sich auch an die fast Kantisch scharf formulierte Antinomie erinnert: „Kunst kommt von Können her – wenn man’s aber kann, ist’s keine Kunst mehr!“ Ausnahmsweise sind hier einmal die Landschaften das Sekundäre gegenüber den Figurenbildern. [...]

 

Leipziger Tageblatt, 2.10.1913

 

Die Ausstellung im Leipziger Kunstverein

 

Es sind keineswegs klangvolle, keines weiteren Kommentars bedürfende Namen, mit denen der Kunstverein seine neue Ausstellungsreihe eröffnet. Es liegt ihm diesmal fern, mit einer reichhaltigen Sammlung erstklassiger Arbeiten zu brillieren – er hat drei jüngere, wenig oder kaum noch genannte Künstler an den Anfang seiner Liste gesetzt und ihnen einen breiten Raum zur Verfügung gestellt. Man könnte sie wohl unter einem dekorativen Nenner zusammenfassen (dem entspricht auch das meist verwendete Material der Temperafarbe), und doch sieht man selten so entgegengesetzte Begabungen nebeneinander. Alle drei weisen ein gutes, achtunggebietendes Können auf und sie verdienen es wohl, wenn ihnen ein eingehendes Interesse zuteil wird.

Der große Oberlichtsaal, der in zwei Räume verwandelt wurde, umfaßt eine reichhaltige Kollektion von Arbeiten des Dresdners Z. Müller-Graefe […]

In Paul Schad-Rossas Bildern aus Spanien und Tirol wird die farbenfrohe, heißbewegte Atmosphäre südlichen Volkslebens lebendig. Eine Serie von Tanzbildern verblüfft durch die Kühnheit und Einfachheit des geschwungenen Linienspiels der Glieder. Diese Tiroler Bauern sind dem herkömmlichen Typus (etwa Defreggers) weit entrückt, diese Gestalten sind unmittelbar in ihrer derben, frischen Lust erfaßt, jedes glatte Salontirolertum liegt weit dahinten. Spanische Straßenszenen, wie der prächtige „Fischmarkt“, Zigeunerbilder, die schöne „Auffahrt zur Corrida“, die ungemein klare Brückenlandschaft und die übrigen kleineren Ansichten aus Toledo bedeuten malerische Impressionen von voller und reiner Harmonie.

[...]

 

Leipziger Zeitung, 7.10.1913

 

Leipziger Kunstverein

 

[…]

Endlich ist noch die Kollektion des Malers Schad-Rossa (Berlin) zu erwähnen. Eine weibliche Aktstudie („Zwielicht“) und eine spanische Tanzszene („Carmen“) aus 1908 könnten als unangenehm „talentvolle“ Salonmalerei irgendeiner der großen Jahresrevuen in Paris oder Berlin Ehre machen. Dann aber (1911), offenbar unter dem Einfluss südlicher Sonne, entstehen sehr vereinfachte und im guten Sinne dekorative Szenen aus Spanien und Portugal, figürliche und landschaftliche Motive von z.T. großem Reiz: reine, in der Fläche ausgebreitete Farben in geschmackvoller Kombination. Man beachte die Landschaften: „Puenta di San Martin in Toledo“, „Auf der Straße in Toledo“, und die Figurenbilder: „An der Rua de 24. De Julho in Lisboa“, „Zigeunerinnen in Granada“, „Fischweiber auf dem Markt zu Lissabon“ usw. – Diese unter südlichem Himmel gefundene Vereinfachung überträgt er nun direkt auf Motive aus dem Volksleben der Bayr. Alpen und versagt fast gänzlich. Diese Schuhplattlerszenen sind eben nicht dekorativ, sondern nur flach gemalt, ungeschickt bewegt und von peinlicher Komik. Am besten gelangen dem Maler zwei Hochgebirgslandschaften (stumpf Grün gegen Blau), die von Hodler beeinflußt scheinen.

 

Dr. Ewald Bender

 

Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 14.1.1914

 

ar. In den früheren Räumen der Berliner Sezession im Ausstellungshause am Kurfürstendamm wird im Januar und Februar eine neuartige Kunstausstellung stattfinden, die eine Sammlung der Kunst auf mittlerer Linie zeigen will und von einigen Finanzleuten und namhaften modernen Künstlern aus ganz Deutschland veranstaltet wird. Unabhängig von den bestehenden Künstlerorganisationen will die Ausstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit unter besonderer Berücksichtigung der Jugend Kunstwerke vereinigen, die sich von der Konvention ebenso fernhalten wie von den Uebertreibungen der Jüngsten. Als Kommission fungieren von Malern Max Schlichting, der Präsident der vorjährigen Berliner Kunstausstellung, als Bildhauer Reinhold Felderhoff, Mitglied der Berliner Akademie der Künste, als Architekt Geheimer Baurat Professor Dr. Bruno Schmitz

Berliner Börsen-Courier, 1.5.1914

 

Die große Berliner Kunstausstellung

 

Wir gehen jedes Jahr mit dem festen Willen hinein, die Unsumme ehrlicher und fleißiger Arbeit, die hier gezeigt wird, anzuerkennen und aus den unruhigen Kämpfen des Tages uns dort in den Hafen sanktionierter Kunst zu flüchten – aber immer wieder treibt uns die Langeweile nach wenigen Viertelstunden zu der Erkenntnis, daß alle Gerechtigkeit nicht über den Tiefstand hinweghilft. Wären die Zeiten akademisch und stillen Gemüts, so könnte man wohl zwischen diesen Alltäglichkeiten lustwandeln und da und dort eine Blüte pflücken, aber die Zeiten sind frech und kühn und voller neuer Regungen, und das Bewußtsein vom Fortschritt der Kunst ist frisch, und Probleme haben uns im Innersten aufgeregt – so sind wir hier nicht mehr in einem Hafen, sondern in einem alten, vergessenen Laden, der kaum den Reiz des Altgewordenen hat, nur Temperamentlosigkeit und Abgestandenheit. Lichtblitze entschädigen nicht. Missverständnisse machen es nur um so schlimmer. Auf der Ausstellung ist ein Bild von Liebenwein: ein Mönch sieht ein Auto vorbeirasen. Es heißt: „Die neue Zeit“

Wären doch die Alten wenigstens Mönche!

[...]

Der nächste Saal Schad-Rossa, südliche Motive, frech, bunt, Licht in geworfener Linie: auch der Wannsee lässt sich das gefallen. [...]

 

Bie.

 

Berliner Morgenpost, 1.5.1914

 

Große Berliner Kunstausstellung

von Max Osborn

 

[...] Schad-Rossa verblüfft durch seine vielgewandte Geschicklichkeit, die manches von Interesse hervorbringt, wenn auch meist "Modernität" aus zweiter Hand. [...]

 

Vossische Zeitung, Sonntagsbeilage, 12.11.1916

 

Vor einigen Tagen ist der Maler Paul Schad-Rossa gestorben; fünf Ausstellungen haben den bayerischen Künstler in Berlin bekannt gemacht.

 

 

Berliner Börsen-Courier, 16.5.1917

 

Bildende Kunst

Künstlerhaus

 

Ausstellungen Paul Schad-Rossa und Professor Maximilian Schäfer

 

Die Ausstellung der Werke zweier Verstorbener! Paul Schad-Rossa hat wohl keine merkwürdigen, bleibenden Kunstwerke hinterlassen, man kann aber bei ihm von einem gewissen Niveau sprechen. Alle ausgestellten Bilder sind säuberlich gemalt, lustig, oder wenigstens regelrecht komponiert. Oft kann man von guten Farben, Geschmack und gewandter Technik sprechen. Leider hat auch er, wie so die meisten maler unserer Zeit eine Tänzerin malen müssen, dieses Gemälde ist ihm mißglückt. Nur selten einmal kann ein Künstler das Wesen der Bacchantin erfassen. Schad-Rossa wollte Wildheit, berauschende Sinnlichkeit geben und schuf nicht einmal ein gutes Plakat. [...]

 

T.D.